Lohengrin / Zürich (11.7.2015)

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Ein rundum beglückender “Lohengrin” – das hat man selten. In Zürich war man jedenfalls verdammt nah dran.

Das lag sicher am umsichtigen, dramatischen, aber nie dröhnenden Dirigat von Simone Young, der an diesem einen Abend wohl mehr Sympathie von Publikumsseite entgegen schlugen als  in einem Durchschnittsmonat  in Hamburg. Nichts gegen Kent Nagano, aber man wird Frau Young dort sicher noch vermissen…. Die Regie von Hausherr Andreas Homoki entstand in Zusammenarbeit mit der Wiener Staatsoper und lässt die Handlung in einer Art bayerischem Wirtshaus spielen. Das bringt keine neuen bahnbrechenden Erkenntnisse, zeigt aber den Druck, die Engstirnigkeit, mit der Elsa hadert und der sie am Ende auch selbst zum Opfer fällt, als sie nach dem Namen ihres Retters fragt. Interessant das bebilderte Vorspiel zum ersten Akt, in welchem das Verhältnis Friedrich-Elsa genauer beleuchtet wird.

An den stimmlichen Leistungen gemessen war dies vor allem ein Abend des “hellen”,  weniger des “dunklen” Paares. Letzteres liegt weniger an Martin Gantners (etwas zu) hellem, aber wortverständlichen Bariton, sondern an seiner Bühnengattin – der Ortrud  von Petra Lang. Deren “Sopran” ist in der Höhe mittlerweile erschreckend ausgedünnt und entfaltet längst nicht mehr den Furor von vor einigen Jahren. Die Mittellage indes klingt jaulend. Schlimmer ist nur noch ihr Auftreten, das sich am ehesten als männermordende dirndltragende Transvestitwirtin beschreiben lässt. Irgendwie peinlich-schräg.  Beim Budget ist dem Zürcher Opernhaus wohl auch das Budget zu Neige gegangen als man Michael Kraus als Heerrufer mit brüchiger Stimme engagierte, nicht jedoch beim König Heinrich, den Günther Groissböck auf sehr gelungene Weise interpretiert. (Laut offizieller Ansage vor dem Vorhang war er für den “erkrankten” Christof Fischesser eingesprungen – nur hatte der am Abend einen fulminanten Orest gesungen und war sein Abgang bereits Tage zuvor auf der Homepage des Opernhauses vermerkt worden.)

Nun aber zum “hellen Paar”, das in vollem Licht strahlte. Auch wenn sie weniger Applaus als ihr Bühnenpartner erhielt, war für mich Elza van den Heever als Elsa die Entdeckung des Abends. Ich hatte sie in dieser Rolle bereits vor ein paar Jahren ohne Wiedererkennungswert in Frankfurt gehört. Die zahlreichen Ausflüge ins Belcantofach (“Norma”) haben sich nun hörbar bezahlt gemacht. Butterweich die Tongebung, ein vorbildliches Legato und auch darstellerisch sehr überzeugend. Allein die Diktion ist etwas verwaschen. Und Vogt ? Nun, selbst wer Vogt nicht mag, kann nicht umhin zu konstatieren, dass da ein Sänger mit der Rolle (seines Lebens ?) gewachsen ist. Überirdisch schön, ätherisch ist die Tongebung immer noch – allerdings längst nicht mehr so “weiß” wie einst. Es mischen sich deutlich mehr Brusttöne in die Gestaltung, die diesen Lohengrin von seinem sakralen Sockel herunterholen und ihn auch zum Mann aus Fleisch und Blut machen. Seine Unart, Phrasen zu “veratmen”, vernimmt man immer noch, allerdings seltener und dies auch eher am Ende des Abends. Darstellerisch war Vogt trotz orthopädischer Schiene voll präsent und kann im zweiten und dritten Akt  dann auch bei Bedarf  richtig hart, verbissen klingen – um dann mit einer Gralserzählung abzuschließen, von der man noch in Jahren mit Freuden sagen darf: “Ich war dabei.”

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Elektra / Zürich (10.7.2015)

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Dirigat: Lothar Koenigs begnügt sich, die Partitur brav rauf- und runter zu deklinieren.

Regie: Martin Kusej lässt die Handlung um die moralisch fragwürdige Atridensippe passenderweise in einem sich nach hinten verengenden Raum mit zahlreichen Türen spielen – je nach Beleuchtung ähnelt die Bühne einem Swingerclub und einem Irrenhaus (am Ende). Dieser Übersexualisierung entziehen sich die drei Damen des Hauses auf unterschiedliche Weise. Die eine durch großbürgerliche Grandezza (Klytmämnestra), die andere durch stilisierte Jungfäulichkeit (Chrysothemis). Und die Titelfigur durch Asexualität. Ein gutes, gelungenes Konzept, auch wenn weniger mehr gewesen wäre. Sambatänzerinnen zum Schluss hat dieses Meisterwerk eigentlich nicht nötig.

Sänger: Michael Laurenzius macht aus der dreieinhalbminütigen Ägisth-Nummer einen kleinn Höhepunkt des Abends. Toll. Mein bisher bester Orest war Christof Fischesser mit vollem, runden, balsamischen Bass. Singt der schon den Gurnemanz und wenn ja, wo ? Enttäuschend Hanna Schwarz als Klytämnestra. Die grande dame hat immer noch eine überraschend intakte Stimme – allerdings intoniert sie häufig zu tief (okay, kommt vor). Dass sie aber darstellerisch nichts aus dem Text macht, das ist eher unverzeihlich. Die Tochter-Mutter-Szene war jedenfalls – und ganz ungewohnt – die schwächste des ganzen Abends. Passabel die Chrysothemis von Emily Magee. Die Höhe ist bemerkenswert stark, aber der nötige Silberklang für diese Partie fehlt dann doch. In der Mittellage hört sich die Stimme sehr matronenhaft an und in der Tiefe verfällt sie mehr als einmal in eine Art Deklamationsstil. Atemberaubend und mit Referenzcharakter die Elektra von Evelyn Herlitzius. Hundertprozentige Rollenidentifikation trifft auf plastische Textgestaltung. Klar, eine “schöne” Stimme hat sie nicht (wie z.B. Christine Goerke), aber eine schneidende, mit der sie jederzeit den Hass bestens kommunizieren kann. Auch in den lyrischeren Stellen kann sie sich gut präsentieren – allerdings bricht die Stimme in der Erkennungsszene mit Orest einmal, beim Schluss gleich zweimal. Wahrscheinlich (und hoffentlich !) ist dies nur der aktuellen Doppelbelastung (Bayreuth/Isolde) geschuldet.

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Pique Dame / Baden-Baden (9.7.2015)

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Es dürfte wenig geeignetere Städte für dieses Meisterwerk geben als Baden-Baden, und – vielleicht vom genius loci inspiriert – zeigte das Petersburger Mariinsky auf seiner alljährlichen Visite an der Oos das Drama um Spielsucht und Wahn auf musikalisch einprägsame Weise.

Valery Gergiev hatte daran großen Anteil. Er bevorzugte eher langsame Tempi, was die ungestrichene Partitur und zwei Pausen auf über vier Stunden lang dehnte. Aber angesichts des dunkel-düstren, brodelnden Orchesterklanges war da keine Minute zu viel. Zumal Gergiev es versteht, seine Sänger auf Händen bzw. auf den Noten zu tragen. Gäbe es ein russisches Äquivalent für Italianata  oder gibt es das ?), dann wäre er hier angebracht.

Ein interessanter Fall war der Hermann  von Mikhail Vekua – keine große Stimme, aber an den großen Stellen fast schon zu präsent mit relativ hellem Tenor. Klassisch besetzt hingegen die Lisa mit Irina Churilova als Einspringerin für Tatjana Serjan. Ihr gelingt es, die fordernde Partie im großen Festspielhaus immer lyrisch, nie schrill klingen zu lassen. Die junge Lyudmila Dudinova machte als Gräfin ihre Sache ordentlich, aber so etwas wie eine Aura besaß sie nicht. Alexei Markov zeigte als Jeletzki einen profunden Bariton alter russischer Schule und Roman Burdenko war ein ungewohnt heldischer Tomski – warum letzterer bei der Pastorale als Plutus szenisch derart bloßgestellt werden musste, ist mir ein Rätsel.

Überhaupt ist diese ganze Inszenierung von Alexei Stepanyuk ein Rätsel. Nämlich insofern als dass sich die Frage stellt, worin da genau die Regie bestand. Man ja gerne nach dem Motto verfahren “schön( kostümiert)e Menschen singen schöne Melodien” – aber da war in den kammerspielartigen Szenen teilweise derart viel Leerlauf, dass ich mich mehr als einmal an die erst neulich gehörte Carsen-Inszenierung in Strasbourg zurück sehnte.

Gleichwohl – da meine szenischen Erwartungen von Anfang an nicht besonders hoch  waren, ein allemal lohnender Abend.

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Iphigenie auf Tauris / Karlsruhe (5.7.2015)

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Ein überraschend positiver Opernnachmittag im erschreckend leeren Badischen Staatstheater war das gestern – und das lag sicher nicht nur an der angenehmen Klimatisierung. Nachdem ich sowohl “Il Matrimonio segreto” und die drei Martinu-Einakater in Frankfurt hitzebedingt gecancelt hatte, konnte ich mich wenigstens und überraschenderweise zum Gluck aufraffen. Überraschend deshalb, da ich mit Gluck eigentlich wenig anfangen kann. Woran auch immer es liegen mag. Das Experiment hat sich also gelohnt, was mehrere Gründe hat, allen voran die sehr choregraphisch anmutende Regie von Arila Siegert im schön anzusehenden Bühnenbild von Thilo Reuther und das spritzige Dirigat von Daniele Squeo, das in meinenOhren angenehmerweise so gar nicht nach zäher Reformoper klang.

Sängerisch überzeugten mich am meisten der Pylades (Jesus Garcia) mit hellem Tenor sowie der Orest von Andrew Finden. Beide gelang insofern die vokale Quadratur des Kreises, als dass einerseits flexible, gut fokussierte Stimmen zu hören waren, die aber andererseits eben nicht zu laut klangen. Letzteres traf eher wenig auf Katherine Tier in der Titelpartie zu – im Forte scheppert es da schon arg nach 19. Jahrhundert. Viele Piani klingen aber innig und berühren.

Das Einzige, was mich an diesem Nachmittag irgendwie ratlos zurück ließ, war der Einsatz einiger Asylbewerber aus dem Landkreis Karlsruhe als “Gestrandete” (Statisten). Irgendwie empfand und empfinde ich dies weiterhin als eine Art dramaturgischen Voyeurismus; ja – auch als eine Form der künstlerischen Ausbeutung der individuellen Schicksale. Braucht es denn wirklich den “Nervenkitzel”, echte Flüchtlinge auf die Bühne zu bringen ? Wo liegt da der Mehrwert ? Die ansonsten gelungene Regie hätte diesen wohl in erster Linie mediale Aufmerksamkeit heischenden Tricks  eigentlich gar nicht benötigt.

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Le nozze di Figaro (Gala) / Mannheim (28.6.2015)

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Es gibt weiß Gott “bequemere” Stücke für einen festlichen Opernabend als den Figaro – zu komplex sind die langen Ensembleszenen für einen wirklich gelungenen Import hochbezahlter Gastsänger. Insofern ist allein aus diesem Grund die gestrige Aufführung mit Lob zu bedenken, da wirklich alles wie am Schnürchen lief. Und falls nicht, dann wäre es mir nicht aufgefallen. Alle drei “Stars” werfen sich mit Leidenschaft in ihre Rollen und nie hat man den Eindruck, sie würden den örtlichen Ensemblemitgliedern “zeigen, wie es richtig geht”.

Erwin Schrott in der Titelpartie wirkt fast ein wenig zu edel für diese Rolle, auch sein Bass klingt teilweise merkwürdig entkernt, keinesfalls voll. Stimmgewaltig ist er allemal und ein Sympathieträger erst recht. Roman Trekel singt phasenweise eher in sich hinein als nach außen (anders kann ich es schlecht beschreiben), gibt aber ein glaubwürdiges Rollenbild ab. Anstatt Barbara Frittoli bot man kurzerhand Amanda Majeski auf – eine gute Wahl. Die leicht zittrige Höhe empfand ich als ansprechend, auch wenn sich bei mir letztlich keine Gänsehaut einstellen wollte.

Abräumen tat aber jemand anderes – nämlich Ensemblemitglied Tamara Banjesevic. Wenn ich den Aushang recht gedeutet habe, handelte es sich hier sogar um ein Rollendebüt. Chapeau, Madame ! Keine soubrettige, sondern eine kraftvolle Susanne. Eindrücklich auch der intrigante Bartolo von Sung Ha in seiner Rachearie, ohne Fehl und Tadel – allerdings auch ohne den notwendigen Zauber – hingegen der Cherubino von Ludovica Bella.

Wenn es etwas zu monieren gibt, dann das Dirigat von Dan Ettinger. Bleischwer die Ouvertüre, verhetzt das Finale Akt IV und zwischendrin irgendwie belanglos.

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