Otello / Wiesbaden (1.5.2018)

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  • May 2, 2018

Einen Tag nach einem durchwachsenen “Maskenball” folgte ein in doppelter Hinsicht einzigartigem “Otello”. Einzigartig zum einen, da er nur einmal angesetzt wurde (und womöglich nicht wirklich gut geprobt war) und zum anderen, da man einen Gasttenor erleben durfte, der fantastisch, ach was: maßstabgebend in dieser Partie war.

Die Eindrücke von der Inszenierung des Hausherrn wiederholte sich: schwacher Anfang, dann aber immer mehr steigernd. Immerhin musste Iago nun keinen Auftrittsmonolog abliefern. Je weniger Laufenberg, desto mehr Genuss, so scheint es. Und so startete man ganz ohne Auftrittsapplaus für die Dirigentin in medias res – ganz abrupt und ohne Vorwarnung fegte ein wahrer Orchestersturm über das beileibe nicht ausverkaufte Haus hinweg. Daniela Muscas Dirigat zählt nicht zu den subtilsten, aber gewiss zu den dramatischsten, die ich gehört habe. Gut möglich also, dass da der eine oder andere Aussetzer in den Dezibelwogen unterging.

Die Sänger störten sich nicht daran, so dass ein Großteil der Differenzierung in der Interpretation sich weniger von der Dynamik, sondern am Libretto ableitete – aber das verlieh dem Abend eine besondere Art von Intensität. Aaron Cawley führt als Cassio einen ungewohnt heldischen, aber auch tremolierenden Tenor ins Felde. Aleksei Isaev ist nicht wirklich diabolisch, eher hinterhältig-verschlagen, aber das ist angesichts des noch  jugendlichen Alters verständlich. Und dass er als Iago sein “Credo” parallel zu einer Beinahe-Vergewaltigung der stummen Bianca abliefern muss, dafür kann er er ja nichts. Olesya Golovneva braucht als Desdemona ein wenig, um den üppigen Sopran “runterzufahren”, gerade im “Gia nella notte densa” war mir da noch zu viel Kraft zu vernehmen – im Ensemble des dritten Aktes hört man sie aber umso besser. Das Lied von der Weide war dann von beklemmender Todesahnung, das “Ave Maria” sehr zurückgenommen.

Alle anderen überragend war jedoch Gregory Kunde, der zwischen zwei “Forza”-Aufführungen in Dresden nach Wiesbaden gereist war. Eine wirklich scheußliche Kostümierung, vor allem im ersten Akt (safari-grauer Anzug mit Krawatte und Kraushaarperücke), grenzt fast schon an Peinlichkeit – der einst mit Rossini reüssierende US-Amerikaner macht dennoch das Beste draus. Nach bereits 64 Jahren klingt diese Prachtstimme zu keinem Zeitpunkt, man könnte fast meinen, da stünde ein fünfzehn Jahre jüngerer Sänger auf der Bühne. In allen erdenklichen Lagen hört man einen bronzenen Klang, der betört und süchtig macht. Ein “Esultate” mit Urschrei-Charakter ohne Aufgabe des Legatos, ein inniges Liebesduett, ein zwischen Verzweiflung und Hass oszillierendes “Dio mi potevi scagliar” und eine – so komisch es klingen mag – zärtlich anmutende Ermordung der Gattin machen sprachlos und dankbar. Das sind Abende, wegen denen man in die Oper geht.

Zurecht große Ovationen am Schluss. Und die ketzerische Frage: wozu eigentlich Kaufmann, wenn es einen Kunde gibt ?

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