Parsifal / München (5.7.2018)

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  • July 8, 2018

Zitate sind ideale Einstiege, auch bei Kritiken – und Richard Wagners “Parsifal” geizt nicht mit ihnen: “Zum Raum wird hier die Zeit”, “Erlösung dem Erlöser”, “Wer ist der Gral ? – Das sagt sich nicht” sind nur die prominentesten Beispiele. Keines von ihnen eignet sich angesichts dieser szenischen Nullnummer in München, ungeachtet der musikalischen Perfektion. Am besten passt hier noch: “Und ich bin’s der all dies Elend schuf.” Allerdings bin ich mir nicht sicher, wer dieser “ich” ist – der in handwerklicher wie interpretatorischer Hinsicht die Abreit verweigernde Regisseur (Pierre Audi), der prominente Bühnenbildner (Georg Baselitz) oder doch Intendant Bachler, der dieses Konzept nie über die Konzeptionsphase hinaus hätte tolerieren dürfen ?

Fangen wir bei Pierre Audi an. Der ist immerhin Intendant in Amsterdam – daher irritieren die handwerklichen Unzulänglichkeiten besonders. Seinen faden “Tamerlano” hatte ich mir mit einem wenig geglückten Transfer aus den kleinen Drottningholmer Schlosstheater ins riesige Münchner Nationaltheater erklärt. Da hatte ich mich wohl geirrt. Nun sei gesagt, dass mein Platz sichteingeschränkt war, aber ich habe noch nie eine Regiearbeit erlebt, welche die Handlung in erster Linie an den Seiten, so gut wie nie in der Mitte stattfinden lässt. Das ist der reine Dilettantismus. Noch schlimmer ist die Verweigerung einer irgendwie erkennbaren Personenregie. Als pars pro toto sei die Szene Klingsor/Kundry zu Beginn des zweiten Aktes genannt: beide stehen an den Seitenrampen und schauen sich kein einziges Mal an. (Falls Sie sich fragen, woher ich das weiß: ebenfalls anwesende Freunde hatten die Komplementärperspektive und bestätigten meinen Eindruck). Schon im ersten Akt steht ein Baumstumpf vor einem Lagerfeuer, auf dem es sich Gurnemanz gemütlich machen kann. Wie ein Märchenonkel irrt er über die Bühne und erinnert im dritten Akt an die legendäre Schilderung Christoph Schlingensiefs Schilderungen der eignen “Parsifal”-Proben vor vierzehn Jahren. Beim “nicht so” fragt man sich, was eigentlich “nicht so” gemacht werden soll – Regie führen etwa ? Denn was den Abend dann wirklich ungenießbar machte, war die konsequente Verweigerung einer Interpretation. Zu keiner Frage nimmt Audi Stellung – einzig die in fatsuits gequetschten Choristen geben Gesprächsanlass in den Pausen. Immerhin – die Herren singen grandios, und die Damen noch besser. Besser besetzte Blumenmädchen wird man jedenfalls kaum finden.

Es scheint so, als ob Audi sich dem bildnerischen Diktat des teuersten deutschen Gegenwartskünstlers unterwerfen musste – aber selbst wenn man Baselitz schätzt, kommt man nicht umhin zu konstatieren, dass die Bühne selbst keinen erkennbaren Mehrwert bietet – außer ihrer Impraktikabilität. Ein Zwischenvorhang bei der Verwandlungsmusik im ersten Akt stellt für mich an einem Haus mit derart unbegrenzten technischen Möglichkeiten immer eine Bankrotterklärung dar.

Und so konnte auch das erlesenste Ensemble nicht wirklich gegen die szenische Malaise durchdringen:

Wolfgang Kochs fahles Timbre passt ausgezeichnet zum Klingsor – eine Luxusbesetzung. Rene Pape ist hinsichtlich plastischer Diktion und stimmschöner Gestaltung vorbildlich wie eh und je, aber da er nicht der intensivste Darsteller ist (vorsichtig ausgedrückt) kommt er nicht annähernd so gut zu Geltung wie noch vor kurzem in Berlin. Nina Stemmes Interpretation hat weiterhin an stimmlichem Profil gewonnen, ob ihrer eher introvertierten Herangehensweise fällt ihre Kundry hinsichtlich der Intensität jedoch hinter ihre Darbietungen in Berlin oder Zürich zurück. Jonas Kaufmann ist nun endgültig in der Stimmlage Bariton angekommen – dunkler hat man den Parsifal jedenfalls noch nicht gehört. Allerdings klingt das Timbre nun authentisch dunkel, nicht so gaumig wie vor einigen Jahren. Auch sonst hört sich für mich so kein “reiner Tor”, sondern ein reifer Mann an – sein Tristan könnte jedenfalls klasse werden. Darstellerisch bemüht er sich nach Leibeskräften, aber wenn er sich nach dem Kuss verzweifelt-erregt an die Brust fasst, dann könnte das angesichts der Banalität auf der Bühne auch vom Sodbrennen kommen. Im positiven Sinne diskutabel ist Christian Gerhahers Amfortas: man kann den Vortrag wegen der oft zu vernehmenden mezza voce als manieriert abtun, aber hier entsteht wenigstens ein wirklich individuelles Rollenporträt: dieser Gralskönig ist von Anfang an bitter und zynisch, kein Sympathieträger.

Kirill Petrenko am Pult irritierte bereits im Vorspiel: einerseits schafft es kaum ein Dirigent, die einzelnen Stimmen so plastisch herauszuarbeiten ohne dass es analytisch-verkopft klingt (wie zum Beispiel bei Kent Nagano), andererseits fragmentiert er durch exzessiven Gebrauch von Generalpausen, wie ich es bisher nur bei Christian Thielemann erleben konnte. Der tröstende Klang gefiel mir ausnehmend gut, aber die Manöverkritik in der ersten Pause anderer Besucher (“Flo, es ist ein “Parsifal”, kein “Lohengrin”) nachvollziehbar. Die überaus raschen Tempi  (3h50m) verkürzen den Abend immerhin und machen somit Gerhahers Rollendebüt erst möglich, bringen aber Nina Stemmes dramatischen Sopran immer wieder in Bedrängnis. Trotz aller Perfektion: Barenboims “alles oder nichts”-Attitüde hat mir mehr zugesagt.

Fazit: nach der wirklich herausragenden Konwitschny-Inszenierung ist dieser “Parsifal” ein auf Hochglanz poliertes Event-Nichts. Spätestens bei der zweiten Wideraufnahme mit einem mittelprächtigen Dirigenten (Grüß Gott, Asher Fisch) und den üblichen Repertoire-Verdächtigen (Petra Lang, Klaus Florian Vogt) wird dieser “Parsifal” dann gänzlich ungenießbar sein. Daher der Rat: schauen Sie sich diesen “Parsifal” an, so schnell es geht. Nicht weil er gut ist, sondern weil es trotz Talsohle nur noch mehr bergab gehen wird.

 

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