Parsifal / Mannheim (31.5.2018)

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  • May 31, 2018

“Museal”. Kein Urteil über eine Inszenierung klingt vernichtender. Und doch ist es eine ziemlich unsinnige Beschreibung, denn Museen sind ja eigentlich nur das Medium, sei es für Bilder, Installationen in der bildenden Kunst oder wie es eben das Theater für Werk und Inszenierung ist. Es kommt für mein Dafürhalten darauf an, welches Werk man ausstellt (Barockschinken oder Baselitz) und wie man es ausstellt – oder eben welche Oper man spielt und wie man sie in Szene setzt. Das zu Fronleichnam gespielte Werk (“Parsifal”) ist begrenzt alt (Uraufführung 1882), die Inszenierung  von Hans Schüler hat nunmehr auch 61 Jahre auf dem Buckel. Die Mannheimer hängen an ihr – und das sagt mehr über die Mannheimer Wagnerianer als die inszenatorischen Qualitäten aus. Denn der bloße Verweis auf die Schülerschaft des Regisseurs bei Wieland Sankt Wagner ist ja alleine kein Qualitätsmerkmal. Ich zum Beispiel bin ein sehr guter Anglist und Historiker (so steht es jedenfalls in meinem Staatsexamen und Magister-Zeugnis) – leider kann ich das nicht für die anglistischen und historischen Leistungen aller meiner Schüler sagen…..

Das so oft gelobte Bühnenbild wurde mittlerweile generalüberholt, vor allem die für die ansonsten karge Szene zentralen Projektionstafeln lassen die selbige kraftvoller erscheinen als bei meinem letzten Besuch – dennoch wirkte im ersten Akt vieles eher grau als grün. Aber das war für mich erneut nicht der Knackpunkt. Das fängt damit an, dass diese Inszenierung naturgemäß ein Kind ihrer Zeit und somit eben überholt ist: die Adenauer-Erotik, welche die Blumenmädchen ausstrahlen, das Hexen-/”Zigeuner”-Kostüm der Kundry im ersten Akt – sie sind eben nur im Rahmen eines Zeitgeistes zu verstehen, in dem die Strafrechtsparagraphen 175, 180 und 218 fröhliche Urstände feierten und bereits Gastarbeiter aus Italien von einem Hauch Exotik umflort wurden. Man verzeiht der Regie auch, dass sie nicht im Traum daran denkt, eine wirklich eigenständige Leistung in Form einer Interpretation zu zeigen, wo es eigentlich bitter nötig wäre (beim “Liebesmahle” zum Beispiel, das fast konzertanten Charakter annimmt). Nein, es ist einfach die gänzlich veraltete Art und Weise der Personenführung, die einen unentwegt anödet. Es passiert erschreckend wenig – kein Lichtwechsel beim erschossenen Schwan, keinerlei Aggressivität bei den Gralsrittern, als sie Kundry attackieren. Liste beliebig verlängerbar. Und so merkt man sofort, welcher Sänger schon in einer aktuellen Inszenierung Rollenerfahrung sammeln konnte und diese einfach übers Eck einfließen lässt, denn gerade die “alten Hasen” bleiben auch in ihrer Rolle, wenn sie nichts zu singen haben und halten somit die Spannung eher aufrecht.

Patrick Zielke singt den Titurel solide aus dem Off, Thomas Berau hadert wie schon beim letzten Mal mit dem Text und ist hörbar auf die Souffleuse angewiesen. Schade, denn er singt hinsichtlich der Diktion gestochen scharf und versucht aus seinem szenischen Handicap – der Amfortas sitzt unbeweglich in einer Trage oder am Altar – das Beste zu machen. Furios hingegen Thomas Jesatko als Klingsor; mit welcher Mischung aus Verbitterung und Verzweiflung er den “Bösewicht” zeichnet, das ist wirklich großartig. Schade, dass sein Kostüm und die bereits erwähnte Harmlosigkeit in der Personenführung ihn einem Großteil der Diabolik seiner Partie beraubt. In szenischer Hinsicht ein Beinahe-Totalausfall: Sung Ha als Gurnemanz. Der Koreaner verzieht keine Miene, macht keine Handbewegung mehr als nötig. Auch hinsichtlich der Textgestaltung herrscht Flaute – und wenn er es am Ende des ersten Aktes mal versucht (“Du bist doch eben nur ein Tor”), gerät er aus dem Takt. Schade, denn vom Material her besteht Potential zu einem weit anständigeren Rollenporträt. In der Titelpartie war Frank van Aken zu hören – die tiefere Tessitura bekommt ihm deutlich besser als noch beim “Tannhäuser” vor zwei Wochen an gleicher Stelle. Natürlich wirkt er in diesem “Freischütz”-Kostüm etwas albern, aber er wirft sich mit Inbrunst in die Rolle, gestaltet intelligent und geschmackvoll (der erste “Amfortas”-Ruf hatte einen fast schon italienischen Einschlag), kommt im zweiten Akt aber textlich zunehmend in mittelgroße Nöte.

Der zentrale Grund für mich, erneut diese Produktion zu besuchen, war die Besetzung der Kundry. Bei Angela Denoke war ich doppelt gespannt, da sich bei meiner Lieblingssängerin nach der Judit und der Küsterin der Fachwechsel bereits indirekt ankündigte, was mit einer anstehenden Brangäne (statt der erhofften und bereits einstudierten Isolde) in Buenos Aires und der Herodias (statt wie bisher die Salome)  in Köln nun ganz offiziell wird. Es fällt es mir schwer, gänzlich neutral zu sein, aber da ich nicht am morbus gruberoverus leide, komme ich nicht umhin, diesen Wechsel als leider nötig und geboten zu sehen. Das Bühnentier Denoke ist durch diese züchtige Inszenierung in der Darstellung freilich etwas gehemmt, aber dennoch gelingt es ihr, diese Grenzpartie so intensiv wie irgend möglich darzustellen. Im ersten Akt klingt ihr Sopran gut, also wie gehabt und wie ich ihn kenne und mag. Im zweiten Akt verzaubert sie durch eine rührende “Herzeleide”-Erzählung, aber schon da kündigen sich Probleme in der Höhe an: das “dich wütend umschlang” rutscht ihr vernehmbar aus dem Fokus. Dabei sind es nicht die isolierten Höhen, die ihr Mühe bereiten (das hohe H auf “und lachte” sitzt, auch wenn es nicht so lange wie einst gehalten wird), sondern die Höhen im Rahmen einer längeren Phrase (“lässt dich dann Gottheit erlangen” zum Beispiel). Und so entsteht ein gewisser Teufelskreis: das (Unterkiefer-)Vibrato nimmt zu, und nach gerade noch irgendwie angerissenen “Irre, Irre”-Rufen muss sie dann tatsächlich noch das “zum Geleit” nach unten transponieren. Beim Aktschluss war Frau Denoke jedenfalls sichtlich überrascht, ja fast peinlich berührt ob der Bravorufe, die ihr das Publikum entgegenbrachte. (Auch die Herren van Aken und Jesatko wurden begeistert empfangen.)

Und spätestens mit dem peinlichen Speerwurf war meine bereits in der ersten Pause aufgeschobene Entscheidung, schon nach dem zweiten Akt die Segel zu streichen, unumkehrbar. Alexander Soddys kontemplatives, dennoch durchschnittlich schnelles Dirigat (der erste Akt dauerte 100 Minuten) war jedenfalls trotz aller Souveränität (kein Wunder, die Mannheimer haben den “Parsifal” im Blut – und dennoch hauen die Trompeten mehrfach daneben, was aber eine sehr engagierte Paukistin wieder wett macht) kein ausreichender Grund, im Nationaltheater zu verweilen.

Fazit: es ist schön, dass Mannheim an diesem “Parsifal” festhält, aber für mich ist das trotz Botoxunterpritzung in Form der Generalüberholung keine Inszenierung, die ich mir ein drittes Mal antun werde. Egal, wer singt.

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