Billy Budd / Frankfurt (2.6.2018)

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  • June 3, 2018

“Rum, sodomy and the lash” – Rum, Sodomie und die Peitsche. Mehr sind es laut Winston Churchill gewesen, was nautische Traditionen ausmachte. Und der musste es ja wissen, schließlich war er Marineminister…… Auch Komponist Benjamin Britten ging mit dem Stolz Großbritanniens hat ins Gericht und legte das  harsche, teils grausame Leben auf hoher See in seinem maritimen Meisterwerk “Billy Budd” als das dar, was es ist. Mein erster und bisher leider einziger “Billy Budd” war die Münchner Produktion. Das Werk hatte mich von der ersten Note an gepackt – kein Wunder, dirigierte doch der Klangmagier Kent Nagano eine in jeder Hinsicht gelungene Produktion mit drei fantastischen Hauptdarstellern, allen voran Nathan Gunn in der Titelpartie. Nach zwölf Jahren war ich also riesig gespannt auf die Frankfurter Produktion, die mir von allen Seiten wärmstens empfohlen wurde.

Und obwohl mich die Aufführung nicht im gleichen Maße packen, nicht im gleichen Maße berühren sollte, empfand ich den Besuch als sehr lohnend. Das lag auch an Erik Nielsen am Pult. Manchmal vernimmt man das Orchester gar nicht – wie die ruhige See ist es immer präsent und doch nicht dominant. Und dennoch vermag es Nielsen, an manchen Stellen ganz unerwartet, die Strukturen, die Farben unter der Meeresoberfläche präzise zu zeichnen. Kein Dirigat, das sich nach vorne drängt, sondern ein Dirigat, das eine ideale Basis für die teilweise doch jungen Stimmen bildet.

Besonders hervorzuheben ist der idiomatische Klang des Ensembles – die vielen englischen Muttersprachler baden förmlich im englischen Libretto, wie zum Beispiel Theo Lebow als intriganter Squeak, Michael Porter als Novice und viele andere.

Für Thomas Faulkner kommt die Partie des Schiffsprofos John Claggart ein wenig früh, aber der junge Bass macht seine Sache mehr als ordentlich. Es fehlte mir dann aber doch ein wenig die Daibolik, das abgründig Sinistre in der Darstellung.  Mit seinem weichen, in der Höhe etwas dünnen Tenor ist Michael McCown als Edward Vere hingegen optimal besetzt: ein eher akademischer Kapitän, der das drohende Unglück nicht abzuwenden vermag – es durch seine eigene Überschätzung sogar herausfordert. Björn Bürger ist als Typ eine Idealbesetzung für den Strahlemann Billy Budd, den die fast ganze Mannschaft liebt, auch wenn ich ihn – rein optisch – eher als Dandy denn als rauen Seemann gesehen habe. Gehört habe ich aber einen warmen, ebenfalls recht jungen Bariton, der am Ende ein rührendes “Look, through the port comes the moonshine astray” zum Besten gibt und mir am Ende dann doch – im Zusammenspiel mit dem Chor – Gänsehaut beschert, als er “Starry Vere” besingt, dieses jedoch einen fast revolutionär-aufrührerischen Klang annimmt.

Aber auch Regisseur Richard Jones (Neueinstudierung: Benjamin Cortez) hatte einen gewissen Anteil, dass mich der Abend nicht wie einst in München packte. Die Verlegung der Handlung auf einem Kriegsschiff in ein Internat für Seekadetten passt überraschen gut und kleinere logische Probleme wie die Zwangsrekrutierung zu Beginn fallen nicht ins Gewicht. Aber die ständige wie berechtigte Angst der Schiffsleitung vor einer Meuterei ist dann doch eine andere Hausnummer als eine renitente Mittelstufenklasse. Da fehlt es dann doch ein wenig an Plausibilität beim Handeln der einzelnen Charaktere – aber  Antony McDonalds, gigantisches, enorm beeindruckendes Bühnenbild macht auch hier einiges wett.

Am Ende langer, leidenschaftlicher und verdienter Applaus.

 

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