Médée / Mainz (13.6.2015)

By | Berichte | No Comments

Diese Inszenierung von Elisabeth Stöppler muss man aus mehreren Gründen nicht gesehen haben – es sei denn, Sie mögen tote Tiere und Heiner Müller. Im ersten Teil senkt sich immerhin ein riesiges, erlegtes Nashorn herab, dessen Horn von Jason abgesägt wird. Im dritten Akt bevölkern dann Flüchtlinge die Bühne – es scheint, als ob Vertriebene mittlerweile als Stilmittel auf der Bühne in Dauerschleife zu sehen sind. Es gibt ein paar gute Ideen, aber sie tragen einfach nicht. Den ganzen Abend über werden zudem statt der Dialoge Medea-Texte von Heiner Müller eingespielt. Ein Mehrwert erschließt sich mir nicht.

Ich kann mich ganz generell nicht entsinnen, wann ich mich in einer Oper zum letzten Mal derart gelangweilt hätte. Allein, ein komatöses Wegdämmern war nicht möglich, insbesondere im ersten Teil des überlangen (die Pause dehnte sich auf eine Stunde wegen eines technischen Defektes) Abends, der unter dem Motto “Anything you can sing I can sing louder” zu stehen schien. Orchester und Sänger lieferten sich ein Überbietungsduell, das zur Halbzeit in einem Unentschieden endete, im zweiten Teil dann aber vernehmbar die Leistung der Sänger beeinträchtigte. Ist der Medea-Stoff denn wirklich so fad, als dass man dessen vermeintliche (!) Leere durch Lautstärke überdecken müsste ? Nichts gegen Sturm und Drang aus dem Graben (wo Andreas Spering den Taktstock schwingt), raue Orchesterwogen im Blech, hämmerndere Paukenschläge – aber wenn neunzig Prozent des Abends lauter als Mezzoforte erklingt, dann ist etwas gehörig (pun intended) schief gelaufen. Hat dem Chorleiter denn niemand gesagt, dass die Einspielungen seiner Truppe aus dem Off dünn und die Damen wie ein Altweiberchor der Kirchengemeinde klingen ? Dass dieser Cherubini überhaupt mehr mit Wagner als mit Cherubini gemein hat?  Nadja Stefanoff (Médée), Philippe Do (Jason), Dorin Rahardja (Dircé), Geneviève King (Néris) und Peter Felix Bauer (Créon) richteten die Partitur hin. Möge sie in Frieden ruhen.

Share Button

Turn of the Screw / Wiesbaden (12.6.2015)

By | Berichte | No Comments

Die vertonte Henry James-Novelle in Szene zu setzen ist einerseits leicht, da Britten ein unglaublich dichtes, packendes Kammerspiel komponiert hat, andererseits verdammt schwierig – müssen doch einerseits besonders realistische, eigentlich filmisch korrekte Bilder gefunden werden, um ihnen dann alptraumhafte Visionen und schauderhafte Traumbilder gegenüber zu stellen. Kurzum: das Werk lebt von den Extremen, während die meisten Opern in ihren Handlungen und in ihrer Grundkonzeption ja irgendwo in semi-realen Sphären angesiedelt sind. Und wer, wenn nicht Robert Carsen, könnte dieser Aufgabe gerecht werden ?

Sein “Turn of the Screw” überzeugt durch narrative Dichte, den gelungenen Einsatz von filmischen Mitteln und schnelle Szenenwechsel. Das Dirigat des mehr oder minder geschassten GMDs Zsolt Hamar besitzt alles, was man so häufig bei ihm vermisste – präzise Einsätze, Differenziertheit, Umsicht, Klangmagie.

Etwas schrill, aber durchaus rollendeckend Miss Jessel (Victoria Lambourn), sehr mädchenhaft die Flora von Stella An, prägnant und überzeugender als in seinen Strauss/Wagner-Einsätzen Thomas Piffka als Peter Quint. Drei große Entdeckungen sind zu vermelden: Yorick Ebert als abgründig-engelsgleicher Miles,  Claudia Rohrbach als Gouvernante mit absolut unschuldig-reinem Sopran und vor allem die Mrs. Grose der nunmehr 75-jährigen Helen Donath. Unglaublich, wie frisch diese Stimme immer noch klingt und sympathisch anzuschauen, wie sie die anderen Darsteller beim Schlussapplaus großmütterlich “umsorgt”.

Das Haar in der Suppe findet sich an diesem Abend weder auf der Bühne noch im Orchestergraben, sondern sitzt im Publikum. Knisternde Bonbonpapiere und Privatgespräche im ziemlich leeren Haus – Wiesbaden at its worst.

Share Button

Lohengrin / Pforzheim (10.6.2015)

By | Berichte | No Comments

Wagner und Provinz – das beißt sich oft. Zu hoch sind die Anforderungen an kleine Häuser, wirklich adäquate Aufführungen zu Wege zu bringen. In der Goldstadt Pforzheim schlug man sich mit dem “Lohengrin” wacker, ohne dass die Entdeckung eines Wagner’schen El Dorados zu vermelden wäre.

Besonders heikel ist bei den downgesizten Produktionen häufig die Orchesterbalance. Man war beim kniffeligen Vorspiel zum ersten Akt regelrecht froh, als das (dann zu dominate) Blech einsetzte und der Saitenkratzerei ein Ende bereitete. Die Stärke des Dirgates liegt, diplomatisch gesagt, im Forte. Damit überragte GMD Markus Huber die brav nacherzählende Regie von Wolf Widder um Weiten. Pforzheim mag wenig Geld für Ausstattung haben, geschenkt. Aber derart häßliche Kostüme  und ein so langweiliges Bühnenbild, bestehend aus einem verschiebbaren Baugerüst (für beides zeichnet sich Joanna Surowiec verantwortlich) sind mir schon lange nicht mehr untergekommen.

Kurios auch die gespielte Fassung – ausgerechnet bei den Chören wurden hörbare, abrupte Kürzungen vorgenommen, z.B. bei der Ankunft Lohengrins und vollständig das “In Frühn versammelt uns der Ruf” im zweiten Akt. Dafür spielt man das häufig gestrichene “O Elsa! Was hast du mir angetan!” Warum auch immer.

Sängerisch blass bleiben König Heinrich (Matthias Degen), Heerrufer (Aykan Aydin) und auch  leider auch Telramund (Hans Gröning). Anna Agathonos hat sich die Ortrud schlau zurecht gelegt, aber es war schwer zu überhören, dass diese Partie eigentlich nicht einmal eine Grenzpartie für sie darstellt – zu arg hadert sie mit den hohen Noten. Beim “Fahr heim” im dritten Akt kam der erwartbare Offenbarungseid. Schade, denn darstellerisch ist sie ungleich präsenter als ihr Bühnengatte. Beim “hellen Paar” überzeugen beide Sänger: Tiina-Maija Koskela, vor allem durch kluge Pianokultur bei den “trüben Tagen”, aber auch mit Durchsetzungsfähigkeit in der Brautgemachszene. Sympathisch übrigens auch der leicht vernnehmbare Akzent. Reto Rosin leiht der Titelpartie seinen leicht baritonalen Tenor, der von der Kraft her irgendwo zwischen Tamino und Tristan angesiedelt ist. Die Höhen sind etwas dünn, verlieren aber dennoch nicht an Glanz.

Share Button

Peter Grimes / Ulm (5.6.2015)

By | Berichte | No Comments

“Who can turn skies back and begin again ?” Das ist nur eine der zahlreichen Zeilen, die zum Nachdenken anregt aus der vielleicht besten Nachkriegsoper. Allerdings bietet sie keine leichte Kost, weswegen sich das Auditorium schon vor der Pause – merkwürdigerweise direkt nach dem Damenquartett des zweiten Aktes – zu leeren beginnt. Dabei mutet die Regie des Ulmer Opernchefs (Matthias Kaiser) keineswegs zuviel zu – die Handlung spielt durchgängig in einem riesigen Schiffsrumpf mit überwiegend stilisierten Bühnenbildern. Noch kann man in Ulm ensembletechnisch aus dem Vollen schöpfen und benötigt wenig Gäste. Unerwartet einspringen musste Susanne Schimmack als Ellen Orford – und ich war heilfroh, meine “Unlieblingssängerin” Oxana Arkaeva verpasst zu haben. Schimmacks Sopran drängt hörbar ins Heldische, kann aber in der “Embroidery”-Arie bewegend-resignierende töne anstimmen. Hans-Günther Dotzauer, eigentlich schon zum Inventar zählend, besitzt mehr einen Charakter- als Heldentenor, meistert die enorme Anforderung aber auf seine Weise sehr annehmbar. Interessanterweise wird er hier vollkommen als Unsympath dargestellt – kein Individuum, das an der Masse scheitert, sondern einzig und allein an sich selbst. Das Orchester unter der Leitung von Daniel Montané kämpft phasenweise hörbar mit den Anforderungen der Partitur, wie auch die meisten Sänger mit dem englischen Idiom. Unterm Strich dennoch ein lohnenswerter Abend, da gezeigt wird, was ein kleines Theater alles zu schaffen in der Lage ist. Der “Turandot” und sogar dem “Lohengrin” nächste Spielzeit kann man guten Mutes entgegensehen.

Share Button

Catone in Utica / Wiesbaden (30.5.2015)

By | Berichte | No Comments
_mg_3152

Foto: Martina Pipprich

“Oh namenlose Freude !” Falsche Oper, aber passende Beschreibung für einen atemberaubenden, überirdischen Abend. Schon vor ein paar Jahren hat Parnassus, die Agentur/Produktionsfirma des Mezzo Max Emanuel Cenic mit der Ausgrabung der Leonardo (ohne “da”) Vinci-Oper “Artaserse” einen wahren Glücksgriff gelandet. Man kann konstatieren, dass er diesen Coup mit “Catone in Utica” wiederholen konnte. Glückwunsch an dieser Stelle auch an den Intendanten Laufenberg, der den richtigen Riecher bewiesen hat, diese Produktion rechtzeitig einzukaufen und somit die szenische Erstaufführung ans Land gezogen zu haben. In zwei Jahren soll übrigens erneut eine Parnassus-Produktion die Wiesbadener beglücken. Man darf sich freuen. (Und vielleicht auch hoffen, dass die Vorstellung dann nicht erst auf halb acht angesetzt wird.)

Bei “Artaserse” war die szenische Umsetzung noch ungewohnt – schließlich wurden alle Rollen, also auch die weiblichen, von Männern gesungen. Bei “Catone” konnte man sich bereits darauf einstellen und vielleicht noch intensiver genießen als vor drei Jahren in Nancy. Die Produktion (Regie: Jakob Peters-Messer) dürfte in erster Linie auf ihre Tourneetauglichkeit hin konzipiert worden sein, was der gelungenen Ästhetik keinen Abbruch bereitet. Auch trotz einer reinen Spielzeit von drei Stunden und zehn Minuten (die gleichzeitig erschienene CD-Einspielung beläuft sich auf fast vier Stunden) kommt keine Langeweile auf – obgleich es wünschenswert gewesen wäre, mit den Übertiteln nicht derart zu geizen. Im Prinzip kann man der Handlung nur folgen, wenn man das Original kennt oder das sündhaft teuere Programmheft erworben hat.

Am meisten Applaus erhält am Ende des Abends das Orchester Il Pomo d’Oro unter der Leitung von Riccardo Minasi, der zusätzlich auch den Konzertmeister gibt (sprich: Geige spielt). Vincis langsamen Arien fehlt es ein wenig an emotionaler Tiefe, aber die zahlreichen schnellen Stücke sind fetzig und an Blech und Pauken wird nicht gespart. “BaROCKe” Musik, flapsig formuliert.

Genau deshalb kann Franco Fagioli als Cesare am meisten prunken. Seine Höhensicherheit, seine Koloraturgewandheit ist beispiellos – das “In campo armato” bringt die Vorstellung kurzfristig zum Stillstand. Derart aus dem Haus ist das Publikum, dass der längst nach hinten abgegangene Fagioli von der Seitenbühne auftritt und den Applaus in Empfang nimmt. Dass Fagioli aber eben auch mehr kann als hohe Töne zu produzieren, das hört man dann in einem berückend schönen Largo im dritten Akt. Den Gegenspieler und Titelfigur gibt der Tenor Juan Sancho. Anfangs hat er Mühe, die Stimme auf Linie zu bringen, aber die eigentlich unmögliche Anforderung, direkt nach Fagiolis Showstopper eine weitere Bravourarie zum Besten zu geben, erfüllt er ohne Einschränkung. Der andere Tenor, Martin Mitterrutzner (Fulvio) kommt erst im zweiten Akt zu seiner ersten großen Nummer, die auf sehr humorvolle Weise sein Verhältnis zur Pompeius-Witwe Emilia präsentiert. Vince Yi singt diese “Rockrolle” (oder gibt es ein passenderes Pendant zur “Hosenrolle”?) mit Biss und weiblicher Verschlagenheit. Als Marzia, Cesares Frau, war eigentlich Valer Sabadus vorgesehen gewesen – Ray Chenez singt alles ohne Fehl und Tadel, aber mir fehlte ein wenig der weiche, warme Klang  in  den Ohren, zumal diese Partie weniger auf dramatische als vielmehr introspektive Affekte ausgelegt ist. Aber das ist Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau. Cencic selbst ist freilich auch mit von der Partie. Der Arbace liegt ihm ausnehmend gut in der Kehle, sein eher dunkel timbrierter, tiefer Mezzo kommt ihm da sehr entgegen.

Fazit: Für diese Produktion loht sich auch ein weite Anreise !

Share Button




Error: Your Requested widget "Popular Posts " is not in the widget list.
  • [do_widget_area sidebar-1]
    • [do_widget id="search-2"]
    • [do_widget id="recent-comments-2"]
    • [do_widget id="archives-2"]
    • [do_widget id="text-4"]
  • [do_widget_area sidebar-2]
    • [do_widget_area sidebar-3]
      • [do_widget_area sidebar-4]
        • [do_widget id="text-2"]
      • [do_widget_area sidebar-5]
        • [do_widget id="text-6"]
      • [do_widget_area widgets_for_shortcodes]
        • [do_widget id="search-3"]
        • [do_widget id="recent-comments-3"]
        • [do_widget id="archives-3"]
        • [do_widget id="widget_tptn_pop-3"]
        • [do_widget id="recent-posts-4"]
        • [do_widget id="text-7"]
      • [do_widget_area wp_inactive_widgets]
        • [do_widget id="text-3"]