Der fliegende Holländer / Baden-Baden (18.5.2018)

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  • May 19, 2018

Frühe Werke eines Komponisten gelten oftmals als noch nicht ausgereift, werden vom Standpunkt der späteren, “reiferen” Werke betrachtet, als handle es sich bei der Entwicklung eines Komponisten um eine Art geradlinigen Reife- und somit Optimierungsprozess. Die gestrige Aufführung des konzertant dargebotenen “Fliegenden Holländers” im Festspielhaus Baden-Baden zeigte jedoch, dass eine solche Perspektive gänzlich falsch sein kann.Denn gerade im direkten Vergleich zum “Tannhäuser” letzte Woche wurde deutlich, um wie viel radikaler der “Holländer” auch in musikalischer Hinsicht ist – dabei spielte man die revierte Fassung, als mit Pause und Erlösungsschluss.

Valery Gergiev lässt  die Streicher der Münchner Philharmoniker von Anfang an wie irre rasen und hetzten, das schon in der Ouvertüre anklingende Erlösungsmotiv hat einen leicht quäkenden Unterton, als sei es tatsächlich jener “Spott”, wie ihn der Holländer in seinem Auftrittsmonolog besingt. Die Hörner – bei “Holländer”-Aufführungen ja oft die Achillesferse des Orchesters – klingen voll und rund, bedauerlicherweise verzichtet man darauf, manche von ihnen zu Beginn aus dem Off (als Echo) spielen zu lassen. Gergiev hatte offensichtlich intensiv geprobt und die Musiker folgen seiner erratisch anmutenden Schlagtechnik wie ein Uhrwerk, so dass die schon erwähnte Radikalität im Ausdruck sich immer wieder Bahn brechen konnte. Besonders deutlich wurde dies im Matrosenchor im dritten Akt, der mit biedermeierlicher Gemütlichkeit beginnt und sich immer mehr in einen alptraumhaften Abgrund wandelt – ganz am Schluss meint man fast, man höre den “Wozzeck”. Fantastisch.

Dass gerade diese Szene so überzeugend gelang, daran hatte auch der Philharmonischer Chor München wesentlichen Anteil. Auch wenn die Herren fast ein wenig zu edel für Seeleute klangen, so entstand ein voller, runder Klang inklusive rhythmisch korrekten Stampfens beim “Steuermann, lass die Wacht” – man hat da in szenischen Aufführungen ja schon ungewohnt polyrhythmische Verirrungen zu hören bekommen…. Auch die Damen klingen in der Spinnstube astrein – und wenn sie dann “Ach, wo weilt sie, die dir Gottes Engel einst könnte zeigen?” nach Sentas Ballade anstimmen, dann meint man fast, einen Bachchoral zu vernehmen, so anrührend wie das klingt.

Okka von der Damerau ist eine luxuriös besetze Mary, der Steuermann, der in einer konzertanten Aufführung weit präsenter wirkt, lag bei Benjamin Bruns in besten Händen – in einem kleineren Haus wäre das fast schon ein Erik. Den wiederum sang Erik Cutler mit freiem, ungepresstem, klangschönen Tenor, dass es eine wahr Freude war und in manchen Augenblicken fast nach Bellini klang. Günther Groissböck war bei der ersten Aufführung in München noch krank gewesen, präsentierte aber nun einen kernigen Bass, der sich vor allem in der Höhe extrem sicher fühlte und einen vielversprechenden Vorgeschmack auf seinen Wotan 2020 gab. Ebenfalls erkrankt war Bryn Terfel, der in München durch John Lundgren ersetzt wurde. Nun war auch Lundgren kurzfristig erkrankt und Ersatz schwer auffindbar. Man fand Albert Dohmen und muss ihm sogar dankbar sein, die Aufführung in letzter Minute gerettet zu haben. Dohmen lässt seine langjährige Rollenerfahrung mit einfließen, findet berührende Piani (“Wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten”). Leider hört man ihm die vielen Alberiche an, denn im Forte knarrt und knorzt es, und in der Höhe sind die Vokale derart arbiträr, dass es etwas von “Drei Chinesen mit dem Kontrabass” hat. Doch ich bin mir sicher – selbst wenn Sir Bryn gesungen hätte, die Senta von Elena Stikhina hätte auch ihn in den Schatten gestellt. Ich habe noch eine derart überzeugende Senta gehört, auch wenn man der Russin anhört, den Text noch nicht ganz verinnerlicht zu haben. Meistens hört man ja in dieser Partie Sängerinnen von der  Kategorie “Schwedenstahl” – also junge Sopranistinnen mit Überdruck und neutralem Timbre. Stikhina ist jung, besitzt einen kräftigen Sopran, der kein Forcieren benötigt, aber mit einem mädchenhaft-warmen Timbre aufwarten kann. Die Spitzentöne werden zu keinem Zeitpunkt erkämpft (wenn auch auf italienische Manier sehr ausgestellt), nie gerät die Stimme ins Flackern. Welch spektakuläre Entdeckung !

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