Adriana Lecouvreur / Baden-Baden (23.7.2018)

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  • July 26, 2018

Noro-Virus ? Schöne Scheiße ! Natürlich ist die “Adriana Lecouvreuer” eine tolle Oper, aber die meisten Zuschauer wären bei den letzlich auftretenden Sängern nicht ins Festspielhaus Baden-Baden gepilgert, hätte sich nicht Anna Netrebko samt Gatten Yusif Eyvazov für die beiden Hauptrollen angemeldet. Nun bereitete also der Noro-Virus dem Starrummel ein abruptes Ende – und dem künstlerischen Betriebsbüro ein Dilemma. Denn gerade für die Titelpartie benötigt man wahrhaftig ein musikalisches Schwergewicht mit Starpotential…..

Den fand man nicht wirklich, denn für Tatiana Serjan waren die beiden Aufführungen ein vorgezogenes Rollendebüt. (Das eigentliche Dbüt findet drei Tage später konzertant in Verbier statt.) Dennoch machte die Russin vieles richtig: ihre Stimme flutet das riesige Auditorium problemlos, das dunkle Timbre gefällt, auch wenn es phasenweise  dem ihrer Gegenspielerin auf der Bühne zu sehr ähnelt. Ich hätte mir – gerade in ihrer Auftrittsarie – auch mehr Mut zum piano gewünscht, aber das sind ganz persönliche Präferenzen. In darstellerischer Hinsicht geht Serjan die Rolle relativ robust, selbstbewusst, fast wie eine Tosca an: die Kunst, die sie vertritt, ist immer auch zu einem großen Teil sie selbst. Das muss man mögen. Ich mochte es nicht, und es hat bis zum vierten Akt gedauert, bis ich mich mit dieser Sichtweise arrangieren konnte.

Das hing aber auch mit der Regie zusammen. Isabelle Partiot-Pieri, die auch das Bühnenbild verantwortete, ist nicht wirklich etwas eingefallen, selbst das Bebildern fiel ihr schwer. Das große Drama am Ende – Tod im Scheinwerferlicht, die gen Himmel hochfahrende Bühnengarderobe – können über Leerlauf in Form von Händeringen, Aneinandervorbeisingen und 08/15-Gesten (jeder Kuss verlief genau gleich) nicht hinwegtäuschen. Von meinen drei “Adriana”-Inszenierungen (Frankfurt, Karlsruhe) war dies jedenfalls die schwächste, denn selbst das Bühnenbild ist bei aller behaupteter Bombastik mit den gemalten Barockprospekten ohne wirklichen Glanz, die illustrierenden Videoeinspielungen besitzen letztlich doch nur Zeitschinderfunktion bei den Lichtpausen.

Als männlichen Ersatz holte man Migran Agadzhanyan. Der junge Russe befindet sich seit kurzem auf dem Durchmarsch an die großen Häuser, den er problemlos schaffen wird, sofern er vorsichtig mit seinem Material umgeht. Dieses ist nämlich von erlesener Schönheit, die einzelnen Register sind hervorragend verbunden, Kraft und Eleganz schließen sich bei ihm nicht aus, sondern gehen eine spannende Symbiose ein. Zwar hätte ich mir auch hier ein paar Mal das eine oder andere piano gewünscht, aber angesichts der Umstände war auch dieses Rollendebüt als Maurizio gelungen. Ekaterina Semenchuk als Fürstin von Bouillon gelingt es, ihre Partie auch stimmlich jenseits der klischeehaften Megäre anzusiedeln – eigentlich ist sie die Verunsicherte, nicht Adriana. Das macht ihre toxische Fleurop-Sendung am Ende ungewohnt menschlich, fast nachvollziehbar. Gemeinsam mit Alexei Markov als überaus virilen, volltönigem Spielleiter Michonnet sind sie nicht weniger bedeutsam für den unterm Strich soliden Erfolg der Aufführung.

Auch bei Valery Gergiev dauert es einen Akt, bis ich mich mit seiner Interpretation anfreunden konnte, das klang mir am Anfang alles etwas zu plüschig, überladen. Das tat es am Ende, um ehrlich zu sein, immer noch, aber es ist eben wie bei einer guten Schachtel Pralinen: die erste ist fast zu süß, die zweite ist lecker und ab der dritten gibt es kein Halten mehr. Dabei fächert Gergiev einzelne Stimmen durchaus auf, nie vernimmt man Klangbrei. Aber dem Leiter des Mariinski geht es nicht um Molekularküche, sondern um gehobene akustische Sättigung – der musikalische Kalorienüberschuss war an diesem Abend jedenfalls enorm, aber grandios. So grandios, dass man darüber hinwegsehen konnte, dass Gergiev das versammelte Publikum zehn geschlagene Minuten im Saal warten ließ, bis der Maestro dann doch noch das Pult erklomm. Und mit einem 50%-Ermäßigungsgutschein  für nächste Spielzeit angesichts der krankheitsbedingten Ausfälle zeigte sich das Festspielhaus lobenswert kulant.

 

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