Mahagonny – ein Songspiel + Pierrot Lunaire + Die sieben Todsünden / Strasbourg (28.5.2018)

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  • May 29, 2018

Puh…. Weiß  der Himmel, was ich mir dachte, als ich vor sieben Monaten die Karte für diese “Opern”-Kombination kaufte. Nix gegen Schönberg, aber mit der Kombination Kurt Weil/Bertolt Brecht kann man mich jagen – ihr “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” zählt neben einer anderen, weit prominenteren Oper (daher sei sie an dieser Stelle ungenannt) zu meinen absoluten “Oh nein, bitte nicht, alles nur das nicht”-Werken fürs Musiktheater. Und vor der Pause wurden meine schlimmsten Befürchtungen tatsächlich erfüllt….

Da saßen zwei kleine Bands/Ensembles unter der Leitung von Roland Kluttig auf der relativ kargen Bühne (inklusive der obligatorisch anmutenden Brecht-Gardine) und spielten beherzt zu einer schwer nachvollziehbaren Reader’s Digest-Variante von Mahagonny. Immerhin wurde somit das schwer verdauliche, links-pädagogische Zeigefingertheater mit viel Moralin auf ein erträgliches Minimum reduziert. Mit dem “Pierrot Lunaire” – der merkwürdigerweise in das Songspiel integriert wurde (oder auch nicht – am Ende wurde jedenfalls erneut kurz “Mahagonny” angespielt”) konnte ich dann noch weniger anfangen, denn das bisschen Lesbengetue der beiden Sopranistinnen (Lenneke Ruiten und Lauren Michelle), das Comedian Harmonist-Gehopse der vier Herren (Roger Honeywell, Stefan Sbonnik, Antoine Foulon, Patrick Blackwell) und  die kuriosen Verrenkungen der Tänzerin (auf der Homepage leider ungenannt, aber sie machte das trotzdem wirklich gut !) ergaben für mich keinen roten Faden. Auch in musikalischer Hinsicht wirkte die Kombination zu beliebig, zu austauschbar.  Zur Pause gab es jedenfalls viele konsternierte Gesichter zu sehen, nicht nur bei der kulturell zwangsbeglückten Mittelstufenklasse im dritten Rang. Und so langsam dämmert mir, warum das alles so gar nicht zündete: es fehlte der gesellschaftspolitisch relevante Biss. Im Prinzip sah man von Regisseur David Poutney eine Inszenierung, dessen Perfektion an die glatten, wie geölt ablaufenden Broadway-Shows erinnert: kapitalistisch, oberflächlich, um Beifall heischend, sich gänzlich im Gegensatz zur politischen Grundorientierung der Autoren befindend – also wie wenn der Ronald McDonald-Clown gesunde Ernährung propagiert. In dieser Inszenierung akzeptiert der Sozialismus jedenfalls die Hegemonie des Kapitalismus. Welch unerwarteter Traum für mich.

Von dieser Kenntnis beschwingt, ach was rede ich: beseelt, konnte ich die “sieben Todsünden” umso mehr genießen. Hier entstand zum ersten Mal aber auch annähernd so etwas wie ein klassisches Narrativ, das mit prägnanten Bildern präsentiert wurde. Belehrt wurde man erneut nicht, aber kurzweilig unterhalten. Das Orchester – mittlerweile in Vollbesetzung und im Graben sitzend – spielt mit einer wahren Lust. Und so war der Abend dann doch nicht für die Katz. Auf den vollständigen “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” kann ich aber weiter gut verzichten.

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