Parsifal / Berlin (2.4.2018)

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  • April 3, 2018

Nach Zürich und Baden-Baden der nunmehr dritte “Parsifal” innerhalb fünf Wochen. Das schärft den Blick für Kleinigkeiten und macht vielleicht doch etwas überkritisch. Glücklicherweise gibt es nach dem Ostermontags-“Parsifal” an der Staatsoper wenig zu kritisieren. 

Denn Daniel Barenboim bot von den drei gehörten Dirigenten die vielleicht wackeligste, dafür aber intensivste Interpretation. Die Koordination Graben-Bühne kommt immer wieder ins Schleudern (Einsatz Blumenmädchen, “Nur eine Waffe taugt”) – aber zu welchen ganz individuellen Tönen diese Staatskapelle fähig ist, das beeindruckt doch immer wieder. Warm die Hörner, grell die Trompeten (wenn auch hier zweimal etwas schief), stratosphärisch die Harfen, skurril die Bassklarinette, herzzerreißend die Oboe und all das auf einem festen, samtweichen Streicherteppich.

Dmitri Tcherniakovs Sichtweise auf den “Parsifal” zählt wohl zu den dunkelsten, die es seit langem zu sehen gegeben hat. Tcherniakov verlegt das Gralsgebiet in einen schon zu Beginn verfallenen Tempel mit Bierbänken und schummeriger Beleuchtung – die Gralsritter wecken mit ihren schlammgrünen Parkas Erinnerungen an die Weltuntergangsszenarien der Achtziger (Waldsterben, NATO-Doppelbeschluss). Die Regie zeigt aber auch auf ziemlich brutale Weise, wie diese Religion, dieser Kult ein Opfer benötigt – menschliches Leid ist die conditio sine qua non für den Fortbestand der Gralsgemeinschaft,  Amfortas (Lauri Vasar mit lyrischem, leidenden Ansatz) ist das gefundene Fressen. Mit welcher Grobheit, Brutalität sie ihm die Kleider vom Leib reißt um sich an seiner Wunde zu ergötzen, sie vampirmäßig anzuzapfen, das ist schwer erträglich, zumal Titurel (kraftvoll selbst im Sarge liegend und dabei singend: Reinhard Hagen). Der Chor zeigt sich hier auch rhythmisch von seiner besten Seite, da die Gralsrunde im Kreise sitzt und singt, wodurch mindestens die Hälfte der Sänger keinen Blickkontakt zum Dirigenten haben.

Kein Wunder, dass Parsifal sich fast schon angewidert abwendet. Andreas Schager hat nach seiner fragwürdigen “Siegfried”-Premiere in Wiesbaden zu alter Form zurück gefunden: sein Tenor klingt mittlerweile etwas dunkler, immer noch gewaltig (das “umrankten” war zu heftig hervorgestoßen – die Amfortasrufe hatten wiederum “Wälse”-Qualitäten), aber er setzt Piani immer mehr und gekonnt ein (zwei packende Decrescendi bei “Erlöse, rette mich”).

Der zweite Akt trotzt tradierten Sehgewohneiten noch mehr: die beinahe gleiche Bühne ist zu sehen, nun allerdings in weiß. Die Blumenmädchen sind hier tatsächlich Mädchen – also keine Frauen – in Blumenkleidern. Klingsor (wie immer mit differenzierten Rampensauqualitäten: Falk Struckmann) ist ein unangenehmer Pädophiler in Filzpantoffeln und Strickweste. In der Verführungsszene durchlebt Parsifal seine Flucht von Zuhause – er wurde von seiner Mutter bei ersten sexuellen Gehversuchen erwischt – und liefert sich mit der Kundry von Nina Stemme ein packendes Duell. Die Stemme hat für mich immer etwas Aristokratisches im Habitus, daher passen Rollen wie Brünnhilde oder Elektra auch so gut zu ihr – die Kundry etwas weniger. Aber natürlich hat die Schwedin alle Töne parat und spielt mit der ihr eigenen Zurückhaltung nicht weniger glaubwürdig.

Spätestens an dieser Stelle muss ich ein Geständnis ablegen: ich habe gestern zum ersten Mal René Pape als Gurnemanz gehört. Und was soll ich sagen außer “Hervorragend!”. Pape, nun nicht der geborene Schauspieler, macht sich den hier als Unsympath gezeichneten Gralsritter auch darstellerisch zu eigen, so dass sein Mord an Kundry ganz am Schluss tatsächlich plausibel wirkt. Bei gleichzeitiger Kraft (jedoch nie Gewalt), balsamischer Schönheit und Textauslotung (“gebrochen das Aug” klingt tatsächlich gebrochen) ist dies tatsächlich ein Rollenporträt für die Ewigkeit. Bravo !

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