Coraline (Premiere) / Freiburg (15.6.2018)

  • 3
  • June 16, 2018

Nachwuchsakquise ist bis heute die Herkulesaufgabe schlechthin  im Opernbetrieb. Und wer wollte es dem jungen Publikum verdenken, keinen Bock auf Oper zu haben ? Denn bis auf die unverwüstliche “Zauberflöte”, “Hänsel und Gretel” und die eine oder andere Rossini-Oper (“La cenerentola”) gibt es tatsächlich kaum Werke, die Kinder ansprechen. Umso lobenswerter also, dass das Londoner Royal Opera House in Kooperation mit mehreren anderen Häusern beim englischen Komponisten Mark-Anthony Turnage eine Oper speziell für Kinder in Auftrag gegeben hatte. Die Wahl fiel auf die Novelle “Coraline” von Neil Gaiman, welche durch die Verfilmung in stop motion-Technik  für Furore sorgte. Nun also eine Adaption für die Musiktheaterbühne – kann das gut gehen ?

Vom Applaus am Ende des kurzen (125 Minuten inklusive einer 25-minütigen Pause) wie kurzweiligen Abends her zu schließen – ja. Und das liegt auch an der Handlung selber, die für Kinder wie gemacht ist. Denn die junge Coraline langweilt sich in ihrem neuen Zuhause, raus zum Spielen darf sie nicht, ihre Mutter hat keine Zeit, der Vater kocht immer dieselbe Gemüsesuppe und ist mit seinen Erfindungen beschäftigt. Auch die neuen Nachbarn sind kuriose Gestalten (Dirigent eines Mäuseorchester, zwei gealterte Schauspielerinnen), mit denen wenig anzufangen ist. Kein Wunder dass Coraline trotz Warnung von Stimmen durch eine kleine, versteckte Tür geht – wo sie ihr selbes, nur spiegelverkehrtes Zuhause vorfindet. Und hier haben ihre “Andereltern”, insbesondere die “Andermutter” unendlich viel Zeit und Zuwendung zu vergeben. Wenn das so bleiben soll, dann muss Coraline allerdings einwilligen, ihre Augen mit Knöpfen zu vertauschen…….

Parallelen zum “Tannhäuser” (zwei getrennte, sich diametral gegenüberstehende Welten) oder dem “Faust” (Freude als Preis für die Seele) sind offenkundig, aber kindgerecht aufgearbeitet – und dennoch wiederum nie harmlos. Daran hat auch das  von Kerstin Schüssler-Bach  ins Deutsche übertragene Textbuch (Rory Mullarkey) gehörigen Anteil, da sieht man über ein, zwei syntaktische Stolpersteine gerne hinweg. Mark-Anthony Turnage hat für diese Oper eine nicht uninteressante Partitur geschaffen, die die Handlung kontinuierlich vorantreibt.  Da swingt es ironisch bei den beiden Schauspielerinnen, die ihre guten Zeiten besingen (Szenenapplaus für Amelie Petrich und Anja Jung), während Mr. Bobo (Roberto Gionfreddo mit Mime-Qualitäten) die Kakophonie seines Mäuseorchesters beklagt. Die Orchestrierung als Kammerbesetzung begrenzt zwar auf Dauer ein wenig die musikalischen Ausdrucksformen – Turnage ist eben kein Strauss –  ermöglicht jedoch den Sängern den sonst oft zu vernehmenden Kampf mit dem Dirigenten.

Der heißt übrigens Fabrice Bollon und ist Generalmusikdirektor. Schön, dass “Familienoper” in Freiburg Chefsache ist. Und noch schöner, dass es ihm gelingt, einen luiziden Klang zu erzeugen, der phasenweise Nervenkitzel erzeugt, aber in den wenigen retardierenden Momenten auch zum ganz sentimentalen Schwelgen verleitet.

Die Produktion wurde direkt aus London übernommen, wo Alettea Collins Regie führte, in Freiburg übernahm Deborah Cohen die Spielleitung. Im sehr wandlungsfähigen Einheitsbühnenbild (Giles Cadle) wird die Handlung ohne Schnickschnack und ein paar schönen Effekten erzählt sowie der Fokus auf die Charaktere gelegt. John Carpenter singt beide Väter mit warmem Bariton und Inga Schäfer brilliert als überforderte Mutter wie manipulative Andermutter gleichermaßen. Ihre Abschiedsworte, als Coraline sich von ihr verabschiedet, gingen bei mir durch Mark und Bein, da kann die Humperdinck-Hexe  schon mal in Frührente gehen. Ganz charmant wie hervorragend war die Titelpartie mit der blutjungen Samantha Gaul besetzt – eine wahre Sympathieträgerin mit einem unschuldig-klaren aber dennoch warmen Sopran.

Und wer sich jetzt noch fragt, wie Coraline es schaft, die abgetrennte, aber überlebende Hand der Andermutter einzufangen, der muss nach Freiburg fahren und sich das vor Ort anschauen. Es lohnt sich, für Erwachsene ebenso wie Kinder !

Share Button
(Visited 107 times, 1 visits today)