Werther / Zürich (10.5.2018)

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  • May 10, 2018

Was, frage ich mich, muss man eigentlich noch tun, um das Opernhaus Zürich voll zu bekommen ? Populäre Oper ? Check. Tolle Sänger, vor allem in der Titelrolle ? Check. Eine Inszenierung, die anspruchsvoll und ästhetisch zugleich ist ? Check. Und dazu noch niedrige Preise, selbst für deutsche Verhältnisse, da “Volksvorstellung” ? Check.

Tatjana Gürbaca hatte bereits letztes Jahr mit diesem “Werther” eine Regiearbeit abgeliefert, die ich bei der Wiederaufnahme als überaus ansprechend empfand. Gürbaca hat sich viele Gedanken um die Charaktere gemacht und so erleben wir unter anderem eine gar nicht so naive, sondern einfach nur zweckoptimistische Sophie, einen Albert, der – ähnlich wie König Marke – von den unterdrückten Gefühlen seiner Frau überwältigt wird, aber nicht unbedingt ein unangenehmer Zeitgenosse ist. Werther selbst führt sich phasenweise wie eines der zahlreichen Geschwister Charlottes auf, seine überbordende Energie drängt die angebetete Charlotte wortwörtlich in die Enge. Die ist so in ihre Rolle als Hausfrau vertieft, dass sie eigentlich erst zu Beginn des dritten Aktes beim alleinigen Schmücken des Weihnachtsbaumes einen Nervenzusammenbruch erleidet. Betagte Statisten konfrontieren sie unentwegt mit einem Leben, das für die nächsten Jahrzehnte vorgezeichnet ist, aber eben auch Halt und ein kleines bisschen Glück verheißen. Nur kurz scheint es so, als wolle sie aus dem fremdbestimmten Leben ausbrechen, als sie die an Werther zu sendende Pistole Alberts auf ihn hinterrücks richtet, dann aber doch einen Rückzieher macht, als dieser sich umdreht. Gürbacas Bühnenbildner Klaus Grünberg hat zu diesem Konflikt ein durch und durch passendes, IKEA-holzvertäfeltes Wohnzimmer mit zahlreichen Schiebetüren und Fensterläden erstellt, das – überaus sängerfreundlich – nach hinten relativ schnell sein Ende findet und somit und den ganzen Nachmittag das Umfeld aus beengter Bürgerlichkeit und Befreiung vom Biedermeier visuell stimmig in Szene setzt. Erst am Ende öffnen sich die Türen und Fenster, allerdings erkennt man erst beim Blick auf die Erde, dass der auf schwarzen Hintergrund projizierte Schnee eben kein Schnee, sondern Sterne sind.

Da kommen Assoziationen an “des Weltatems wehende All” auf, und selten hat man die Ouvertüre so tristanesk gehört. Der junge Lorenzo Viotti kann sich offenkundig bestens mit den Gefühlsqualen der Bühnenpersonen identifizieren und mit der bestens aufgelegten Philharmonia Zürich einen meisterhaft zelebrierten Massenet darbieten – für mich die größte Überraschung des “Abends”.

Andrei Bondarenko verleiht dem durchaus liebenden Ehemann, der sogar kurz die getrockneten Socken sortiert, ein angemessen waschweiches Profil während Mélissa Petit ihre Sophie trotz einer blendend ausgesungenen Höhe mit mehr als nur einem Hauch wissender Melancholie ausstattet. Anaïk Morel taut erst im Laufe des Abends auf, läuft im dritten Akt dann aber zu großer Form auf als sie sich nicht mit Werther die Bühne teilt. Da könnte durchaus auch ein Zusammenhang bestehen, denn in Zürich ist der aktuell wohl beste Rollenvertreter des Werther zu hören ist: Piotr Beczala. Der ist nun wahrhaft ein Naturereignis, auch wenn er ganz zu Beginn noch ein wenig mit der Inszenierung fremdelt. Der Zugang zur Partie ist eher italienisch, was dem Genuss aber keinen Abbruch tut. Dabei ist es nicht einmal das grandiose “Pourquoi me reveiller” mit dem der Pole das Publikum begeistert, sondern viele andere, kleinere Stellen – als pars pro toto seien nur seine Überlegungen zum Selbstmord am Ende des zweiten Aktes genannt, wo er sich von einem fast schon fahlen Tonfall hin zu einer suizidalen Extase hineinsteigert, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der International Opera Award, den Intendant Homoki beim Schlussapplaus dem sichtlich gerührten Beczala überreichte – er konnte ihn nicht persönlich in Empfang nehmen – hat einen wahrhaft würdigen Preisträger gefunden.

Wer diesen “Werther” noch nicht gesehen hat, der sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen – auch zu Regelpreisen nicht !

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