Das Wunder der Heliane / Berlin (1.4.2018)

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  • April 2, 2018

Man steckt nicht drin. Ewigkeiten schlummern Opern irgendwo in Archiven und plötzlich, urplötzlich stehen sie wie von den Toten wieder auf, wie die beiden Hautpartien in Korngolds “Das Wunder der Heliane” – ein noch vertrackteres Werk als die vergleichsweise leicht zugängliche und kürzere “Tote Stadt”. Mit der Ausnahme von Kaiserslautern (und  später nach Brünn exportiert) gab es in den letzten zehn Jahren meines Wissens überhaupt keine Produktion, dann machten allein letztes Jahr die Volksoper Wien und Freiburg  mit konzertanten Wiedergaben einen vorsichtigen Anfang, bis David Bösch in Gent/Antwerpen szenisch nachlegte. Nun also auch die Deutsche Oper Berlin.

Vertrackt ist an dieser Oper in erster Linie einmal das Libretto – ein bisschen Hofmannsthal, auch wenn dessen sprachlicher Ästhetizismus bei Hans Müller-Einigen durch eine krude Mischung aus Katholizismus und Verklemmtheit ersetzt wurde und eine Handlung bietet, die so manchen Verdi aus den Galeerenjahren schlüssig wirken lässt. Allein deshalb ist es Regisseur Christof Loy hoch anzurechnen, dass er die hanebüchene Story absolut plausibel und transparent erzählt, so dass selbst Szenen mit hohem Peinlichkeitspotential nie lächerlich wirken. Das Einheitsbühnenbild von Johannes Leiacker zeigt einen holzvertäfelten Gerichtsraum, bar jegliches Mysterienkultes, unterstützt diesen Ansatz.  Das führt allerdings auch dazu, dass die Rückwärtsgewandheit, die Anleihen an zahlreiche andere Opern, zumeist von Strauss (Frau ohne Schatten, Salome), aber nicht nur (Turandot) offenkundiger werden, was dem Werk nicht unbedingt zum Vorteil gereicht. So hat die Kerkerszene, in der sich Heliane tatsächlich vollständig entkleidet, auch etwas “Doktorspielhaftes” – woran erneut weniger die Regie als vielmehr das Libretto Schuld haben dürfte.

Ein weiterer Grund, warum man die “Heliane” so selten zu Gehör bekommt, sind die exorbitant schwierigen Anforderungen an die menschliche Stimme. Besetzungsbüros müssen also Sänger finden, die stimmlich bereits so weit sind, den Klangwogen eines Strauss’schen Orchesterapparates gekonnt zu trotzen (und diese gleichzeitig schön klingen zu lassen) und andererseits noch so unbekannt zu sein, dass sie es “nötig haben”, eine Partie nicht wirklich ablehnen zu können, die sie in ihrer Karriere höchstwahrscheinlich nie mehr, bestenfalls selten bestreiten werden.  An der Deutschen Oper hatte man ein überaus glückliches Händchen: Im Regelfall greift man vor allem bei der Tenorpartie des Fremden auf alte Schlachtrösser zurück – in Kaiserslautern verströmte Norbert Schmittberg am Ende mehr heiße  Luft als Töne und Ian Storey konnte die Faszination dieser Rolle bei aller Korrektheit in der stimmlichen Umsetzung nicht wirklich deutlich machen. Brian Jagde singt und spielt da schon in einer anderen Liga. Man merkt an seinem Schmelz in der Stimme, dass er schon einiges an Puccini gesungen hat – nie klingen die Aufschwünge gestemmt oder ertrotzt. Dass Jagde auch optisch die Attraktivität dieses charismatischen Führers verkörpert, sei ebenfalls erwähnt. Sara Jakubiak, die Heliane, gefiel mir nicht ganz so gut wie ihre Freiburger Kollegin – dazu hat mir ihr jugendlicher Sopran in der Mittellage zu wenig Resonanz, aber die Höhenflüge absolviert auch sie mit bemerkenswerter Sicherheit. Josef Wagner stattet den Herrscher, Helianes Ehemann, mit einer gehörigen Portion Unsicherheit und einem frei strömenden Kavaliersbariton aus, dem es dann und wann etwas an Farben mangelt – auch hier hatte Freiburg in meinen Ohren die Nase weiter vorn. Auch in den kleineren Partien (Okka von der Damerau  als sehr menschliche, so gar nicht Gift und Galle speiende Botin und Derek Welton als profund tönender Pförtner) gibt es vielversprechendes Talent für die Zukunft zu hören.

Dass die Sänger so tadellos glänzen können, liegt auch am umsichtigen Dirigat von Marc Albrecht. Zwar beginnt der Einstieg etwas unglücklich – es bestand Uneinigkeit beim Tempo – aber Albrecht trägt die Sänger auf Händen und betont die Modernität der Partitur. So klingen vor allem die ersten beiden Akte relativ herb, fast schon bittersüß, aber nicht kitschig oder effekthascherisch. Erst gen Ende – als die Apotheose naht – klingt tatsächlich auch Hoffnung aus dem Graben. Eine formidable Lesart !

Fazit: so schön diese “Heliane” auch war, ein Wunder war sie dann doch nicht ganz. Aber das macht nichts – fürs Prädikat “toll” reicht es allemal.

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