A quiet place / Wien (29.3.2018)

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  • March 29, 2018

Mit “Ivanhoe” wollt er die eine englische Oper schreiben – und blieb doch im kollektiven Operngedächtnis haften als Komponist heiter-beschwingter Operetten wie “The Pirates of Penzance” oder “The Mikado”. Pech für Arthur Sullivan. Ähnlich unglücklich muss Leonard Bernstein gewesen sein, “nur” als erfolgreicher, charismatischer Dirigent und Komponist der weltberühmten “West Side Story” Bekanntheit erlangt zu haben. Und so mühte auch er sich ab, die amerikanische Oper schlechthin zu Papier zu bringen – um ähnlich wie Sullivan zu scheitern.

Das Scheitern liegt nicht nur im Libretto begründet. Bernstein will einfach zu viel – Schmiss und Schmerz wechseln sich wie auf Knopfdruck ab und wirken letzen Endes beide nur gewollt. Da gibt es zwölftönige Anklänge, die dann doch wieder in einem rhythmusbetonten südamerikanischen Sound verenden. Wenn man versucht, feingeistige Kritiker gleichermaßen wie durchschnittliche Opernbesucher, die es mit der Moderne nicht so haben, anzusprechen, dann ist das die unvermeidliche Rezeptur zum Desaster, auch wenn die Musiker in Kammerbesetzung unter der Leitung von Walter Kobera die Partitur stilsicher umsetzen.

Man wüsste gern, warum Bernstein nach Durchsicht des Librettos von Stephen Wadsworth ersteres nicht in den Papierkorb geworfen und letzteren nicht gefeuert hat. Wadsworth bedient sich bei den Charakteren aus einem Setzkasten großer amerikanischer Autoren – Tennessee Williams müsste anstandshalber irgendwo genannt werden – und paart diese mit wahnwitzigen Szenarien aus Seifenopern. Eine derartige Überdosis an Klischees ist mir jedenfalls schon lange nicht mehr untergekommen. Da erscheinen bei der Beerdigung die Tochter samt Ehemann, welcher zuvor eine Beziehung mit dem Sohne der Verstorbenen unterhielt und kabbeln sich 100 geschlagene Minuten. Hinzu kommt, dass bei der Toten höchstwahrscheinlich Suizid, beim Verhältnis Vater-Tochter auch Inzest im Spiel sein könnte. Da folgt kurz vor Schluss nach einem intimen Moment der Klage, des Nachdenkens allen Ernstes eine vollkommen unmotivierte Mischung aus Kissenschlacht und Fang-mich im Wohnzimmer. Ein guter Regisseur hätte versucht, den hanebüchenen Unsinn irgendwie zu glätten, aber Philipp M. Krenn zeigt die Charaktere in all ihrer Groteskheit, spitzt sogar noch zu, indem er den Sohnemann Junior mit infantilen Zügen zeichnet, der Tochter Dede als hektisch-hysterisches Wesen zeigt. Mitleid hat man mit keinem von ihnen – auch nicht mit dem eigentlich ganz gefassten Witwer Sam und dessen Schwiegersohn Francois.

Am ehesten sind die wirklich engagierten Künstler zu bedauern. Steven Scheschareg leidet als Sam mit bassbaritonaler Autorität, Katrin Targos Dede findet zu spitzen wie süßen Tönen, Daniel Foki (Junior) lehnt sich mit seinem lyrischen Bariton vergebens auf und Nathan Heller zeigt als Francois seinen hellen Tenor von bester Seite.

Fazit: ein ernüchternder Abend in der Wiener Kammeroper, den einige Zuschauer schon während der pausenlosen Aufführung vorzeitig beendeten.

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