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Pique Dame / Baden-Baden (9.7.2015)

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Es dürfte wenig geeignetere Städte für dieses Meisterwerk geben als Baden-Baden, und – vielleicht vom genius loci inspiriert – zeigte das Petersburger Mariinsky auf seiner alljährlichen Visite an der Oos das Drama um Spielsucht und Wahn auf musikalisch einprägsame Weise.

Valery Gergiev hatte daran großen Anteil. Er bevorzugte eher langsame Tempi, was die ungestrichene Partitur und zwei Pausen auf über vier Stunden lang dehnte. Aber angesichts des dunkel-düstren, brodelnden Orchesterklanges war da keine Minute zu viel. Zumal Gergiev es versteht, seine Sänger auf Händen bzw. auf den Noten zu tragen. Gäbe es ein russisches Äquivalent für Italianata  oder gibt es das ?), dann wäre er hier angebracht.

Ein interessanter Fall war der Hermann  von Mikhail Vekua – keine große Stimme, aber an den großen Stellen fast schon zu präsent mit relativ hellem Tenor. Klassisch besetzt hingegen die Lisa mit Irina Churilova als Einspringerin für Tatjana Serjan. Ihr gelingt es, die fordernde Partie im großen Festspielhaus immer lyrisch, nie schrill klingen zu lassen. Die junge Lyudmila Dudinova machte als Gräfin ihre Sache ordentlich, aber so etwas wie eine Aura besaß sie nicht. Alexei Markov zeigte als Jeletzki einen profunden Bariton alter russischer Schule und Roman Burdenko war ein ungewohnt heldischer Tomski – warum letzterer bei der Pastorale als Plutus szenisch derart bloßgestellt werden musste, ist mir ein Rätsel.

Überhaupt ist diese ganze Inszenierung von Alexei Stepanyuk ein Rätsel. Nämlich insofern als dass sich die Frage stellt, worin da genau die Regie bestand. Man ja gerne nach dem Motto verfahren “schön( kostümiert)e Menschen singen schöne Melodien” – aber da war in den kammerspielartigen Szenen teilweise derart viel Leerlauf, dass ich mich mehr als einmal an die erst neulich gehörte Carsen-Inszenierung in Strasbourg zurück sehnte.

Gleichwohl – da meine szenischen Erwartungen von Anfang an nicht besonders hoch  waren, ein allemal lohnender Abend.

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Iphigenie auf Tauris / Karlsruhe (5.7.2015)

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Ein überraschend positiver Opernnachmittag im erschreckend leeren Badischen Staatstheater war das gestern – und das lag sicher nicht nur an der angenehmen Klimatisierung. Nachdem ich sowohl “Il Matrimonio segreto” und die drei Martinu-Einakater in Frankfurt hitzebedingt gecancelt hatte, konnte ich mich wenigstens und überraschenderweise zum Gluck aufraffen. Überraschend deshalb, da ich mit Gluck eigentlich wenig anfangen kann. Woran auch immer es liegen mag. Das Experiment hat sich also gelohnt, was mehrere Gründe hat, allen voran die sehr choregraphisch anmutende Regie von Arila Siegert im schön anzusehenden Bühnenbild von Thilo Reuther und das spritzige Dirigat von Daniele Squeo, das in meinenOhren angenehmerweise so gar nicht nach zäher Reformoper klang.

Sängerisch überzeugten mich am meisten der Pylades (Jesus Garcia) mit hellem Tenor sowie der Orest von Andrew Finden. Beide gelang insofern die vokale Quadratur des Kreises, als dass einerseits flexible, gut fokussierte Stimmen zu hören waren, die aber andererseits eben nicht zu laut klangen. Letzteres traf eher wenig auf Katherine Tier in der Titelpartie zu – im Forte scheppert es da schon arg nach 19. Jahrhundert. Viele Piani klingen aber innig und berühren.

Das Einzige, was mich an diesem Nachmittag irgendwie ratlos zurück ließ, war der Einsatz einiger Asylbewerber aus dem Landkreis Karlsruhe als “Gestrandete” (Statisten). Irgendwie empfand und empfinde ich dies weiterhin als eine Art dramaturgischen Voyeurismus; ja – auch als eine Form der künstlerischen Ausbeutung der individuellen Schicksale. Braucht es denn wirklich den “Nervenkitzel”, echte Flüchtlinge auf die Bühne zu bringen ? Wo liegt da der Mehrwert ? Die ansonsten gelungene Regie hätte diesen wohl in erster Linie mediale Aufmerksamkeit heischenden Tricks  eigentlich gar nicht benötigt.

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Le nozze di Figaro / Mannheim (28.6.2015)

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Es gibt weiß Gott “bequemere” Stücke für einen festlichen Opernabend als den Figaro – zu komplex sind die langen Ensembleszenen für einen wirklich gelungenen Import hochbezahlter Gastsänger. Insofern ist allein aus diesem Grund die gestrige Aufführung mit Lob zu bedenken, da wirklich alles wie am Schnürchen lief. Und falls nicht, dann wäre es mir nicht aufgefallen. Alle drei “Stars” werfen sich mit Leidenschaft in ihre Rollen und nie hat man den Eindruck, sie würden den örtlichen Ensemblemitgliedern “zeigen, wie es richtig geht”.

Erwin Schrott in der Titelpartie wirkt fast ein wenig zu edel für diese Rolle, auch sein Bass klingt teilweise merkwürdig entkernt, keinesfalls voll. Stimmgewaltig ist er allemal und ein Sympathieträger erst recht. Roman Trekel singt phasenweise eher in sich hinein als nach außen (anders kann ich es schlecht beschreiben), gibt aber ein glaubwürdiges Rollenbild ab. Anstatt Barbara Frittoli bot man kurzerhand Amanda Majeski auf – eine gute Wahl. Die leicht zittrige Höhe empfand ich als ansprechend, auch wenn sich bei mir letztlich keine Gänsehaut einstellen wollte.

Abräumen tat aber jemand anderes – nämlich Ensemblemitglied Tamara Banjesevic. Wenn ich den Aushang recht gedeutet habe, handelte es sich hier sogar um ein Rollendebüt. Chapeau, Madame ! Keine soubrettige, sondern eine kraftvolle Susanne. Eindrücklich auch der intrigante Bartolo von Sung Ha in seiner Rachearie, ohne Fehl und Tadel – allerdings auch ohne den notwendigen Zauber – hingegen der Cherubino von Ludovica Bella.

Wenn es etwas zu monieren gibt, dann das Dirigat von Dan Ettinger. Bleischwer die Ouvertüre, verhetzt das Finale Akt IV und zwischendrin irgendwie belanglos.

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Julietta / Frankfurt (27.6.2015)

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Von Martinu kannte ich bisher nur die “griechische Passion”, ein packendes Musiktheaterwerk über Flucht, Vertreibung und Doppelmoral. Vielleicht hatte ich mir deswegen einfach zu viel von “Julietta” erwartet, das im Jubiläumsjahr auch in Zürich gezeigt wird.  Die Handlung liest sich eigentlich interessant, geht es doch um die Frage, was Erinnerung und was Erfindung ist und wo die Grenzen verlaufen. Der Buchhändler Michel sucht in einer merkwürdigen Stadt die junge Frau, in die er sich einst verliebte. Merkwürdig ist die Stadt deshalb, da keiner ihrer Bewohner im Besitz eines Langzeitgedächtnisses ist und alle Selbstverständlichkeiten des menschlichen Zusammenlebens in Frage gestellt werden. Wer Christopher Nolans Meisterwerk “Memento Mori” gesehen hat, weiß, welch Potential einem solchen Stoffe innewohnt. Nun hat sich Martinu, der sich auch für die Texte verantwortlich zeichnet (wenn auch nicht für die Übersetzung ins Deutsche), für einen heiter-komödiantischen Zugang entschlossen und für mein ganz privates Empfinden daneben gelangt. Aber so richtig. Man kann dem Komponisten sicher nicht vorwerfen, auf die Dramatik verzichtet und die absurden Seiten überbetont zu haben – das ist allein seine Entscheidung – aber es reihte sich eine kuriose Begegnung mit den Stadtbewohnern an die nächste ohne dass wirklich etwas passiert, ohne dass sich eine Art Spannungsbogen auftäte. Und das eine Stunde und fünfzig Minuten lang, dann war allerdings nicht Schluss, sondern erst Pause. Vielleicht hätte ich im dritten Akt ja eine Art “Wende” erleben können, aber das Risiko wollte ich dann doch nicht eingehen und bin gegangen.

Auch musikalisch hat mich nichts vom Hocker gehauen. Es gibt ein paar sehr wenige, kurze instrumentale Stellen, aber in der Regel dominiert ein banaler Parlandoton, der häufig abrupt (wie die Kurzzeiterinnerungen) endet, so dass die Sänger ihre Texte sprechen. Es scheint fast so, als ob Martinu selber nicht so recht weiter wusste. Dabei macht das Orchester unter Leitung des GMDs nichts falsch. Kurt Streit müht sich redlich, auch wenn es seiner Stimme an Schmelz mangelt – gleiches gilt auch für Juanita Lascaro in der Titelpartie.

Wer meine Premierenkarte für die drei Einakter im Bockenheimer Depot nächsten Samstag haben möchte, der melde sich über die Kommentarfunktion.

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Pique Dame / Strasbourg (16.6.2015)

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“Tri karti, tri karti, tri karti” – Auch wer des Russischen nicht mächtig ist, dürfte wenig Zeit brauchen um das Drama des Protagonisten der vorletzten Oper Tschaikowskys, “Pique Dame” zu begreifen: ein Emporkömmling und trotzdem weiterhin Außenseiter, in ethnischer und insbesondere finanzieller Hinsicht. Ein Getriebener, der das vermeintliche Problem der unerreichbaren Liebe durch einen einzigen großen Coup am Spieltisch lösen will – und dabei vollkommen übersieht, dass all dies nicht nötig wäre.

Misha Didyk spielt den Hermann beklemmend, raubtierartig und verängstigt. Das eruptive Finale des ersten Bildes ist noch arg zurückhaltend, aber spätestens im Duett mit seiner Angebeteten Lisa, zeigt Didyk auch vokale Präsenz. Dass die Höhe nicht sonderlich stark ist, dürfte bei dieser Partie kein besonderes Hindernis darstellen, die Mittellage überzeugt umso mehr. Sein letztes Solo vor dem Selbstmord ist Zynismus vom Besten. Tatiana Monogarova hat für ihre nicht nur lyrische Partie ausreichend Kraft, aber mir fehlte da das Sehnsuchtsvolle, das farbige Timbre. Ebenfalls eher blass und ohne Erinnerungwert die weitere Herrenriege (Roman Ialcic als Tomski und Tassis Christoyanis als Jeletzki). Spannend hingegen die Besetzung der Gräfin mit Malgorzata Walewska – kein Altstar, der seine Stimmreste vorführt, sondern ein intakter Mezzosopran – dem man sofort abnimmt, warum sie einmal als “Moskauer Venus” bezeichnet wurde.

Da ich die “Pique Dame” bisher erst zweimal hören konnte, möchte ich bei der Bewertung von Marko Letonjas Dirigat eher Vorsicht walten lassen – besonders angesprochen hat es mich nicht.  Wunderbar hingegen – und wie so oft – die Regie von Robert Carsen. Es ist immer wieder erstaunend, wie es ihm gelingt, eine Geschichte genau zu erzählen ohne ihr eine Metaebene oder eine gänzlich abweichend erscheinende aufzuoktroyieren.

 

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Médée / Mainz (13.6.2015)

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Diese Inszenierung von Elisabeth Stöppler muss man aus mehreren Gründen nicht gesehen haben – es sei denn, Sie mögen tote Tiere und Heiner Müller. Im ersten Teil senkt sich immerhin ein riesiges, erlegtes Nashorn herab, dessen Horn von Jason abgesägt wird. Im dritten Akt bevölkern dann Flüchtlinge die Bühne – es scheint, als ob Vertriebene mittlerweile als Stilmittel auf der Bühne in Dauerschleife zu sehen sind. Es gibt ein paar gute Ideen, aber sie tragen einfach nicht. Den ganzen Abend über werden zudem statt der Dialoge Medea-Texte von Heiner Müller eingespielt. Ein Mehrwert erschließt sich mir nicht.

Ich kann mich ganz generell nicht entsinnen, wann ich mich in einer Oper zum letzten Mal derart gelangweilt hätte. Allein, ein komatöses Wegdämmern war nicht möglich, insbesondere im ersten Teil des überlangen (die Pause dehnte sich auf eine Stunde wegen eines technischen Defektes) Abends, der unter dem Motto “Anything you can sing I can sing louder” zu stehen schien. Orchester und Sänger lieferten sich ein Überbietungsduell, das zur Halbzeit in einem Unentschieden endete, im zweiten Teil dann aber vernehmbar die Leistung der Sänger beeinträchtigte. Ist der Medea-Stoff denn wirklich so fad, als dass man dessen vermeintliche (!) Leere durch Lautstärke überdecken müsste ? Nichts gegen Sturm und Drang aus dem Graben (wo Andreas Spering den Taktstock schwingt), raue Orchesterwogen im Blech, hämmerndere Paukenschläge – aber wenn neunzig Prozent des Abends lauter als Mezzoforte erklingt, dann ist etwas gehörig (pun intended) schief gelaufen. Hat dem Chorleiter denn niemand gesagt, dass die Einspielungen seiner Truppe aus dem Off dünn und die Damen wie ein Altweiberchor der Kirchengemeinde klingen ? Dass dieser Cherubini überhaupt mehr mit Wagner als mit Cherubini gemein hat?  Nadja Stefanoff (Médée), Philippe Do (Jason), Dorin Rahardja (Dircé), Geneviève King (Néris) und Peter Felix Bauer (Créon) richteten die Partitur hin. Möge sie in Frieden ruhen.

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Turn of the Screw / Wiesbaden (12.6.2015)

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Die vertonte Henry James-Novelle in Szene zu setzen ist einerseits leicht, da Britten ein unglaublich dichtes, packendes Kammerspiel komponiert hat, andererseits verdammt schwierig – müssen doch einerseits besonders realistische, eigentlich filmisch korrekte Bilder gefunden werden, um ihnen dann alptraumhafte Visionen und schauderhafte Traumbilder gegenüber zu stellen. Kurzum: das Werk lebt von den Extremen, während die meisten Opern in ihren Handlungen und in ihrer Grundkonzeption ja irgendwo in semi-realen Sphären angesiedelt sind. Und wer, wenn nicht Robert Carsen, könnte dieser Aufgabe gerecht werden ?

Sein “Turn of the Screw” überzeugt durch narrative Dichte, den gelungenen Einsatz von filmischen Mitteln und schnelle Szenenwechsel. Das Dirigat des mehr oder minder geschassten GMDs Zsolt Hamar besitzt alles, was man so häufig bei ihm vermisste – präzise Einsätze, Differenziertheit, Umsicht, Klangmagie.

Etwas schrill, aber durchaus rollendeckend Miss Jessel (Victoria Lambourn), sehr mädchenhaft die Flora von Stella An, prägnant und überzeugender als in seinen Strauss/Wagner-Einsätzen Thomas Piffka als Peter Quint. Drei große Entdeckungen sind zu vermelden: Yorick Ebert als abgründig-engelsgleicher Miles,  Claudia Rohrbach als Gouvernante mit absolut unschuldig-reinem Sopran und vor allem die Mrs. Grose der nunmehr 75-jährigen Helen Donath. Unglaublich, wie frisch diese Stimme immer noch klingt und sympathisch anzuschauen, wie sie die anderen Darsteller beim Schlussapplaus großmütterlich “umsorgt”.

Das Haar in der Suppe findet sich an diesem Abend weder auf der Bühne noch im Orchestergraben, sondern sitzt im Publikum. Knisternde Bonbonpapiere und Privatgespräche im ziemlich leeren Haus – Wiesbaden at its worst.

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Lohengrin / Pforzheim (10.6.2015)

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Wagner und Provinz – das beißt sich oft. Zu hoch sind die Anforderungen an kleine Häuser, wirklich adäquate Aufführungen zu Wege zu bringen. In der Goldstadt Pforzheim schlug man sich mit dem “Lohengrin” wacker, ohne dass die Entdeckung eines Wagner’schen El Dorados zu vermelden wäre.

Besonders heikel ist bei den downgesizten Produktionen häufig die Orchesterbalance. Man war beim kniffeligen Vorspiel zum ersten Akt regelrecht froh, als das (dann zu dominate) Blech einsetzte und der Saitenkratzerei ein Ende bereitete. Die Stärke des Dirgates liegt, diplomatisch gesagt, im Forte. Damit überragte GMD Markus Huber die brav nacherzählende Regie von Wolf Widder um Weiten. Pforzheim mag wenig Geld für Ausstattung haben, geschenkt. Aber derart häßliche Kostüme  und ein so langweiliges Bühnenbild, bestehend aus einem verschiebbaren Baugerüst (für beides zeichnet sich Joanna Surowiec verantwortlich) sind mir schon lange nicht mehr untergekommen.

Kurios auch die gespielte Fassung – ausgerechnet bei den Chören wurden hörbare, abrupte Kürzungen vorgenommen, z.B. bei der Ankunft Lohengrins und vollständig das “In Frühn versammelt uns der Ruf” im zweiten Akt. Dafür spielt man das häufig gestrichene “O Elsa! Was hast du mir angetan!” Warum auch immer.

Sängerisch blass bleiben König Heinrich (Matthias Degen), Heerrufer (Aykan Aydin) und auch  leider auch Telramund (Hans Gröning). Anna Agathonos hat sich die Ortrud schlau zurecht gelegt, aber es war schwer zu überhören, dass diese Partie eigentlich nicht einmal eine Grenzpartie für sie darstellt – zu arg hadert sie mit den hohen Noten. Beim “Fahr heim” im dritten Akt kam der erwartbare Offenbarungseid. Schade, denn darstellerisch ist sie ungleich präsenter als ihr Bühnengatte. Beim “hellen Paar” überzeugen beide Sänger: Tiina-Maija Koskela, vor allem durch kluge Pianokultur bei den “trüben Tagen”, aber auch mit Durchsetzungsfähigkeit in der Brautgemachszene. Sympathisch übrigens auch der leicht vernnehmbare Akzent. Reto Rosin leiht der Titelpartie seinen leicht baritonalen Tenor, der von der Kraft her irgendwo zwischen Tamino und Tristan angesiedelt ist. Die Höhen sind etwas dünn, verlieren aber dennoch nicht an Glanz.

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Peter Grimes / Ulm (5.6.2015)

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“Who can turn skies back and begin again ?” Das ist nur eine der zahlreichen Zeilen, die zum Nachdenken anregt aus der vielleicht besten Nachkriegsoper. Allerdings bietet sie keine leichte Kost, weswegen sich das Auditorium schon vor der Pause – merkwürdigerweise direkt nach dem Damenquartett des zweiten Aktes – zu leeren beginnt. Dabei mutet die Regie des Ulmer Opernchefs (Matthias Kaiser) keineswegs zuviel zu – die Handlung spielt durchgängig in einem riesigen Schiffsrumpf mit überwiegend stilisierten Bühnenbildern. Noch kann man in Ulm ensembletechnisch aus dem Vollen schöpfen und benötigt wenig Gäste. Unerwartet einspringen musste Susanne Schimmack als Ellen Orford – und ich war heilfroh, meine “Unlieblingssängerin” Oxana Arkaeva verpasst zu haben. Schimmacks Sopran drängt hörbar ins Heldische, kann aber in der “Embroidery”-Arie bewegend-resignierende töne anstimmen. Hans-Günther Dotzauer, eigentlich schon zum Inventar zählend, besitzt mehr einen Charakter- als Heldentenor, meistert die enorme Anforderung aber auf seine Weise sehr annehmbar. Interessanterweise wird er hier vollkommen als Unsympath dargestellt – kein Individuum, das an der Masse scheitert, sondern einzig und allein an sich selbst. Das Orchester unter der Leitung von Daniel Montané kämpft phasenweise hörbar mit den Anforderungen der Partitur, wie auch die meisten Sänger mit dem englischen Idiom. Unterm Strich dennoch ein lohnenswerter Abend, da gezeigt wird, was ein kleines Theater alles zu schaffen in der Lage ist. Der “Turandot” und sogar dem “Lohengrin” nächste Spielzeit kann man guten Mutes entgegensehen.

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Catone in Utica / Wiesbaden (30.5.2015)

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Foto: Martina Pipprich

“Oh namenlose Freude !” Falsche Oper, aber passende Beschreibung für einen atemberaubenden, überirdischen Abend. Schon vor ein paar Jahren hat Parnassus, die Agentur/Produktionsfirma des Mezzo Max Emanuel Cenic mit der Ausgrabung der Leonardo (ohne “da”) Vinci-Oper “Artaserse” einen wahren Glücksgriff gelandet. Man kann konstatieren, dass er diesen Coup mit “Catone in Utica” wiederholen konnte. Glückwunsch an dieser Stelle auch an den Intendanten Laufenberg, der den richtigen Riecher bewiesen hat, diese Produktion rechtzeitig einzukaufen und somit die szenische Erstaufführung ans Land gezogen zu haben. In zwei Jahren soll übrigens erneut eine Parnassus-Produktion die Wiesbadener beglücken. Man darf sich freuen. (Und vielleicht auch hoffen, dass die Vorstellung dann nicht erst auf halb acht angesetzt wird.)

Bei “Artaserse” war die szenische Umsetzung noch ungewohnt – schließlich wurden alle Rollen, also auch die weiblichen, von Männern gesungen. Bei “Catone” konnte man sich bereits darauf einstellen und vielleicht noch intensiver genießen als vor drei Jahren in Nancy. Die Produktion (Regie: Jakob Peters-Messer) dürfte in erster Linie auf ihre Tourneetauglichkeit hin konzipiert worden sein, was der gelungenen Ästhetik keinen Abbruch bereitet. Auch trotz einer reinen Spielzeit von drei Stunden und zehn Minuten (die gleichzeitig erschienene CD-Einspielung beläuft sich auf fast vier Stunden) kommt keine Langeweile auf – obgleich es wünschenswert gewesen wäre, mit den Übertiteln nicht derart zu geizen. Im Prinzip kann man der Handlung nur folgen, wenn man das Original kennt oder das sündhaft teuere Programmheft erworben hat.

Am meisten Applaus erhält am Ende des Abends das Orchester Il Pomo d’Oro unter der Leitung von Riccardo Minasi, der zusätzlich auch den Konzertmeister gibt (sprich: Geige spielt). Vincis langsamen Arien fehlt es ein wenig an emotionaler Tiefe, aber die zahlreichen schnellen Stücke sind fetzig und an Blech und Pauken wird nicht gespart. “BaROCKe” Musik, flapsig formuliert.

Genau deshalb kann Franco Fagioli als Cesare am meisten prunken. Seine Höhensicherheit, seine Koloraturgewandheit ist beispiellos – das “In campo armato” bringt die Vorstellung kurzfristig zum Stillstand. Derart aus dem Haus ist das Publikum, dass der längst nach hinten abgegangene Fagioli von der Seitenbühne auftritt und den Applaus in Empfang nimmt. Dass Fagioli aber eben auch mehr kann als hohe Töne zu produzieren, das hört man dann in einem berückend schönen Largo im dritten Akt. Den Gegenspieler und Titelfigur gibt der Tenor Juan Sancho. Anfangs hat er Mühe, die Stimme auf Linie zu bringen, aber die eigentlich unmögliche Anforderung, direkt nach Fagiolis Showstopper eine weitere Bravourarie zum Besten zu geben, erfüllt er ohne Einschränkung. Der andere Tenor, Martin Mitterrutzner (Fulvio) kommt erst im zweiten Akt zu seiner ersten großen Nummer, die auf sehr humorvolle Weise sein Verhältnis zur Pompeius-Witwe Emilia präsentiert. Vince Yi singt diese “Rockrolle” (oder gibt es ein passenderes Pendant zur “Hosenrolle”?) mit Biss und weiblicher Verschlagenheit. Als Marzia, Cesares Frau, war eigentlich Valer Sabadus vorgesehen gewesen – Ray Chenez singt alles ohne Fehl und Tadel, aber mir fehlte ein wenig der weiche, warme Klang  in  den Ohren, zumal diese Partie weniger auf dramatische als vielmehr introspektive Affekte ausgelegt ist. Aber das ist Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau. Cencic selbst ist freilich auch mit von der Partie. Der Arbace liegt ihm ausnehmend gut in der Kehle, sein eher dunkel timbrierter, tiefer Mezzo kommt ihm da sehr entgegen.

Fazit: Für diese Produktion loht sich auch ein weite Anreise !

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