Anna Bolena / Karlsruhe (8.+20.6.2018)

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  • June 21, 2018

“An heir and a spare” – ein Erbe und ein Ersatz. Mit dieser Redewendung ist im wesentlichen ausgedrückt, wozu Prinzessinnen und Königinnen eigentlich da sind: Nachfolger produzieren, wenn möglich männliche. In Karlsruhe packt man – so scheint es – die Königinnen-Trilogie von Donizetti an und startete mit dem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel jenes machtbewussten, fortpflanzungs- wie tötungswilligen Königs namens Heinrich VIII. in England, der zwei seiner sechs Frauen aufs Schafott schickte. 

Regisseurin Irina Brown und ihr Bühnenbildner Dick Brown haben hierzu eine intelligente wie subtile Perspektive auf das Werk eröffnet, das den Übergang von Ehefrau Zwei (Anne Boleyn) zu Drei (Jane Seymor) aus der romantischen Perspektive des frühen 19. Jahrhunderts beschreibt. Auf den ersten Blick dominieren zwar die für die Epoche typischen Kostüme (von Moritz Jung entworfen) mit ruffs (Halskrausen) und Strumpfhosen bei den Herren, üppige Roben bei den Damen, auf den zweiten Blick fällt auf, dass die Bühne nahezu durchgängig in matt-metallenem Glanz schimmert. Assoziationen an eine Fabrik, an einen Maschinenraum der Macht entstehen. Gleich zur Ouvertüre sehen wir, wie ein harmloses Spiel der Hofgesellschaft das Ende Anna Bolenas vorwegnehmen wird – Heinrichs durchaus zärtliche Berührungen seiner Frau gelten einzig ihrem Bauch, der von einer baldigen Geburt kündet. Die angedeutete Fehlgeburt macht den Bruch in der Beziehung bereits ganz zu Beginn deutlich. Ganz allgemein ist die Regie dann überzeugend, wenn sie symbolisch arbeitet, wie der ersten Wiederbegegnung des Herrscherpaares als Heinrich behauptet, nur Augen für Anna zu haben, seinen Blick stattdessen einem (echten) Greifvogel und somit der Jagd widmet oder wenn Giovanna eine Sanduhr auf dem Thron platziert. Bei der klassischen Personenführung hingegen gibt es keine Überraschungen, es bleiben jedoch nach der Pause zunehmend Wünsche nach Differenzierung und genauerer Charakterzeichnung offen. Ob Giovanna nun wirklich die offizielle Bestätigung der Liebe Heinrichs will oder doch nur den Thron, woher die Gewissensbisse kommen – das bleibt im Dunklen. Auch in der Schlussszene, in der Anna zwischen Wahnsinn, Gefasstheit und Aufbegehren gegen die anstehende Hinrichtung schwankt, sind die Sängerinnen in szenischer Hinsicht allzu sehr auf sich allein gestellt. Dennoch kommt die Inszenierung beim Publikum an, da der kleinste gemeinsame Nenner der beiden oft widersprüchlichen Mengen “Anspruch” und “Konsum” hier gar nicht mal so klein ist. Auf jeden Fall herrscht hier weit weniger Langeweile als bei der vorletzten dramatischen Karlsruher Belcanto-Produktion, Bellinis “Capuleti et i Montecchi”.

In musikalischer Hinsicht sind die Sänger zweifelhaft gut aufgehoben: Daniele Squeo breitet den Sängern in beiden besuchten Aufführungen vom Orchestergraben aus einen differenzierten Klangteppich aus, der sich ganz individuell an deren jeweiligen Bedürfnissen orientiert. Die Chöre waren ebenfalls in bester Stimmung und bei bester Stimme. Nachvollziehbar, ist ja endlich mal was anderes als die elenden C&A-Anzüge von der Stange tragen zu müssen….

Nun gilt Donizetti allgemein hin als Sänger-, und nicht als Ideenkomponist wie zum Beispiel Wagner. Überspitzt formuliert, interessiert sich Donizetti nur insoweit für die Charaktere, als dass er ihnen bestimmte Arien zuweisen muss, wie es eben die damaligen Konventionen verlangten. Daher hängt vom Gelingen einer Aufführung einiges mehr von der jeweiligen Besetzung ab – und den Präferenzen des Hörers. Dazu sei vorab gesagt, dass ich gerade beim Belcanto von Sopran und Tenor besonders die Risikobereitschaft zum Acuto einschätze, also transponierte  Hochtöne, die in der Partitur so erstmal nicht notiert sind, aber neben individuellen Verzierungen oft das Salz in der Suppe sind.

In der kurzen Partie des Hervey passt Kammersänger Klaus Schneider allein vom Typ schon besser als der jugendliche, stimmschönere Cameron Becker, der seine Sache nicht schlechter, sondern anders macht. In der Rolle des Rocheforts, also Annas Bruder gefiel mir Andrew Finden letztlich ein Quäntchen besser als Yang Xu, schwer zu sagen, warum. Ebenfalls doppelt besetzt ist die Hosenrollenpartie jenes Hofjünglings, der Anna ungeahnt ans Messer liefert: Dilara Bastar, die das Ensemble nächste Spielzeit leider verlässt konnte mich mit ihrem herben Mezzo etwas mehr einnehmen als Alexandra Kadurina.

In der Partie des Percys kann Karlsruhe gleich zwei tenori di grazia aufbieten: Alexey Neklyudov leiht Annas Ex einen geschmackvollen Klang, leider verrutscht ihm die Stimme bei der Cabaletta des “Vivi tu”, so dass er auf Nummer Sicher geht: kein hohes d am Schluss. Auch Eleazar Rodriguez verzichtet auf diesen exponierten Spitzenton, geizt aber schon bei der Cabaletta im ersten Akt nicht mit atemberaubender Höhensicherheit. Auch sonst wirkt diese Partie in den Händen des Mexikaners weit präsenter, zentraler. Ein echter Ensemble-Schatz.

Jeweils einfach besetzt sind Heinrich (bzw. Henrico) und (eigentlich – aber dazu später) Jane (Giovanna) Seymor. Auch wenn Nicolas Brownlee dem Tudor-König in seinem grandiosen Outfit nicht direkt dem berühmten Holbein-Gemälde entsprungen wäre, zeichnet er den englischen Regenten bei allen cholerischen Ausbrüchen auch als um seine Dynastie tief besorgten König, dessen mächtiger Bassbariton ist hierfür wie geschaffen. Seine neue “Liebe”, die schon im Stück selber als nicht wirklich liebevoll gezeigt wird, entfacht Ewa Plonka – ein nicht minder kraftvoller Mezzo, der phasenweise fast schon sopranlastig klingt und einerseits die Konkurrenz bzw. die Überlegenheit zur noch amtierenden König unterstreicht, andererseits aber den Duetten mit Anna Bolena etwas die Farbvielfalt nimmt. Dass Plonka auch Verdi singt, hört man – und ich hätte mir gewünscht, dass sie ihr beeindruckendes Organ dann und wann etwas zurückgefahren hätte. Nun war Plonka am 20. erkrankt und konnte die Partie nur spielen – Svitlana Slyvia sang von der Seite: gerade weil sie weniger imposant orgelt, passt ihr Stimmtypus eher für dieses Fach. Vor allem bezüglich Jugendlichkeit trifft der Gast vom Opernhaus Halle den Kern der jugendlichen Rivalin und Kronprätendentin besser – bitte wiederkommen !

In der Titelpartie sind Hausbesetzung Ina Schlingensiepen und als Gast Shelley Jackson zu hören. Letztere fand ich nicht enttäuschend, aber auch nicht weltbewegend. Angesichts der manchmal zittrigen, aber nicht unspannenden Stimmführung war klar, dass es kein hohes d im Final Akt I oder gar ein hohes es beim”coppia iniqua” geben würde – aber selbst das c ist so kurz, dass es fast schon antiklimaktisch wirkt. Dennoch: einige Verzierungen sind durchaus ansprechend und das Timbre gefällt. Ja, hier wirkte Frau Schlingensiepen tatsächlich etwas neutraler – und auch bei den Trillern, etc. kommt ihr manches nicht mehr so leicht über die Lippen. Und trotzdem würde ich ihr letzten Endes den Vorzug geben – nicht nur wegen des hohen d oder des ewigen langen c – sondern auch weil sie diesen emotionalen Zustand des mit dem Rücken an die Wand stehen glaubwürdiger verkörpert. Im direkten Vergleich feuerte sie sich mit Rodriguez zu Höchstleistungen an und in der Konfrontation mit Heinrich flogen die Funken – eine dem König ebenbürtige Gegnerin, kein Opfer, das von Anfang an darauf wartet, zur Schlachtbank geführt zu werden.

Wie man es auch dreht und wendet: Karlsruhe hat wieder mal eine grundsolide Inszenierung, eine abwechslungsreiche wie kompetente Besetzung, die auch mehrfache Besuche rechtfertigt. Abschließend bleibt nur noch die Frage, wie sinnvoll es ist, eine knapp 3 1/2-stündige Oper werktags auf 20h anzusetzen.

 

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2 Comments

  • Pünktchen says:

    “[…] der seine Sache dennoch nicht weniger schlecht macht.” – Ein kleiner freudscher Versprecher, lieber Florian Kaspar?

    • admin says:

      Nein, einfach nur der Beleg dafür, dass man zu nachtschlafender Zeit fehleranfälliger als sonst ist. Aber danke für den Hinweis und Gruß nach Frankfurt.