Un ballo in maschera (Premiere) / Wiesbaden (30.4.2018)

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  • May 1, 2018

Alle Jahre wieder wächst das Staatstheater der hessischen Landeshauptstadt über sich hinaus und bietet ein Programm, das sich mit weit größeren Häusern messen kann. Eingeleitet werden die Maifestspiele immer mit einer Premiere – heuer Verdis “Maskenball”. Und wie war es ?

Nun, wer vollkommen harmlose, oberflächlich-gefällige Opernabende goutiert, der kam auf seine Kosten. Beka Savić  verpflanzte die Handlung in die USA der Roaring Twenties. Prohibition, Mafia, Speakeasies und Flapper wohin man blickt – und im wirklich ansprechenden Bühnenbild von Luis Carvalho gäbe es womöglich noch viel mehr zu schauen, wenn es nur etwas besser ausgeleuchtet wäre (Licht: Andreas Franke). Die Kostüme von Selena Orb waren zeitgemäß korrekt, aber ohne wirkliche Finesse. Unabhängig davon gibt es keinen dramaturgischen Mehrwert, von Szene zu Szene stellen sich immer mehr Fragen. Weshalb will man Ulrica nun eigentlich genau vertreiben – weil sie eine Art Nachtclub betreibt ? Ist Riccardo jetzt eigentlich ein im jugendlichen Überschwang handelnder, aber rechtmäßiger Herrscher mit aufrechtem Herzen oder doch brutaler Boss einer kriminellen Gang ? Worin besteht eigentlich die Gefahr für Amelia, wenn sie ihre ganze erste Arie in Anwesenheit von Obdachlosen singt, die sie zudem liebevoll umsorgt als sei sie als Elisabeth einer “Don Carlos”-Inszenierung entstiegen ? All diese kleineren Diskrepanzen finden sich auch immer wieder in den Personenkonstellationen wieder – so ist Renato ja nicht nur um seinen Herrscher, sondern eben auch die Stabilität des Vaterlandes besorgt, das er in seiner Auftrittsarie besingt. Ein Gefolgsmann einer Mafiabande hätte da vermutlich weit geringere Hemmungen, einen Nebenbuhler aus dem Weg zu räumen. Aber wo es sich beißt – und es beißt sich oft – da gehen die Übertitel dezent darüber hinweg. Auch in der Personenführung ist viel Routine – im negativen Sinne des Leerlaufes – zu vernehmen. So kommt unter anderem das Neben- und Gegeneinander des Quintetts am Ende des ersten Bildes im dritten Akt der Charaktere (heiterer Oscar, todessehnsüchtige Amelia, rachlüsterner Renato) nicht wirklich zur Geltung.

Das liegt auch am hessische Staastorchester, das unter seinem neuen GMD Patrick Lange weit präziser als in den Jahren zuvor spielt. Wenn aber auch der Dirigent nicht so genau weiß, wohin die Reise geht, dann kann man wenig machen. Melancholie, Spritzigkeit hört man selten – Temposchwankungen aber zu oft. Die Einleitung zu “Eri tu” wird derart langsam runter buchstabiert, dann wird oft unvermittelt angezogen, dass die Sänger, inklusive des ansonsten gut disponierten Chors hinterherhinken. Wie Intendant Laufenberg bei der Premierenfeier auf die Idee kam, hier auf die Tradition eines Fritz Busch zu verweisen, das bleibt sein Geheimnis.

Bei den Sängern schlagen sich die Herren besser als die Damen. Vladislav Sulimsky (Renato) beeindruckt mit einem kraftvollen Bariton und gewalttätigem Spiel. Arnold Rutkowski (Riccardo) besitzt einen wirklich klangvollen Tenor – eigentlich die perfekte Besetzung für diese Partie im eher kleinen Wiesbadener Haus (im Gegensatz zu seinem Cavaradossi in Stuttgart). Leider nimmt seine Darstellung fast schon autistische Züge an, er interagiert kaum, sucht sein Heil an der Rampe. Sein größter darstellerischer Aufritt war jedenfalls der Schlussapplaus. Gloria Rehm zwitschert einen ordentlichen Oscar, special guest Marie-Nicole Lemieux zeigt, wie schön es sein kann, wenn ein echter Alt die Ulrica singt – und dass es noch schöner wäre, wenn die Höhen dann nicht so klirrten. Adina Aaron hat mich als Tosca an gleicher Stelle vor drei Jahren tief beeindruckt – und als Amelia nun relativ enttäuscht. Die Höhe stellt ein nicht überhörbares Problem dar, aber sie spielt sich engagiert über die Klippen der Partie (und der Inszenierung) hinweg, so dass sie in ihrer zweiten Arie durchaus für sich einzunehmen vermag.

Fazit: handelte es sich um eine 08/15-Repertoireaufführung, könnte man sagen: war okay. Für die Eröffnung der Maifestspiele muss man leider sagen: da fehlte noch (zu) viel. Im direkten Vergleich zur Produktion in Karlsruhe oder Mannheim zieht die hessische Kurstadt den Kürzeren.

 

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