The Bassarids / Salzburg (19.8.2018)

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  • August 20, 2018

Nein, Henze zählt wahrlich nicht zu meinen Lieblingskomponisten der Moderne. Weder seine “Elegy for young lovers” in Wiesbaden noch “Der Prinz von Homburg” in Mainz haben mich wirklich gepackt. Einzig bei der Mannheimer Produktion der “Bassariden” war ich durchaus angetan, wenn auch nicht konvertiert. Allerdings weiß ich mittlerweile, dass gerade moderne Komponisten durch eine handwerklich hervorragende Aufführungen überdurchschnittlich profitieren. Kurzum: wo, wenn nicht in Salzburg, könnte man die eigene Henze-Skepsis kurieren ?

Und Tatsache: nach der zweiten Aufführung der “Bassariden” habe ich tatsächlich Lust bekommen, mich noch einmal mit Henze intensiver zu beschäftige, auch wenn man sich für die Urfassung (also mit dem für mich nicht wirklich zielführenden Intermezzo) entscheid. Kurioserweise wurde eine Pause eingebaut, die den musikalischen und dramaturgischen Fluss spürbar hemmte. Regisseur Krzysztof Warlikowski, der sich unerwartet beim Schlussapplaus zeigte und prompt einige Buhs abholen durfte, interessiert sich dabei weniger für die politische als die familiäre Ausgangssituation. Schon vor Erklingen des ersten Tons hören wir einen Monolog des Dionysos, der hier als gar nicht einmal so rauschhafter Gott, sondern ganz in Weiß gekleideter Aussteiger gezeigt wird, der in erster Linie grausame Rache für den Tod seiner Mutter üben will, die den ganzen Abend im gläsernen Schneewittchensarg auf der Bühne steht. Und die Rache ist überaus grausam – denn die rauschhafte Ermordung des Pentheus durch die eigene Mutter hat Horrorfilmqualitäten. Auch sonst bedient sich Warlikowski wie so oft auch filmischer Mittel und Zitate – mehr als einmal erkennt man Pasolinis “Die 120 Tage von Sodom”, was aber gut zur Architektur der Spielstätte (Felsenreitschule) passt. Nicht alles empfand ich als gelungen, aber das muss es ja auch nicht. Gelangweilt habe ich mich jedenfalls keinen Augenblick.

Der fantastische Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Huw Rhys James) bildet hierbei ein wesentliches Fundament, ebenso wie die Wiener Philharmoniker. Wie ein Archäologe legt Kent Nagano die einzelnen Schichte frei und betört das Publikum mit feinen Klängen, nur um es kurz darauf mit Klangexplosionen zu bombardieren. Fantastisch.

Auch bei den Solisten gibt es nur Erstklassiges zu vermelden: Anna Maria Dur als vergeblich um Gnade flehende Amme Beroe und Verena-Lotte Böcker als Autonoe sind dem Karlsruher und Mannheimer Publikum seit langem als Qualitätssängerinnen bekannt, Willard Whites Bassbariton klingt in der Partie des Cadmus mittlerweile etwas angeraut, aber rollendeckend überaus autoritär. Nikolai Schukoff singt mittlerweile den blinden Seher Tiresias mit einem immer noch heldischen Tenor, Tanja Ariane Baumgartner fasziniert als rauschhafte Agave mit glutvollem Mezzo. Für mich vollkommen bisher unbekannt und eine echte Entdeckung: Sean Panikkar als Dionysos – was für ein exquisiter Tenor, nur noch getoppt von Russell Brauns kraftvoll strömendem Bariton als anfangs selbstgerechter, später dann zutiefst verunsicherter Pentheus. 

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