Roméo et Juliette / Karlsruhe (6.4.2018)

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  • April 7, 2018

Laut Adorno gibt es kein richtiges Leben im falschen. Das trifft auch auf Opern zu. Denn aus heiterem Himmel entschloss sich die Intendanz, die Gounod-Vertonung des Shakespeare-Klassikers (der den Stoff wiederum freilich auch gestohlen hatte), diese grand opéra nur konzertant zu geben. Ein doppelter Rückschritt. Zum einen, weil das Badische Staatstheater nach dem grandiosen Propheten gezeigt hat, weil ein unfassbar hoches Potential an diesem Hause vorhanden ist und dieses nun so offenkundig brach liegengelassen wird. Und zum anderen, weil die Entscheidung zur konzertanten Wiedergabe wohl eher aus fiskalpolitischen Erwägungen heraus getroffen wurde. Man muss den Spuhler’schen Mumpitz namens Volkstheater oder andere abseitige Spielwiesen der Intendanz nicht einmal ablehnen, um diese Entscheidung als grob fahrlässig abzuurteilen. Denn vor acht Jahren gab es einen “Herzog Blaubart” an gleicher Stelle, den der damalige Intendant szenisch einrichtete – aus der Not also eine Tugend machte. Nun war Achim Thorwald bei aller Behäbigkeit immer auch Theaterpraktiker durch und durch – ganz im Gegensatz zu den aktuell amtierenden Elfenbeinturmtheoretikern – so dass der damalige Abend dadurch an Stärke sogar gewann.

Heuer lässt man die Sänger nun in großbürgerlicher Maskerade – dem Frack – auftreten und verschanzt diese hinter einer Mauer von Notenpulten. Ausgerechnet die Sänger der Nebenrollen kleben viel öfter am Notenblatt als die beiden Vertreter der Titelpartien. Als löbliche Ausnahme sind vor allem Armin Kolarczyk als Mercutio als auch Alexandra Kadurina in der Hosenrolle des Stéphano zu nennen. Das soll nicht heißen, die anderen Sänger machten ihre Sache schlecht – nein, sie schlagen sich von solide (James Edgar Knight als Tybalt) bis gut (Ariana Lucas als Amme Gertrude), aber bis zum Ende erschloss sich mir nicht, warum man nicht einfach einem der Abendspielleiter die Chance gegeben hat, dieses Liebesdrama zumindest halbszenisch, also mit ein paar Kostümen – und seien es ein paar bunte Masken für die Choristen beim Ball – und ein paar Requisiten umzusetzen.

Warum also nun konzertant ? Nun, auch da gibt es durchaus sinnvolle Gründe:

  • Man präsentiert eine unbekannte oder dramaturgisch problematische Oper, deren Repertoirewert überschaubar ist. Wir halten fest: Gounods “Roméo et Juliette” ist kein Meisterwerk, aber dieser Grund sticht hier nicht.
  • Man möchte eine dezidiert musikalische Wiedergabe, vielleicht auch weil man bestimmte Sänger oder einen bestimmten Dirigenten an der Angel hat. Nun geht Daniele Squeo mit so viel Schmiss an die Sache, dass es manchmal nach fast zu viel, fast zu veristisch klingt. Vielleicht wollte er den visuellen Mangel irgendwie ausgleichen, aber so ging das französische Idiom ziemlich verlustig. Mit Eleazar Rodriguez und Uliana Alexyuk hatte man zwei spielfreudige, vokal hoch zufriedenstellende Akteure auf der Bühne – aber Stars, die durch eine quasi-konzertante Wiedergabe großes Charisma versprühen, das sind sie dann doch, mit Verlaub, nicht. Jedenfalls noch nicht. In einem wie auch immer gearteten szenischen Arrangement wären beide gewiss besser zur Geltung gekommen. Schade, denn das Diminuendo des eher kleinstimmigen Rodriguez’ beim “Lève-toi soleil” war wirklich gelungen, die Fragilität Alexyuks im Ausdruck, schon beim “Je veux vivre”, von erlesener Schönheit.
  • Man stellt diese Oper in eine gewisse dramaturgische Reihe – zum Beispiel im Rahmen einer “Romeo und Julia”-Woche mit mehreren anderen Produktionen, derer es in den letzten Jahren in Karlsruhe ja weiß Gott nicht mangelte. Aber da würde man der Intendanz einen konzeptionellen Masterplan unterstellen, der auch nach sieben Jahren nicht geschrieben ist.

Nichts davon findet man aber in Karlsruhe. Als Fazit also zurück zu Adorno: die schönste Opernaufführung kann ein schlecht geführtes Opernhaus nicht vergessen machen.

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