Lohengrin / Bayreuth (10.8.2018)

  • 5
  • August 11, 2018

Mein lieber Schwan – 300 Euro. Eigentlich setze ich mir für Opernkarten ein Preislimit in der Höhe von ca. hundert Euro. Um den diesjährigen “Lohengrin” auf dem grünen Hügel hatte ich mich ursprünglich gar nicht erst bemüht, da mir klar war, dass Roberto Alagna nicht aufkreuzen würde und mir eine 08/15-Besetzung in der Titelpartie das Geld nicht wert sein würde. Nach dem fragwürdigen Baselitz-“Parsifal” in München war die Austattung von Neo Rauch und Rosa Loy ebenfalls kein Argument für den Besuch, genauso wenig wie die Wahl des ebenfalls eingesprungenen Regisseurs (Yuval Sharon), der in Karlsruhe die “Walküre” in monumentalen Bildern leerlaufen ließ. Und dennoch, all den Befürchtungen vorab zum Trotze – der Abend war für mich ein voller Erfolg.

Das hat in erster Linie musikalische Gründe, aber auch szenisch war ich phasenweise angetan – in der ersten Hälfte des zweiten Aktes schlicht begeistert. Yuval Sharon gelingen die Massenszenen überraschend schlecht, was bei einer Choroper wie dem “Lohengrin” ja kein guter Ausgangspunkt ist, aber bei den intimeren Szenen beobachtet er durchaus genau, was passiert. So fand ich es spannend zu beobachten, wie zuerst Elsa, später Telramund von Ortrud, dann wiederum Elsa (nun aber von Lohengrin) und abschließend Ortrud gefesselt wurden. “Du fesselst mich in Dankes Banden”- eine interessante visuelle Leitmotivik, aus der leider ein wenig zu wenig gemacht wurde. Bedauerlicherweise waren einige Einfälle dann fast schon von peinlicher Komik, insbesondere die auf dem Bühnenboden robbenden brabantische Edlen – ausgerechnet während der Brautgemachsszene Lacher zu evozieren, ist schon ein grober Missgriff. Den Luftkampf zwischen den Kinderdoublen im ersten Akt hätte bei einer besseren Choreographie effektiver, dramatischer und weniger nach Jahrmarktgaudi wirken können, eigentlich müssen. Aber vielleicht lag es ja auch an den prominenten Ausstattern, denn Sharon musste ja auf ein bereits existierendes Konzept eingehen. Dieses besteht zu Beginn aus zahlreichen Blauschattierungen, zu denen sich immer mehr die Komplementärfarbe Orange dazugesellt. Das grüne Männchen als Gottfried ist hier ebenfalls ein Kuriosum, das man auch bei Neo Rauchs Gemälden finden kann. Rauch stellt sich aber ansonsten uneingeschränkt in den Dienst des Werkes ohne seine Individualität aufzugeben. Und so gibt es einen Stilmix aus 17. Jahrhundert der Niederlande (Oberbekleidung) und des 20. Jahrhunderts zu sehen: die Choristen tragen Chucks, die Edlen zusätzlich Hipster-Hornbrillen, der werktätige Lohengrin erscheint im Sinne des realistischen Sozialismus gar im Blaumann, während die Symbolik des Elektrizitätswerkes an die dreißiger Jahre erinnert. Sharon kann diesen Stilmix nicht wirklich sortieren und so ergibt sich selten eine Symbiose, aber wie bereits erwähnt –  die ersten vierzig Minuten des zweiten Aktes sind für mich die optische Umsetzung der Forderung Richard Wagners: “Kinder, Schafft Neues.” Denn auf den Gazevorhang wird ein Gemälde projiziert, das fast schon an Caspar David Friedrich erinnert, allerdings entsteht durch die Bewegungen des Schilfes, welches einzelne Charaktere abwechselnd verbirgt und wieder sichtbar macht sowie die gekonnte Lichtregie (Reinhard Traub) der Eindruck eines lebenden Bildes, eines seelischen Dioramas. Gesamtkunstwerk – seit Schlingensiefs “Parsifal” wurde diesem Begriff nicht mehr so viel Leben eingehaucht wie hier.

Ganz unerwartet tönte es auch aus dem Graben – und das nicht nur wegen des Strichs im dritten Akt, sondern in erster Linie wegen der Tempi. Christian Thielemann, der nun alle zehn Bayreuther Werke auf dem grünen Hügel dirigiert hat, rast mit einem Affenzahn durch die Partitur. Ich bin generell ein Anhänger zügiger Dirigate, aber hier war es selbst mir phasenweise zu flott. So klangen die geteilten Streicher im Vorspiel des ersten Aktes weniger nach einem keusch-sehnenden Flehen, sondern fast schon glutvoll-erotisch. Im Vorspielt flirren die Streicher dann so irre wie in den einleitenden Takten der Hallenarie des “Tannhäusers” – eine spannende Verbindung tat sich da für mich auf. Einer der beiden Leidtragenden der Tempiwahl war der ansonsten wie stets perfekt vortragende Chor, welcher immer wieder leicht hinterherhinkte. Aber wenn ein Chor so homogen klingt, dann macht das nichts. Vor allem die zwölf Damen im Brautchor sangen dabei überirdisch schön.

Egils Silins gibt einen Heerrufer mit Wotan-Qualitäten, während Georg Zeppenfelds in allen Lagen sattelfester, profunder König Heinrich Lust auf sein Hans Sachs-Debüt 2019 in Salzburg macht. Thomasz Konieczny verzerrt als Telramund etwas zu oft die Vokale, aber seine Legtaokultur ist bewundernswert – wo die meisten Sänger nur noch bellen, bleibt Konieczny ein Edelmann durch und durch; übrigens auch im darstellerischen Bereich. Für Waltraud Meier war es ihre allerletzte Ortrud, was zu bedauern ist. Natürlich war ein gewisser Anteil der Ovationen auch ihrer Lebensleistung geschuldet – aber auch wenn man diesen Anteil abzieht, war er so enorm wie berechtigt. Ich bin eigentlich kein großer Fan von ihr, aber mein Eindruck war, dass sich ihr kontinuierlich farbärmerer Mezzo nach Rückgabe von den Killerpartien wie Kundry oder Isolde insoweit regeneriert hatte und weit frischer als noch vor ein paar Jahren klang. Die “entweihten Götter” waren tadellos gelöst, das “Fahr heim” dann ein Ritt auf der Rasierklinge – aber wann hat man je eine Phrase wie “wo dir mein Seherauge leuchten soll” mit mehr süßem Gift als hier gehört ? So mancher Künstler ist ja vom Rücktritt zurückgetreten – hier wäre es zumindest zu hoffen. Anja Harteros hat für eine Elsa mittlerweile eigentlich einen fast schon zu kräftigen Sopran, aber sie kann ihn immer noch so vollendet zurückfahren, dass man Gänsehaut bekommt – “dort kommt er auf der Wasserflut geschwommen” erklingt in einer derart somnambuler Melancholie, die einem schier das Herz zerreißt. Etwas gemächlichere Tempi hätten ihr bestimmt noch mehr Möglichkeiten zum Glänzen gegeben, aber soll man sich jetzt darüber beklagen, dass Thielemann den einen oder anderen magischen Moment vereitelt hat oder Harteros immer noch mehr magische Momente erzeugen kann als jede andere Elsa auf der Welt ? Ich entscheide mich für letzteres. Mehr als nur bezaubert musste man von Piotr Beczala in der Titelpartie sein, nicht nur angesichts der kurzen Probezeit. Für mich ist Sandor Konya der Lohengrin Nummer 1 und Beczala kommt genau von dieser Schiene – schmelzig, aber nie schmalzig klingt sein Tenor, der sonst von Wagner’schem Bellen gänzlich verschont geblieben ist. Die Gralserzählung, am Boden liegend beginnend, fast geflüstert zu Beginn, mit kraftvoll gehaltenen Spitzentönen am Schluss und einer zelebrierten “Taube” hat zweifelsohne Referenzcharakter. Himmlisch und jeden Euro wert. Danke, Bayreuth !

Share Button
(Visited 141 times, 1 visits today)

2 Comments