Pique Dame (Premiere) / Salzburg (5.8.2018)

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  • August 6, 2018

Der Täter kommt immer zum Tatort zurück. Dass diese alte Binse nicht nur auf Kriminalromane, sondern auch auf Regisseure zutrifft, konnte gestern in Salzburg beobachtet werden. Hans Neuenfels zog es siebzehn Jahre nach seiner legendären “Fledermaus” nun erneut an die Salzach, wo er sich Tschaikowskis “Pique Dame” annahm. Gäbe es eine passendere Wahl für dieses Stück um Obsessionen aller Art als den Haudegen des Regietheaters ?

Der Abend beginnt wie ein typischer Neuenfels: die feine Gesellschaft Petersburgs beim Sonntagsspaziergang – sie wird in Käfigen auf  die  Bühne gerollt, wie Marionetten an Seilen geführt. Frei ist hier niemand, auch nicht Lisa, die mit dem szenisch sehr präsenten Jelezki verlobt ist. In dessen großen Arie sehen wir, wie sich eine festlich gedeckte Tafel mit immer mehr Kindern inklusive Kindermädchen füllt: für den Gatten wohl das Idealbild, für Lisa hingegen eine albtraumartige Szene, vor dem sie nur noch die Flucht ergreifen kann. Allerdings endet dieser Ausbruch überaus tragisch, denn ihr mittelloser Hermann ist hier – übrigens in roter (Armee- bzw. Zirkusdirektoren-)Uniform aber ohne (Unter-)hemd gekleidet – kein grüblerisch-passiver, sondern ein von Anfang an unter Strom stehender Außenseiter, der zum ersten Mal in seinem Leben etwas wagt. Wir sehen weniger einen Verfall als eine aus dem Ruder laufende Selbstzerstörung – gerade weil er sich nicht der Mehrheit anpassen will. Neuenfels zeigt vor allem bei den bestens choreographierten und stimmstarken Chören, wie gut er sein Handwerk beherrscht. Bei den Einzelfiguren zeigte sich der selbsternannte “Bastard” nicht immer glücklich: vor allem Lisa bleibt bedauerlicherweise relativ blass und vage gezeichnet, die Gräfin hingegen wirkt in ihrem giftgrünen Kleid (erinnert an den Spieltisch) weniger von einem Geheimnis umflort als ein Sinnbild des Neids und später im weißen Nachtkleid und gänzlich weißen, grell ausgeleuchteten Schlafzimmer als reine Projektionsfläche Hermanns, der von ihr unerwartet Zuneigung erfährt. In der Summe kein ganz großer Wurf also, aber solides Handwerk mit ein paar ungewohnten, jedoch zu keinem Zeitpunkt fragwürdig oder gar aufgesetzt wirkenden Feinheiten. Warum sich Neuenfels und sein Team sich fast vor dem Einzelapplaus drückten ? Schwer zu sagen: die paar Buhs und Bravi dürften ihn kaum irritiert haben.

Vielleicht war ihm aber auch einfach nur bewusst, dass es der Abend von Mariss Jansons und den Wiener Philharmonikern war. Denn dieses Dirigat – anders kann man es nicht sagen – ist von umwerfender Schönheit, da kann selbst Gergiev und sein Marinskii nicht mithalten. Die tristanesken Nachtschilderungen im zweiten, die Mozart’sche Grandezza im dritten, die irren, nervös flackernden Streicherfiguren zu Beginn des vierten Bildes – sie alle zeugen vom stilistischen Feingespür des Dirigenten und den spielerischen Qualitäten der Orchestermusiker. Die Ovationen am Ende waren redlich verdient.

Auch bei der Auswahl der Sänger bewies Salzburg ein glückliches Händchen – und das auch ohne die ganz großen Namen. Oksana Volkova gab die Polina mit sahnig-cremigem Mezzo, Vladislav Sulimsky beeindruckte mit stabilem Bariton nicht nur in der “Tri karti”-Erzählung, sondern auch einer herrlich zotig vorgetragenen Waldvöglein-Arie in der Casino-Szene. Igor Golovatenkos stupender Kavaliersbariton wurde in der Partie des Jelezki heftig und zurecht akklamiert – für mich die erste Entdeckung des Abends. Hanna Schwarz empfand ich – trotz riesigen Saales und ihrer nunmehr fast 75 Lenze – als stimmlich fast zu voluminös, aber es war schön, keine ehemalige Hochdramatische aus dem Sopranfach, sondern einen echten Alt mit kraftvoller Tiefe zu hören. Evgenia Muraveva konnte, nachdem sie letztes Jahr für die mit der Partie der Lady Macbeth von Mzensk hadernden Nina Stemme mehrfach die Kastanien aus dem Feuer holen musste, erneut ihr stimmliches Potential unter Beweis stellen: ein kräftiger, aber dennoch lyrischer Sopran, der auch in der Newa-Szene nie ins Schwimmen gerät oder aus dem Fokus rutscht. Schade nur, dass sie darstellerisch weit hinter ihre vokalen Möglichkeiten zurückfiel. Besonders gespannt war ich auf Brandon Jovanovich – nicht nur weil der Hermann die Killerpartie des russischen Repertoire schlechthin ist. Nein, sondern einfach deshalb, weil er jedesmal, wenn ich ihn hören wollte, absagen musste (“Walküre” in Berlin; “Parsifal” in Zürich). Meine Güte, welch ein Tenor der Sonderklasse: nicht nur darstellerisch macht der US-Amerikaner eine gute Figur, auch beim Gesang imponiert der kraftvolle Zugang, der mich ein wenig an Andreas Schager erinnerte, nur eben weit raffinierter und differenzierter. Zarte Piani bereiten ebenso wenig Mühe wie große Ausbrüche – und dass der eine hohe Ton in der Sturm-Arie des ersten Bildes leicht daneben ging: geschenkt.

 

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