Orlando paladino / München (29.7.2018)

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  • July 30, 2018

“Dramma eroicomico” – wie übersetzt man das ? Drama, ist klar. Aber “eroicomico” ? Herokomisch ? Noch schwerer war es, die Handlung um einen liebesbetörten Kreuzritter in eine heutige Lesart zu übersetzen, die ein festspielverwöhntes und hitzegeplagtes Publikum goutieren würde.

Nun, im Gegensatz zur kläglichst verendeten ersten Festspielpremiere (“Parsifal”), gelang dem jungen Filmregisseur und Romancier Alex Ranisch ein rundum gelungener Abend. Hanisch versetzt die Handlung in ein altes, holzvertäfeltes Kino (also keines dieser seelenlosen Multiplex-Kästen auf der grünen Wiese) und zeigt, wie Phantasie und Wirklichkeit miteinander verschmelzen, sich widersprechen oder auch konkurrieren. Dabei entstehen zahlreiche anrührende und heitere Momente, auch wenn der Abend nach der Pause kleinere Längen hat. Was wiederum auch am eigentlichen Plot liegen dürfte. Geschenkt. Nein, was mir an diesem Abend wirklich gefallen hat, war die feine, vorsichtige Dosierung des Humors – ganz im Gegensatz zum schenkellopfenden Brachialhumor der Rossini’schen Bartoli-“Italienierin in Algier” überdreht Hanisch eigentlich nie, auch wenn das Hinzufügen mehrer stummer Rollen (“Gabi und Heiko Herz” als Kinobesitzer) eigentlich Tür und Tor für Klamauk öffnen könnten. Oft muss man schmunzeln, lächeln, grinsen. Das ist viel wert und eine große Leistung.

Ebenfalls eine große Leistung, wenn auch weniger offenkundig als im letzten Jahr, vollbrachte das Münchner Kammerorchester mit Ivor Bolton am Pult. Aus dem Graben funkelt und blitzt es bei den dramatischen Stellen, nur um dann wieder ganz galant zu seufzen und auch einmal zu schmachten, wo es angebracht ist. Bolton zeigt genau, wo Joseph Haydn herkommt, dem Barock – und wo er hin geht.

Vor allem beim sängerischen Sieger des Abends verbinden sich alle drei Stilrichtungen auf kongeniale Weise: David Portillo als Knappe Pasquale wuselt mit einer irrwitzigen spieltenoralen Energie eines Pedrillos über die Bühne, dass es eine wahre Freude ist. Seine blitzschnelle Aufzählung seiner Reisen antizipert die Registerarie Leporellos und den Schnellgesang des heiteren Rossinis, die große Arie vorm geschlossenen Vorhang erinnert an die großen Kastratenzeiten. Auch im Falsett macht Portillo eine glänzende Figur – bravo ! Nicht weniger bravourös, aber rollendeckend eben eher zurückhaltend der zweite Held des Abends: Dovlet Nurgeldiyev als Medoro  im orientalischen Kostüm und einer superben Mozartstimme (Legato, Phrasierung, Timbre) vom Feinsten, die aber auch keine Probleme in der Höhe hat. Das ist bestimmt ein hervorragender Alfredo oder gar Herzog von Mantua… Der Titelheld, verkörpert von Mathias Vidal, ebenfalls Tenor, fiel da im direkten Vergleich fast ein wenig ab. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ausgerechnet er beide Aspekte – Humor und Heldentum – gleichermaßen bedienen musste. Edwin Crossley-Mercer  (Rodomante) besitzt einen hervorragend definierten Sixpack und einen ordentlichen Bariton.

Bei den Damen bezauberten Tara Erraught als (Zauberin) Alcina mit deinem, aber wo geboten auch kraftvollem Mezzo und Elena Sancho Pereg als koloraturensichere Eurilla, die bestens mit “ihrem” Knappen Pasquale harmonierte. Exquisit das Objekt aller Herren Begierde: Adela Zaharia  in der Partie der Angelica. Schon lange habe ich keinen Sopran mehr gehört, der so höhensicher ist und dennoch nie an Wärme und Ausdruck verliert. Diese Spielzeit ist das Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein bereits als Lucia in München eingesprungen – hoffentlich findet sich da eine auch an der Isar eine “Anschlussverwendung”.

Fazit: die kleine, zweite Premiere der Opernfestspiele hatte alles, was der “Parsifal” nicht hatte: weniger prestigeträchtige Namen mit keinesfalls zweitklassigen Stimmen, dafür aber eine berührende Regie. Bleibt auf eine Wiederaufnahme zu hoffen…..

 

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