Didone abbandonata / Innsbruck (12.8.2018)

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  • August 13, 2018

Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.  – Nimmt man die Schlussworte aus dem “guten Mensch von Sezuan” als Ausgangspunkt, so war die gestrige Aufführung der “verlassenen Dido” des vergleichsweise unbekannten Komponisten Giuseppe Saverio Mercadante mehr “brechtisch” als man man meinen könnte….

Zum ersten die Frage, warum man diesen Komponisten nicht häufiger aufführt. Liegt es an den durchaus enormen stimmlichen Anforderungen ? Schon die Ouvertüre zeigt die enorme Spannbreite der Musik: von spätbarock-heroischen Tönen eröffnet wechselt sie kurzerhand in eine Kantilene, die wir in der “Norma” verorten könnten. Zwischendrin gibt es immer wieder am Flügel begleitete Rezitative, immer wieder die für den Belcanto idealtypische Konstellation canatbile/cabaletta, aber auch musikalische Maschinengewehrsalven à la Rossini.

Zum zweiten die Frage, welche Rolle das Libretto für eine Oper spielt. Eine unschätzbar große. Bei der “Didone” ist es nach Pietro Metastasio von Andrea Leone Tottola geschrieben und lässt eine große Lücke klaffen: textlich sind die Charaktere noch zu sehr den Stereotypen des 18. Jahrhunderts verbunden, während die Musiksprache schon hörbar im 19. Jahrhundert fußt. Wer “I briganti” vor einigen Jahren in Bad Wildbad hören konnte, weiß, wie effektiv Mercadante mit einem zeitnahen Stoff (also Schillers “Räuber also)  über die Bühne kommen kann.

Hieran knüpft die dritte Frage an: warum spricht man von Regisseur Jürgen Flimm immer wieder als “Altmeister” ? Alt – leuchtet ein, aber Meister ? Meisterhaft war die Regie nicht wirklich, am Anfang jedenfalls solide. Dankenswerterweise verzichtet der Ex-Intendant der der Berliner Staatsoper auf allzu offensichtliche Flüchtlingsanspielungen, aber irgendwie wird bei ihm nicht so ganz klar, ob der “Bösewicht” wirklich böse oder nicht einfach doch nur ein lächerlicher Hanswurst ist. Die Chöre in Uniformen der Fremdenlegion haben in ihren Marschbewegungen immer etwas Lachhaftes. Aeneas rennt von einem zum anderen gepackten Koffer (bildlich gesprochen), vieles bleibt im Unklaren. Oder vielleicht lag es ja doch am Libretto…

Dann die (vierte) Frage, warum man dieses Werk ausgerechnet im Rahmen der “Festwochen der alten Musik” aufführen muss. Ich  selber bin ja ein großer Anhänger der historisch informierten Aufführungspraxis (sogar mein bestes Britten-Konzert hatte ich – ganz unhistorisch – mit dem RSO Stuttgart unter der Leitung von Norrington ohne Vibrato) und der Mangel an Vibrato, die Darmsaiten, die Naturhörner geben der Handlung etwas zusätzlich Martialisches, während die tiefere Stimmung den Sängern so manchen Höhenflug erst ermöglicht. Und dennoch – historisch informiert heißt nicht unterschiedlich gestimmt und kieksend. Dass die Musiker der Academia Montis Regalis immer noch die Instrumente stimmten, als Alessandro de Marchi zum Pult schritt, war kein gutes Omen – der erste Hornist erwischte einen nachtrabenschwarzen Tag, die einzelnen Gruppen klangen hörbar disparat. Glücklicherweise spielte sich alles im Laufe der Aufführung ein, aber ich kann mich nicht entsinnen, ein HIP-Orchester jemals so konfus aufspielend erlebt zu haben. Kurzum: das Dirigat war ein verkapptes Plädoyer für moderne Instrumente.

 Keine Fragen offen blieben allein bei der Besetzung: In den kleineren Partien bereiten Emilie Renard als lyrische Selene, Diego Godoy mit feiner Höhe in der Partie des Araspe und Pietro Di Bianco mit kraftvollem Bassbariton als Osmida große Freude. In der Partie des Bösewichts Jarba hören wir Carlo Allemano mit einem etwas nasalen, aber in der Höhe sattelfesten Tenor und einer beeindruckende Mittellage.  Der abreisende Aeneas ist hier als Hosenrolle konzipiert – Katrin Wundsam präsentierte dem Publikum einen hervorragend guten Mezzo. Und die besonders gute Nachricht zum Schluss – vielleicht auch auf die Frage, ob der dramatische Koloratursopran mittlerweile ausgestorben ist: nein, ist er nicht. Viktorija Miškūnaitė beeindruckt auf nachhaltige Weise in der Titelpartie. Was nur zur nächsten Frage führt: wann kann man ihre Norma hören ?

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