Beatrice Cenci / Bregenz (30.7.2018)

  • 3
  • August 1, 2018

Alle Jahre wieder liest man in der Zeitung über die Abgründe hinter der bürgerlichen Fassade – der ach so nette Nachbar entpuppt sich dann als perfider Manipulator, der seine Familie oft jahrzehntelang in jeglicher Hinsicht demütigte. Der Prototyp jenes Unmenschen à la Josef Fritzl war womöglich Francesco Cenci, dessen Vater seine Stellung in der päpstlichen Finanzverwaltung missbraucht hatte, ein riesiges Vermögen anzuhäufen.  Francesco selber konnte sich somit von so ziemlich jeglicher Straftat bequem freikaufen – bis seine eigene und von ihm gefangen gehaltene Familie ihn aus purer Verzweiflung ermorden ließ. Eine der Auftraggeber des Mordes war seine Tochter Beatrice, die erst unter Folter ihr Urheberschaft gestand; selbst der Hinweis auf die Vergewaltigung durch den eigenen Vater stimmte die Kirche nicht gnädig, konnte sie so doch einen erheblichen Teil des verlorenen Vermögens zurückgewinnen.

Berthold  Goldschmidt, ein vor den Nazis nach England geflohener Komponist, vertonte diesen Stoff, der eigentlich so sehr nach Donizetti und Bellini riecht auf eine bemerkenswert melodiöse Weise. Nicht anbiedernd, aber stets anhörbar bleibt die Partitur, die mich über weite strecken an Benjamin Britten oder auch Gottfried von Einem erinnerte. Beatrices Sturm-Arie im zweiten Akt hat Ohrwurmqualitäten, das Frauenterzett im ersten Akt erinnert an Ping, Pang und Pong aus der “Turandot”. Wirklich große oder aufwühlende (im Sinne von lange, also wie der Schluss der “Salome”) Szenen gibt es nicht, sie widersprächen wohl auch der damals vorherrschenden Nüchternheit im Kompositionsstil. Johannes Debus und die Wiener Symphoniker setzten die Partitur gekonnt um, auch wenn man hier und da ein wenig mehr Mut zu dynamischen Extremen angebracht gewesen wäre. Dennoch: in akustischer Hinsicht darf man also sehr dankbar sein für diese Ausgrabung, die allerdings vor kurzem schon in Dortmund lief.

Und umso wütender, dass die Regie allen Ernstes nach der Pause eine stumme Szene einfügt, bei der man einen langen Tisch mit zwei Kirchenoberen beim Essen sehen, die Engelsburg im Hintergrund und das Vorspiel des dritten Aktes der “Tosca” aus dem Grammophon dudelt. Einen Komponist auf derart schamlose Weise gegen einen anderen auszuspielen, ist geschmack- wie stillos. Dramaturgisch hakt es bei dem Werk generell ein wenig mehr – vor allem im dritten Akt, der Kerkerakt sozusagen, entwickeln sich die Charaktere, die zuvor schon eher schablonenartig gezeichnet wurden, nicht weiter. Und Regisseur Johannes Erath macht die Sache nur noch schlimmer, indem er die Charaktere puppenartig zeichnet. Eigentlich gelingt es keinem der Sänger – allesamt ohne Fehl und Tadel – wirklich auf sich aufmerksam zu machen. Anstatt das Seelenleben wirklich auszuloten, begnügt man sich mit einer plakativen Bebilderung (Katrin Connan spart nicht am katholischen Brimborium) und Kostümierung (Katharina Tasch). So darf (muss ?) Christoph Pohl mit eigentlich zu lyrischem Bariton im silbernem Glitzerjackett und goldener Schamkapsel den Böswicht Francsco mimen, Dshamilja Kaiser (Lucrezia, Francescos Frau) und Bianca Andrew (als Beatrices Bruder Bernardo in einer Hosenrolle) finden genau genommen eigentlich gar nicht statt. Etwas mehr Profil haben da Per Bach Nissen als Kardinal Camillo und vor allem Michael Laurenz als der in Beatrice verliebte Priester Orsino. Gal James kann in der Titelpartie die großen Momente mit ihrem lyischen Sopran ordentlich präsentieren, bleibt aber ansonsten auch eher blass, in den Parlando-Stellen leicht säuerlich. Schade, dass die Regie sich so wenig für die Opfer interessiert hat und ihr gleichzeitig so wenig für die Täter eingefallen ist. Gerade ein Komponist wie Berthold  Goldschmidt hätte da mehr szenischen Esprit, mehr Bewusstsein für Gerechtigkeitssinn verdient gehabt.

Share Button
(Visited 55 times, 1 visits today)