Lucio Silla (Premiere) / Karlsruhe (8.7.2018)

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  • July 9, 2018

Ach, tut das gut. Nach einem sinnbefreiten “Parsifal” am Donnerstag konnte man in Karlsruhe wieder echtes Musiktheater erleben – und das bei einem Werk, das nun wahrlich nicht zu Mozarts Meisterwerken zählt. Aber halten wir fest: die meisten Sechzehnjährigen komponieren keine Opern und als Mozart so alt war wie ich, war er schon drei Jahre tot. Insofern möge man sich vor übereilten Urteilen hüten, denn selbst für ein Frühwerk klingt diese verspätete opera seria ungemein packend und weit humaner als drei Händel-Opern zusammen. Und wenn dann noch ein Berserker wie Tobias Kratzer das Regie-Szepter schwingt, dann werden auch die unendlich langen da capo-Arien nie unangenehm lang.

Denn Kratzer interessiert sich nicht nur für die Charaktere, er weiß eben auch, wie man sie führt. Anstatt die Sänger zu blindem Aktionismus zu verleiten, zeichnet er sie mithilfe “kontrastiver Darstellung”. Soll heißen: im imposanten Bühnenbild von Rainer Sellmaier (wir sehen einen erhöhten Bungalow mit bodentiefen Fenstern und Jalousien) erleben wir oft, wie die singende Figur einer stummen Figur gegenübergestellt wird, die einer anderen Tätigkeit nachgeht. Konkretes Beispiel: während Giunia ihre Rachephantasien an den abwesenden Diktator Lucio Silla (Sulla) richtet, sehen wir diesen, wie er Giunia auf zahlreichen Bildschirmen beobachtet – dann jedoch das Bild einfrieren lässt und sich mit Genuss die beim Rasieren zugefügte Schnittwunde am Bein unter die Lupe nimmt. Und da wären wir auch beim zweiten Grund für die aus meiner Sicht durchaus gelungene Regie: Kratzer nimmt die Blutrünstigkeit der Titelfigur wörtlich und macht ihn samt seines Gehilfen Aufidio zu Vampiren. Oder zumindest zu offenkundig sexualpathologischen Untoten….. Natürlich hat das auch etwas Plakatives, aber eben auch immer mit einem unterhaltsamen Moment. Allein bei der hochwertigen Filmmontage bei der Ouvertüre (Manuel Braun) könnte sich ein gewisser Dilettant aus Wiesbaden anschauen, wie man es richtig macht: wir sehen die Mächtigen und ihre Statussymbole, aber einzelne Motive (das Blut, der Wachhund) erscheinen fast schon leitmotivisch in echt und immer wieder. Großes Kino also – bildlich wie wörtlich.

Natürlich gibt es die eine oder andere Länge – und man merkt durchaus, für welche Charaktere sich Kratzer besonders interessiert hat. Und welche eben nicht, darunter auch Irina Simmes in der Hosenrolle des etwas undurchschaubaren Lucio Cinnas. Simmes hat von allen Damen die fraulichste Stimme: ihr edler, warmer Sopran wird auch in Dortmund glänzend Eindruck machen, wo es die momentane Heidelbergerin nächste Spielzeit hinziehen wird. Im Gegensatz zur Brüsseler Aufführung sang nun ein Countertenor den Cecilio – und ich wüsste keinen anderen als Franco Fagioli, der sich diese Partie aneignen könnte. Obwohl Mozart diese Partie etwas unterbelichtet gelassen hat, mobilisiert der Argentinier alles Potential und zeigt nach seinem Sesto in Nancy, dass auch Mozart zu seinen Stärken zählt. Seine Verlobte Giunia wird von Ekaterina Lekhina gesungen: kleinere Schärfen hört man, aber die Russin startet stark und steigert sich fortlaufend. Wenn Musiker bei Carlos Kleiber von einem “Musizieren auf der Stuhlkante” sprechen, so kann man hier von einem Zuhören auf der Sitzkante sprechen: mit welcher Wucht, welcher Agilità hier die Höhen erklommen, die Koloraturen gewirbelt werden, macht das Publikum atemlos. Ekstase in ihrer reinsten Form ! Glockenklar, mädchenhaft rein hingegen Uliana Alexyuk als Sullas kleine Schwester Celia. Im Lolitaröckchen lässt sie ihre Barbiepuppen wahlweise heiraten, kopulieren oder enthaupten. Kein Zweifel: Wahnsinn liegt in der Familie. Rein phänotypisch ist der junge James Edgar Knight eine Idealbesetzung für Kratzers Sicht auf den römischen Diktator, der mittels Proskriptionslisten tausende politische Gegner eliminieren ließ. Blass-blasiert wirkt der Australier wie ein überaus attraktiver Nosferatu – leider kann man das nur begrenz für die vokale Darbietung sagen, klingt sein Tenor doch irgendwie hohl, ohne Kern. Der Stimmsitz verlagert sich in den Höhen zu weit nach hinten, so dass all Chargieren nicht wirklich über technische Unzulänglichkeiten hinwegtäuschen kann. Der verdiente Kammersänger Klaus Schneider mühte sich als Aufidio im barocken Gehrock aus Brokat jedoch noch mehr…..

Ebenfalls eher schwächelnd und im ersten Akt alles andere als homogen: der Chor der Schatten, hier als Vampire gezeigt.  Johannes Willig versprühte am Pult viel Energie, auch wenn er nicht mit dem atemberaubende “Clemenza”-Dirigat des letzten Jahres mithalten konnte.

Und so verlässt man nach vier Stunden(inklusive zweier Pausen) bestens gelaunt das Badische Staatstheater und fragt sich: Warum gibt’s das nur dreimal diese Spielzeit und nächste Spielzeit gar nicht ? Warum lässt man die zwei verbleibenden Aufführungen unter der Woche und dann erst um 20 Uhr beginnen ? Und vor allem: wann werden Regisseure anderen Ortes begreifen, dass sie eben nicht nur visuelle Arrangeure, sondern Interpreten sind ? Natürlich ist Kratzers Leistung diskutabel – sie erreicht nicht die Tiefe mach anderer seiner Inszenierungen – aber diese hier ist erneut unterhaltsam und nicht unintelligent.

 

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