Der Prozess / Salzburg (14.8.2018)

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  • August 15, 2018

“Goethesk”, “Shakespearesk”, “Molièresk” – das gibt es nicht. Wohl aber “kafkaesk”. Es dürfte keinen Autoren geben, dessen Dramaturgie so wirkungsmächtig war, dass sogar ein Adjektiv ihren Namen trägt und Einzug in die (Alltags-)Sprache gehalten hat. Wie schon bei “Dantons  Tod” und dem “Besuch der alten Dame” erweist  sich der heuer sein hundertsten Geburtstag feiernde “Componist” Gottfried von Einem als kongenialer Dichter der Tonsprache.  

Selbst wer sich mit Kafka Stil schwer tut, kam in der leider einzigen Aufführung in der Felsenreitschule auf seine Kosten. Das superb aufspielende ORF Radio-Symphonieorchester Wien jazzt vorwiegend wie bei Schostakowitsch, gibt aber Anklänge an Mozart (Komtur-Szene des “Don Giovanni”)  oder Wagner (Fafner-Motiv in der Tuba). Und dann gibt es immer wieder Kuriositäten wie die Tür , die sich auf dem Podium befindet und an der bei der Verhaftung des Protagonisten Josef K. laut gerüttelt wird. Das uneingeschränkte Bekenntnis zur Tonalität ermöglicht zusätzlich ein vollständiges Sich-Einlassen auf das stimmige Libretto (Boris Blacher und Heinz von Cramer). Im Gegensatz zu den den bereits erwähnten Büchner- und Dürrenmatt-Vertonungen dominiert hier ein leichter, aber dennoch stets prägnanter Parlando-Stil.

Die Sänger kommen somit kein einziges Mal in Verlegenheit, gegen die alte Regel “prima la musica” anzukämpfen – am wenigsten Michael Laurenz. Für einen Charaktertenor klingt seine Stimme fast zu edel (man kann sich immer auch noch einen Tamino vorstellen) – und dennoch sitzt und versteht man je-des ein-zel-ne Wort. Die Ovationen am Schluss – weit länger als bei der “Pique Dame” neulich im benachbarten großen Festspielhaus berührten ihn sichtbar und waren absolut verdient. Unterstützt wurde Laurenz von vielen, nicht weniger textverständlichen Kolleginnen und Kollegen, die oft gleich mehrere Rollen übernahmen:  vor allem Jochen Schmeckenbecher (u.a. als Aufseher) und Lars Woldt (u.a. als Untersuchungsrichter) dominieren in den tiefen Lagen, Jörg Schneider von der Wiener Staatsoper gibt ein Cameo als Gerichtsmaler Titorelli. Bei den Damen bezauberte Ilse Eerens in gleich vier Partien mit ihrem leichten und je nach Rolle auch flatterhaften Sopran.

Beim Schlussapplaus wurde auch der feinfühlige Dirigent HK Gruber gefeiert.  Der reckte die Partitur in die Höhe – und küsste sie. Recht hat er. Bleibt zu hoffen, dass wir von Einem in Zukunft mehr hören und auch dieses Werk eine szenische Umsetzung findet.

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