Eugen Onegin / Strasbourg (22.6.2018)

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  • June 23, 2018

Zum Abschluss der Spielzeit präsentierte die Opéra National du Rhin eine Produktion von “Eugen Onegin”. Der junge Frederic Wake-Walker übernahm dabei die Regie und konnte in den Randakten überzeugen, im Mittelakt jedoch gar nicht.

Bücher sind das passende Leitmotiv – und zu Beginn sehen wir eine zerfallene (zerbombte ?) Bibliothek (Bühne: Jamie Vartan), durch die Tatjana irrt. Nur wenige Bücher stehen in den Regalen. Wenn sich  der (immer wieder schleppende) Chor aus dem Off  ankündigt, die “schweren Füßen”  besingend,  dann weckt das auch Assoziationen an Kriegsheimkehrer. Unter ihnen befindet sich auch Onegin in einer ziemlich heruntergekommenen Offiziersjacke. Dass der Einstieg dennoch nicht in düsterem Grau versandet, liegt an der genialen Lichtregie  (Fabiana Piccoli), die in Sekundenbruchteilen eine gefühlte Sommerlandschaft auf die Bühne zaubern kann.  Im zweiten Akt dann ein Technoclub, wo sich die jeunesse dorée selber feiert. Tatjana sitzt, nachdem sie zu den einleitenden Takten von Onegin im Bärenkostüm (!) gejagt wird auf einem Stuhl auf einem Berg von Büchern, den Rücken zum Publikum. Triquet besingt  (hier inszenierungskonform schmierig von Gilles Ragon – meinem ersten Eléazar – mit Peitsche und Lamettajackett dargeboten) das Geburtstagskind Olga (die sehr präsente wie charmante Marina Viotti). An der Bar trinkt man Wodka (was denn sonst), der neben den Büchern in den Regalen steht, das Duell wird als russisches Roulette dargestellt. Kann man machen, aber die Schuldgefühle Onegins, den eigenen Freund wegen einer Petitesse erschossen zu haben, sind so nicht erklärbar. Im dritten Akt dann der selbe Saal, dieses Mal allerdings im eleganten Ambiente und mit eleganten Bücherausgaben gefüllt – doch als Onegin in ihnen nach Erklärung, Rettung suchen will, sieht er, dass es sich nur um Bücherrücken handelt. Die Gäste tragen alle das gleiche Outfit – manche Choristen wurden durch Mannequins ersetzt, was die Austauschbarkeit des Einzelnen verdeutlicht. Tatjana sticht in ihrem im rosa-russischen, eleganten Barbie-Look (Kostüme: ebenfalls Jamie Vartan) heraus, hat aber die Seiten gewechselt. Ihren kriegsverletzten Mann Gremin (Mikhail Kazakov mit beeindruckender Tiefe, aber hohlem Ausdruck und monochromen Timbre) wird sie nicht verlassen. Sie nimmt ein richtiges Buch und klappt es zu – blackout. Ein brutales, aber auch ergreifendes Ende.

Marko Letonjas Dirigat stellte sich uneingeschränkt in den Dienst der Inszenierung: fast schon Berghain-wummernde Rhythmen im zweiten Akt zu den russischen Tänzen oder Frühlingsgefühle im ersten Akt weckend – das Orchestre philharmonique de Strasbourg machte seine Sache ausgesprochen gut.

Merkwürdigerweise gelingt es Wake-Walker besser, den Chor als die Solisten zu führen. Letztere stehen oft allein gelassen an der Rampe und machen das Beste aus ihrer Sache. Aber das machen sie wirklich gut ! Liparit Avetisyans Lenski gefielt mir mit seiner sehr italienischen Tongebung ausgesprochen gut, Ekaterina Morozova, in der Körpersprache sehr “ballettös” auftretend, singt die Tatajana mit somnambuler Innigkeit, am Schluss mit gebotener Kälte. Eugen Onegin wurde von Bogdan Baciu mit kraftvollem, relativ tief timbrierten Bariton dargeboten.

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