El gato montes / Kaiserslautern (9.6.2018)

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  • June 10, 2018

Während in Villariba noch geputzt wird, wird in Villabacho schon wieder gefeiert …

Wer kennt sie nicht – jene sagenumwobene Spülmittelwerbung aus den frühen neunziger Jahren. Und wenn es etwas gibt, wovon sie noch mehr triefte als jenem Fett, das Fairy Ultra den Garaus bereitete, dann war es die Menge altbekannter Spanienklischees, vor denen auch eine ganz bestimmte Oper nicht halt gemacht hat:  “Carmen”.  Und – man glaubt es kaum – gibt es auch eine andere iberische Dreiecksgeschichte, in die ein Torero involviert ist. Nur dass der Komponist tatsächlich Spanier war…..

Der mir zuvor völlig unbekannte Manuel Penella gilt eigentlich als Zarzuela-Komponist, hat aber auch Opern verfasst, die sich deutlich ins Verismo einordnen lassen. Was wir hören, ist also kein französischer Zugang à la Bizet, sondern ein spanisch-italienischer Mix mit einem ordentlichen Hauch Folklore in den Ensembleszenen, der musikalisch wie dramaturgisch über weite Strecken an die “Cavalleria Rusticana” erinnert. Ohne dessen Sogwirkung zu entfalten, aber dafür mit ungleich mehr guter Laune – und das obwohl keiner der drei Hauptpersonen überlebt. Wer also in Zukunft über “Carmen” klugscheißen will (“Bizet war ja nie in Spanien, Postkartenidylle, …”), dem sei entgegnet: “Dann hör dir erst mal die Wildkatze an. Und der Komponist war sogar Spanier und hat es besser gewusst…..”

Regisseur Alfonso Romero Mora konnte oder wollte mit diesem toxischen Mix aus Katholizismus (man bekreuzt sich unentwegt) und Machismo (alles Schlampen außer Mutti)  nichts anfangen und entschloss sich, die eh schon überdrehte Handlung (die ich an dieser Stelle gar nicht nacherzählen will, sie lohnt nicht) die Schraube noch weiter anzuziehen. Anstatt sie also zu entschärfen, die Charaktere ihrer Stereotypen zu entkleiden um sie als echte Menschen zu zeigen, potenziert er die Klischees vielmehr. Sie stellen die Handlung auf einer kreisrunden Bühne (Ricardo Sanchez Cuerda) nach, welche von Touristen der Jetztzeit umgeben sind. Diese filmen dabei mit ihren Handys und singen die Chorpartien. Die spanische Flagge rahmt das Bühnenportal, eine riesige Dornenkrone oder überlebensgroße Banderillas senken sich herab – sogar ein von Schwertern durchbohrtes Herz oder einen blutroten Mond bekommen wir zu sehen. Getoppt wird dieses Sammelsurium der Geschmacklosigkeiten von den trashigen Kostümen (Rosa Garcia Andujar), welche die Charaktere den Rest ihrer verbliebenen Glaubwürdigkeit berauben.

Daniel de Vincente als Bandit Juanillo (mit dem titelgebenden Decknamen “Wildkatze”) sieht aus wie eine Mischung aus mongolischem Steppenreiter und kanadischem Trapper. Mit seinem gemütlichen Schnauzbart und seinem gemütlichen Bariton überzeugt der Amerikaner in stimmlicher Hinsicht noch am meisten. Dennoch steht da mehr ein Garfield als eine Wildkatze auf der Bühne. Miau.

Soleá, das Objekt der Begierde, wird als attraktive Zigeunerin besungen. Dass Andiswa Makana weniger ein graziles Aussehen als vielmehr  Walküren-Statur besitzt, dafür kann sie nichts. Aber in diesem Kleid, das sie wie eine kostümierte Christbaumkugel wirken lässt, überhört man fast, dass sich ihr Sopran im ersten Akt erst freisingen muss, um dann zumindest in der Mittellage einnehmend zu klingen.

Als Rafael hatte man Carlos Moreno engagiert. Der besitzt einen Körperumfang, der es auch einem gehbehinderten Stier schwer machen würde, den Torero zu verfehlen – und sein Outfit, das nach Freibeuter oder Pirat aussieht, würde es dem behörten Vierbeiner noch leichter machen. Sein Tenor scheppert, klingt blechern, vor allem im Parlando. Einzig in den für den Verismo so typischen Kurzarien bekommt man den Ansatz einer Ahnung, warum man Spanier überhaupt engagiert hat.

Und dennoch – als ich mich nach ungefähr dreißig Minuten entschlossen hatte, das Gezeigte nicht als verfremdeten, aber letztlich doch ernst gemeinten Fehlschlag, sondern einen grandiosen Sieg des Trashs über das Talent zu sehen, hat mir der Abend auf eine kuriose, kranke Weise sogar Spaß gemacht, was sicher auch am idiomatischen Gesang und dem fetzigen Dirigat (Rodrigo Tomillo) gelegen haben könnte. Darauf einen Manzanilla, der auch im Stück regelmäßig getrunken wird !

Die besuchte Vorstellung war bereits die Dernière. Wer trotzdem (oder genau deshalb) neugierig geworden ist, hat dennoch die Möglichkeit, diese “Wildkatze” bei einem Gastspiel am 24.6. in Ludwigshafen zu hören. Der unschätzbare Vorteil: dort muss man sich nicht auch noch mit Deutschlands geschwätzigstem Opernpublikum abgeben.

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