Antikrist (Premiere) / Mainz (3.6.2018)

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  • June 4, 2018

Aus der ex post-Perspektive fragt man sich manchmal, wie um alles in der Welt die Zeitgenossen eines Komponisten dessen musikalisches Genie allen Ernstes verkennen konnten. Wir lehnen uns zurück und denken: “Wie borniert”. Fürs Protokoll: man zähle mich zu den Bornierten, was Rued Langgaard betrifft. Vor  gar nicht so langer Zeit hatte ich die “Sphärenmusik” des dänischen Komponisten als Vorspiel zu einem konzertanten ersten “Walküre”-Akt in Berlin gehört und wirklich beeindruckt war ich schon damals nicht. Gleich zweimal wurde seine Oper “Antikrist” von der Königlichen Oper Kopenhagen abgelehnt – und dies trotz intensiver Überarbeitung. Erst 1999 erlebte sie ihre szenische Uraufführung in Innsbruck. Handelt es sich hier also vielleicht um das klassische Beispiel für die Wahrheit, dass der Prophet nichts im eigenen Land sei ? 

Nun, bis heute kann man wahrlich nicht von einer Langgaard-Renaissance sprechen und ich kann es der künstlerischen Leitung Kopenhagens nicht verdenken, dieses quasi-Oratorium nicht auf die Bühne bringen zu wollen, obgleich deren Beweggründe andere gewesen sein möchten als meine. Von den 90 Minuten besitzen knapp 30 Minten rein orchestralen Charakter – damit dürfte schon viel gesagt sein, was den musiktheatralischen Gehalt des Werkes mit Allegorien voll klangvoller Namen betrifft. Die vorab-Lektüre des informativen Programmheftes ist dringend anzuraten, denn ansonsten ist es kein Leichtes, der verquasteten Handlung zu folgen, die ich hier auch gar nicht groß wiedergeben möchte. Nur so viel: es wird viel behauptet und wenig geboten, eine klassische Handlung gibt es nicht wirklich, die meisten Charaktere verschwinden nach ihrem Auftritt wieder – einzig Luzifer (Peter Felix Bauer kann sich erst zum Ende frei singen) und Gottes Stimme (Ivica Novakovic macht wegen seiner Ausbildung als Tänzer und Sänger in der Sprechrolle einen überzeugenderen Eindruck als sein Widerpart) bilden einen gewissen Rahmen. Die Musik selber ist durchaus reizvoll, immer tonal, allerdings “strausst” es hörbar. Allein gewiss kein Ausschlusskriterium, aber wenn es so offensichtlich ist, dann doch. Wer will, kann freilich auch Schumann oder Bartok erkennen, Wagner natürlich auch. Und “wagnern” tut es mit kruden Wortungetümen in der Übersetzung aus dem Dänischen über Gebühr, vor Wortungetümen wie “Tränenmeereseinsamkeit” kann man sich nur schwer retten.

Warum war der Abend dennoch kein Reinfall  ? Drei Gründe:

Erstens: ein wirklich gutes Ensemble nimmt sich der Sache an und macht es somit erträglich. Neben den bereits erwähnten Gegenspielern lässt vor allem Lars-Oliver Rühl in der Rolle des “scharlachroten Tiers” mit feinem Tenor aufhorchen, Alexander Spemann singt die “Lüge” mit charaktertenoralem Biss, “die große Hure” wurde von Vida Mikneviciute mit gleißendem Sopran dargeboten. In anderen Partien sind Nadja Stefanoff (“Der Mund, der große Worte spricht”), Geneviève King (“Der Missmut”), Michael Mrosek (“Der Hass”), Alexandra Samouilidou (“Die Rätselstimmung”) und saem You (“Das Echo der Rätselstimmung”) zu hören.

Zweitens: Regisseur Anselm Dalferth, der vor ein zwei Jahren mit seinem Mainzer “Holländer” bösen Schiffbruch erleiden musste, schafft es, den Abend so plausibel wie irgend möglich zu bebildern. Gewiss kein großer Wurf, aber angesichts der Vorlage auch eine nicht zu unterschätzende Leistung. (Man fragt sich, was ein Altmeister wie Peter Konwitschny aus so einem Werk gemacht hätte…..)

Drittens und insbesondere: Herrmann Bäumer gelingt es im Graben, ein farbenreiches Panoptikum zu kreieren, das auch den vergleich mit ganz großen Häusern nicht zu scheuen braucht.

Ausblick und Fazit: “Antikrist” wird diese Spielzeit nur noch wenige Male gezeigt, nächste Saison aber wiederaufgenommen. Man muss es wirklich nicht gesehen haben.

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