L’italiana in Algier / Salzburg (20.5.2018)

  • 3
  • May 21, 2018

Nach der Flüchtlingskrise 2015 eine Oper – noch dazu eine buffa – zum clash of civilizations zwischen Abend- und Morgenland auf die Bühne zu bringt, würde so ziemlich jeden Regisseur auf eine harte Probe stellen. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei Rossinis “Italienerin in Algier” um kein besonders tiefgründiges Werk handelt, es ähnelt ansatzweise der “Entführung  aus dem Serails” nur eben ohne aufklärerischen Impetus oder Humanismus, die Charaktere stammen aus dem Setzkasten und die Musik ist bei aller Schönheit doch eher schlicht. Was also tun ?

Das Regisseurs-Duo bestehend aus Moshe Leiser  und Patrice Curier wollen überhaupt nicht zum Mitdenken, sondern vielmehr zum Mitlachen anregen – kulturelle, religiöse, politische Fragen werden konstant ausgeblendet, auch wenn die Handlung ins Heute verlegt wird und der Hofstaat des Mustafa Trainingsanzüge tragende, Shisha-rauchende Kleinkriminelle sind. Das ist politisch korrekt, das ist legitim, aber so wie sie es machen, ging es mir im Laufe des Abends immer mehr auf den Zeiger. Christian Fenouillat hat für das spielfreudige Ensemble (Philharmonia Chor Wien) eine wandlungsfähige, tolle Bühnen gebaut, auf der sich die Regisseure alsbald ein Überbietungswettbewerb in Sachen Klamauk und Schenkelklopferhumor liefern. Viele der Gags entbehren jeglicher Logik (die Sklaven ist die italienische Fußballmannschaft, die vor ihrer Flucht von Mama Miracoli-Bartoli mit Spaghetti gestärkt werden), sind altbekannt (dicke Männer in Feinrippunterwäsche) oder stecken in ihrer Klischeehaftigkeit (rosafarbene Kleidung für Männer – Achtung, Homoalarm !) unrettbar in den Achtzigern fest. Und besonders störend werden sie dann, wenn sie so oft repetiert werden, dass die der letzte Idiot kapiert oder gar einzelne Phrasen wie das tolle Hornsolo im “Languir per una bella” wegen der überzeugend echten Kamelattrappen im Lachen des Publikums untergehen.

Jean-Christophe Spinosi und sein Ensemble Matheus geben ihr Bestes, sie wirbeln und wüten, schmachten und schmelzen im Graben, dass es eine wahre Freude ist. Aber das war es auch, was mich musikalisch an diesem Abend begeistert hat, obgleich alle Sänger wirklich gut waren: Der junge Bass José Coca Loza legt als gewitzter Haly seine Visitenkarte gab, Alessandro Corbelli macht als Taddeo allen Blödsinn, zu dem ihm die Regie verdammt – und das auch noch stimmschön, und das auch noch mit 66 Jahren, Respekt ! Peter Kálmán ist ein rollengerecht anfangs bärbeißiger, später blind verliebt-vernarrter Haremsherrscher, Edgarod Rocha singt den dauerbekifften Lindoro mit Mozart’scher Raffinesse in der Mittellage – etwas mehr Sativa statt Indica hätte der Interpretation aber nicht geschadet. Und die Bartoli ? Dass es schwer werden würde, ihre(n) Ariodante des Vorjahres zu überbieten, war klar, aber die heurige Partie der Isabella verlangt eigentlich nach einem Alt mit stupender Höhe. Dass Cecilia Bartoli die Höhe hat, ist bekannt, aber die stimmliche Tiefe fehlt ihr dann doch. Dabei gurrt und bezirzt sie wie stets auf charmantest-mögliche Weise das Publikum – es hilft nichts.

Am Ende dann der erwartbare Riesenjubel und die Frage, wie Bartoli die Alcina, immerhin eine Sopranpartie, angehen wird.

Share Button
(Visited 51 times, 1 visits today)