Der Besuch der alten Dame / Wien (28.3.2018)

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  • March 29, 2018

Im “Opernglas” mokierte sich vor zwei, drei Jahren ein Redakteur, die aktuelle amerikanische Oper bediene sich eigentlich nur bereits vorhandenen literarisch-filmischen Materials und verarbeite dieses zu Opern. Ich frage mich, was daran so schlimm sein soll – es haben ja auch andere vor ihnen gemacht. Georg von Einem bediente sich ebenfalls großzügig aus dem Kanon “seiner” Muttersprache und hatte damit Erfolg. Nach Büchners “Dantons Tod” an der Staatsoper folgte also Dürrenmatts Klassiker “Der Besuch der alten Dame” am Theater an der Wien. Ich war gespannt, welchen kompositorischen Weg von Einem hier einschlagen würde und ob die “alte Dame” mit “Danton mithalten könnte.

Die Antwort auf die zweite Frage lautet: ja. Auch hier erfasst der Komponist die Textvorlage wunderbar und setzt sie mit dem Librettisten kongenial um. Dies verwundert nicht, war es doch Dürrenmatt persönlich, der seine tragische Komödie für die Opernbühne umarbeitete und straffte – vor allem die Läuterung Alfred Ills kommt hier deutlich zu kurz. Andererseits hören wir über zwei Stunden eine anhörbar-moderne Partitur mit Rhythmus und Humor, welche die Sänger nie in Bedrängnis bringt und ihnen dennoch immer wieder Möglichkeiten zum Glänzen bietet – sei es die kurze Festansprache des Bürgermeisters oder das ausgedehnte “Liebesduett” zwischen Claire Zachanassian und Alfred Ill im Konradsweilerwald, bei dem die fast schon lakonische Erwartung des Abschieds fasziniert. Markus Boder und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien bereiten den Sängern einen schillernden Klangteppich, den diese mit Spielfreude betraten.

In vielen Partien hörte man zudem tolle Interpreten: Raymond Very (mit so aalglattem wie feinem Tenor) als Bürgermeister, Adrian Eröd, der feingeistige Lehrer und Markus Butter als Pfarrer sind die Honoratioren, welche die moralische Messlatte der Humanität und Würde ihrer elenden, verarmten Kleinstadt Güllen so hoch hängen, dass sie bequem darunter durchschlüpfen können – schließlich lockt die steinreiche Claire Zachanassian mit einer Milliarde, wenn man ihren ehemaligen Geliebten ans Messer liefert, da er sie vor Jahrzehnten hochschwanger im Stich ließ. Und so kommt es dass, die hochanständigen Bürger Güllens immer mehr auf Kredit kaufen – selbst Ills kleiner Krämerladen ist am Ende ein moderner Supermarkt geworden. Das Leben auf moralischem Pump wird durch ein Mehr an immer grelleren Farben und Kostümen verdeutlicht, welche die anfangs grau in Grau gehaltene Ortschaft noch charakterisierte – selbst der Konradsweilerwald, einst Ort der heimlichen Liebestreffen von Ill und Claire, vormals Klara, ist nur auf einer verblassten Werbetafel zu sehen. Regissseur Keith Warner hat mit den Sängern spürbar gearbeitet, sie werden individuell gezeichnet und geführt. Der schwarze Panther der Zachanassian schleicht unentwegt durch das Dorf und verkörpert unter der grellem Humor die lauernde, unberechenbare  Gefahr. Der Mensch ist dem Mensch – ein Panther. Das Ende hätte ich mir mit mehr schwarzen Humor gewünscht, aber Warner treibt die Entwicklung folgerichtig auf die Spitze, indem er eine lebensgroße Lok – zuvor nur aus der Ferne als Spielzeugeisenbahn erkennbar – mitten in den Tatort – und die Wand – einfahren lässt, den Scheck an der Zugspitze angebracht.

Russell Braun gab mit dem Alfred Ill sein Hausdebüt. Mag sein Ill sich auch relativ zügig, ohne große Seelenqualen mit seinem Schicksal abfinden, so beeindruckt der weiche, kraftvoll fließende Bariton umso mehr. In der Rolle der alten Dame benötigt man eigentlich einen Sänger mit Starpower, die Katarina Karneus – auch sie sang zum ersten Mal am Theater an der Wien – nicht wirklich besitzt. Gleichwohl ist die Besetzung dieser skurrilen Rolle mit der Schwedin eine goldrichtige Wahl, besitzt die doch einen nicht wirklich schönen, aber kraftvollen Mezzosopran, mit dem sie alle Emotionen zwischen verflossener Liebe und blindem Hass ausspielen und aussingen kann.

Der Applaus am Ende war weit enthusiastischer als noch am Abend zuvor an der Staatsoper – erneut ein Beweis dafür, dass man Naschmarkt das glücklichere Händchen hat als am Ring. Und vielleicht noch ein vielleicht gar nicht mal so abwegiger Gedanke: wäre Waltraud Meier nicht auch eine fulminante Claire, die das Stück auch an größeren Häusern wieder öfters auf den Spielplan bringen könnte ?

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