Tannhäuser / Wiesbaden (27.5.2018)

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  • May 28, 2018

Mittelständische Unternehmen, vor allem Handwerker beklagen es schon seit langem, doch nun hat es auch die Regie am Staatstheater Wiesbaden getroffen. Die Rede ist vom Fachkräftemangel – denn das was, der Hausherr Uwe Eric Laufenberg da dem Publikum als Regie verkauft, ist wie so oft plakativ, banal, fade und an weit kompetenteren Vertretern seiner Zunft orientiert. (Man könnte auch fast von plagiieren sprechen, aber dann wäre es ja szenisch besser.) Pfusch auf der Bühne statt Pfusch am Bau, wenn man so will.

Musikalisch sah beziehungsweise hörte sich die Aufführung aber gleichwohl besser an. Während der Ouvertüre besitzen bereits die abfallenden Streicherfiguren etwas Abgründiges, Laufenberg zeigt den Venusberg durchaus passend als eine Art Gottesdienst (samt Papst Franziskus auf Videoleinwand), wo die Spiritualität immer ekstatischer wird. Das kann man machen (Frankfurt oder auch Freiburg in Ansätzen zum Beispiel), aber dann einfach nur ein paar Nackerte über die Bühne huschen lassen ohne das man weiß, was da jetzt eigentlich gezeigt wird, das ist dann doch etwas zu wenig. Noch weniger hätte es aber mit dem Videoclip sein dürfen – das sieht aus wie ein schlecht geschnittener James Bond-Opener. Während die Venus (Jordana Milkova mit leicht slawisch-gaumiger Tongebung, aber sehr erotisch aufgeladenem Mezzo) singt, werden am Ende rumpelnd die Kirchenbänke (eigentlich sind es Sofas) zur Seite geschoben. Kurz nach Tannhäusers Flucht aus dem Venusberg geht dann der Vorhang runter, um sich direkt darauf zu heben – warum hat man da nicht die Umbauten durchgeführt ? Immerhin steht da jetzt ein Hirte (Stella Anmit astreinem Ton), ein gläserner Sarg (mit zum Aktschluss erwachender, zuvor liegender Madonnenstatue) und insgesamt sieben Sängern (wenn man den etwas raubeinigen, aber kräftigen Landgraf von Albert Pesendorfer mitzählt). Vielleicht aber doch Schneewittchen und die sieben Zwerge, zumal der deutsche Wald im Hintergrund dräut und Geweihe von den holzvertäfelten Seitenwänden prangen als spielte man den “Freischütz” ? Egal, Pause.

Bis dahin hatte sich auch Markus Brück an seine ganz alten Tage am Hessischen Staatstheater erinnert und dämpft die Lautstärke, denn das Wiesbadener Haus ist nun einmal bedeutend kleiner als sein aktuelles Stammhaus der Deutschen Oper Berlin -und  dann klingt  das alles trotz aller heldischen Attitüde nicht mehr nach Wotan, sondern dem Wolfram von Eschenbach, den er ja singen soll. Die Elisabeth von Sabina Cvilak entpuppt sich an leisen Stellen als sehr klangschön, im Forte allerdings zu säuerlich. Allerdings darf sie allein im zweiten Akt gleich zwei Kostüme (Marianne Glittenberg) tragen, aber die sind bei allen Beteiligten durch die Bank stilistisch eh alle derart uneinheitlich, dass vollkommen wurscht ist. (Man wüsste allerdings gerne, warum einer der Minnesänger ein gelbes anstatt eines schwarzen Kreuzes auf dem Umhang trug.)  Irgendwann tauchen dann – Überraschung, Überraschung – die Nackerten wieder auf und Tannhäuser zieht es nach Rom. Pause. Und ein verdienter wie vehementer Buhruf vom dritten Rang.

Der dritte Akt beginnt kurios – das Vorspiel wird derart schnell vorgetragen, dass manche Phrasen fast Ländler-Charakter besitzen. Aber ich will nicht klagen – das Orchester spielt so gut, wie ich es noch nie in Wiesbaden gehört habe. Der neue GMD Patrick Lange hat offenkundig ganze Arbeit geleistet und dem Orchester so manchen Schlendrian ausgetrieben. Allerdings haperte es immer  wieder mit dem Chor – man konnte sich partout auf kein Tempo einigen, der Chor schleppte vernehmbar (vor allem beim Einzug der Gäste im zweiten Akt). Das riesige Kreuz, der Schnee – meinetwegen; das Zelt hingegen, in dem Wolfram campiert, hakt man einfach nur noch in derselben Kategorie ab wie die Tatsache, dass Elisabeth sich nach ihrem Gebet entkleidet und den Seitenausgang beschreitet: gaga. Aber das fällt nicht so sehr ins Gewicht, denn ab hier dominieren die beiden Gäste das Geschehen – Markus Brück nimmt sich wahnsinnig zurück und verzaubert mit seinem Lied an den Abendstern.

Und der Gast in der Titelpartie ? Nach der Münchner Castelucci-Installation (eine Inszenierung war es ja nicht wirklich) konnte Klaus Florian Vogt noch eine ordentliche Schippe zulegen. Natürlich und erwartbar nervt anfangs sein zuckersüßer Vortrag mancher Passagen (“nach unsres Himmels klarem Blau” hat was von Heintje), aber im Laufe des Abends traut sich Vogt immer mehr, in den Körper hinein zu singen und sich nur damit zu begnügen, ätherischen Wohlklang zu verbreiten. Schon bei seinem Abschied klingt das ungewohnt viril, beim Sängerstreit vernimmt man unüberhörbar Spott in der Stimme und die Romerzählung im dritten Akt ist einer emotionale Achterbahnfahrt zwischen Zynismus und ehrlicher Enttäuschung über den Verlauf seiner Pilgerfahrt. Wie Vogt da mit seiner Stimme arbeitet, sich teilweise ganz vom Schönklang verabschiedet, das hat, und das tippt sich als Vogt-Skeptiker der ich bin nicht so leicht in die Tasten, Referenzcharakter. Famos. Und somit auch mehr als nur versöhnlich mit dem szenischen Nichts, das man eben ertragen muss.

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