Tosca / München (13.7.2018)

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  • July 14, 2018

“Aber theoretisch könnte Sozialismus funktionieren.” Dieser Ausspruch einer meiner Achtklässler ging mir beim Verlassen des Nationaltheaters gestern durch den Kopf. Theoretisch ist viel möglich, auch in der Oper. Da kann ein Intendant den Geldbeutel ganz weit aufmachen, die ganz großen Namen der Branche für zwei Festspiel-“Toscas” bezahlen und trotzdem kommt am Ende eine Aufführung heraus, die – no disrespect – nicht unbedingt mit einer Repertoire-“Tosca” in Karlsruhe mithalten kann.

Das liegt natürlich auch und in erster Linie an der furchtbar (bl)öden Inzenierung von Luc Bondy. Die Backsteinkirche würde man eher in Rostock als in Rom verorten und die Engelsburg gleicht eher einem Hafenbecken. Die Strecken, die die Sänger zurücklegen müssen, sind regelmäßig zu lang – und so kommt es, dass bereits die ersten Kirchenbesucher eingetreten sind als Angelotti (mit hohlem Bass: Alexander Milev) noch erst die Flucht antreten muss oder Tosca mit ihrem – natürlich neuen Kleid, einer pro Akt muss schon drin sein – einfach zu spät zum Sprung auf dem Plateau ankommt. Und zu den drei leicht bekleideten Grazien, die Scarpias Lüsternheit demonstrieren sollen, schweigt des Rezensenten Höflichkeit.  Nun kann eine Inszenierung noch so fade sein – erfahrene Sänger können gerade in einer solchen Oper viel kaschieren, viel wettmachen.

Joseph Calleja, auf den ich mich am meisten gefreut hatte, ist jedoch ein relativer Neuling, und das merkte man. Seine Bildnisarie klingt letzlich genau gleich wie die Sternenarie: schön, aber auch irgendwie nicht mehr. Dass da ein Todgeweihter in den Abgrund blickt, merkt man zu keinem Augenblick. Schade, denn om Material her ist der Malteser mit seinem an die Schellack-Epoche erinnerenden Tenor eigentlich für die Partie des Cavardossis prädestiniert. Mit seinen ufassbar schönen Diminuendi (“sei tu”; “disciogliea“) erinnert er sogar an Corelli-selig, aber die Kurzatmigkeit verwandelt manche Phrasen fast schon in einen Parlando-Stil: dass die “Vittoria”-Rufe nicht wie “Wälse”-Rufe gehalten werden sollen – logisch, aber wenn zum Beispiel das “O dolci baci, o langide carezze” derart zügig genommen wird als handle es sich um Rossini, dann kann sich halt kein kurzes, reflektierendes Innehalten einstellen.

Meine tatsächlich erste Begegnung mit Angela Gheorghiu verlief etwas desillusionierend. Ich war überrascht, dass die an sich wirklich schöne Stimme relativ klein klang, aber das allein ist ja kein Beinbruch. Natürlich spielt – spielt sie das überhaupt oder ist sie einfach nur sie selbst ? – sie die Diva wie man sich eine Diva vorstellt: erotisch, herrisch, sich ihrer Ausstrahlung bewusst. Allerdings ist Gheorghiu sich ihrer Ausstrahlung ein wenig zu bewusst; ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, sie kommuniziere über weite Strecken mit ihrer an Stummfilmschauspielerinnen erinnernden Attitüde mehr mit dem Publikum als mit ihren Kollegen auf der Bühne, mit wenig Gespür für die konkrete Situation als dass das jeweilige Kleid richtig drapiert war: so muss für mich das hier sehr verinnerlicht vorgetragene, aber am Ende darstellerisch outrierte “Vissi d’arte” eine Zäsur darstellen, nach der Tosca gebrochen ist. Davon merkt man hier nichts. Und in manchen Phrasen (“Il prezzo”) vergreift sie sich fast im Tonfall – so klingt dann keine Diva, sondern ein neapolitantisches Fischweib. Wie sie allerdings das Ende (“Com’è lunga l’attesa!…”) langsam bis hin zu einem ekstatischen Aufschrei (“Ecco un artista!”) aufbaut, das ist schon großartig gemacht….

Und so wurde, für mich unerwartet, Thomas Hampson zum besten Sänger des Abends: Der Amerikaner hat mittlerweile einen hörbar angerauten Bariton, der nicht wirklich prädestiniert für diese Partie ist, aber er ist der einzige in den drei Hauptrollen, der mich ganzheitlich überzeugt hat. Sein Barion Scarpia ist ein echter Adliger, kein verkappter Baron Ochs à la Bryn Terfel. Selbst bis kurz vor der Vergewaltigung ist Hampson immer noch Charmeur und Knigge-Meister. Beim “Te Deum” bleibt er bis zum Ende präsent und sein kurzes Arioso im zweiten Akt (“Ella verrà per amor”) ist an einem an echten Höhepunkten armer Abend eine Insel der Hoffnung, die jedoch bald unterging.

Der Dirigent des Abends, Marco Armiliato, konnte sich und das ansonsten tadellos aufspielende Orchester da eigentlich nur noch willfährig den sängerbedingten Umständen unterordnen.

Und während ich schon auf dem Weg zur S-Bahn war, jubelte das Münchner Publikum immer noch. Weiß man in München nicht mehr, wie eine “Tosca” klingen kann, soll, ja gar: muss oder waren es einfach zu viele Adabeis um mich herum ?

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