Il prigioniero + Das Gehege (Premiere) / Stuttgart (26.4.2018)

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  • April 28, 2018

Eine unfassbar erschreckende Premiere konnte man vor zwei Tagen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt erleben – und das in mehrerer Hinsicht.

Erschreckend zum ersten, da hier zwei Einakter auf selten beobachtete Weise gekoppelt wurden. Bei nicht wenigen Kombinationen wirkt die Verbindung zweier zwangsverpaarten Opern oft willkürlich, manchmal aus der Not heraus geboren. Nicht so hier: die zwei Geschichten – die eine um einen Gefangenen, der sich plötzlich Hoffnung auf Haftentlassung machen darf um dann doch nur auf den Hinrichtungsplatz geführt zu werden, die andere um eine Frau, die des Nachts in einen Zoo einbricht um einen Adler zu befreien, der sich in der Gefangenschaft aber ganz wohl fühlt und deshalb aus verschmähter Liebe der Frau ermordet wird – passen wunderbar zueinander.

Erschreckend gelungen auch die Inszenierung. Andrea Breth ist die Expertin für seelische Abgründe und zeigt diese auf intensive Weise. Im ersten Teil des Abends (also “Der Gefangene” von Luigi Dallapiccola) dominiert erst ein einzelner, dann mehrere rostbraun vergitterte Käfige, im zweiten Teil (“Das Gehege” von Wolfgang Rihm) sehen wir dann ein silbernes Gefängnislabyrinth (Bühne: Martin Zehetgruber), in welchem sowohl Frau als auch die Adler umherirren. Breth gelingt es, dass in den von Handlungsarmut dominierten Einaktern keine Langeweile aufkommt und man man, so wie die Protagonisten, nie so genau weiß, was nun Imagination, was Realität ist. Viele kleine Details machen aus den Namenlosen in kurzer Zeit dreidimensionale Charaktere. Gerade beim “Gehege”, wo ich die Uraufführung 2006 in München erleben konnte, zeigt sich die Diskrepanz zwischen der damaligen Oberflächlichkeit in der Personenführung und der heutigen Psychologisierung.

Erschreckend intensiv auch die beiden Sänger in den Hauptpartien. Georg Nigls warmer Bariton reizt das Klangspektrum weitmöglichst aus – sein Übergang vom verzweifelten Lachen ins Weinen, als er merkt, dass nun die große Folter und nicht die Freiheit naht, war markerschütternd. Ángeles Blancas Gulín merkt man in kurzen Momenten an, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, aber auch sie kann mit ihrem schneidenden Sopran – auch schon im “Gefangenen” als Mutter – die ganze emotionale Palette diverser Seelenzustände abrufen. Für beide gab es vollkommen zurecht und verdient große Ovationen. John Graham-Hall (Kerkermeister) Julian Hubbard und Guillaume Antoine (als Priester) stellten eine gute Ergänzung dar – ich glaube dennoch, dass diese Rollen auch dem Ensemble besetzbar gewesen wären. Sei’s drum.

Franck Ollu gilt als Experte für zeitgenössische Musik und nach seinem Dirigat ist auch klar ersichtlich warum. Die beiden Werke klangen nicht nur unterscheidbar, sondern auch sehr, sehr sängerfreundlich. Das Staatsorchester Stuttgart spielte jedenfalls engagiert, sehr feinfühlig und intensiv.

Erschreckend im eigentlichen Sinne des Wortes war am Premierenabend allein die Auslastung. Okay, es war ein Donnerstag und ziemlich sonnig – aber geschätzt 50% Leerstand, das habe ich in Stuttgart eigentlich noch nie erlebt.

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