Dantons Tod / Wien (27.3.2018)

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  • March 28, 2018

Jubiläen haftet immer auch etwas der Pflichtschuldiges an. Warum sollte ein Komponist ausgerechnet denn zu seinem hundertjährigen Geburtstag plötzlich aus der Versenkung auftauchen und nicht zu seinem, sagen wir, fünfundachzigsten ? Oder hundertsiebten ? Nun hat es dieses Jahr den österreichischen Komponisten “Gottfried von Einem “erwischt” und die Opernhäuser in Wien und Salzburg fragen nach der Repertoiretauglichkeit seiner Werke.

Hinsichtlich “Dantons Tod”erübrigte sich für mich die Frage schon vorab, gab es vor acht (?) Jahren eine packende Inszenierung (Alexander Schulin) der Büchner-Vertonung in Karlsruhe, wo ein bestens geprobtes Ensemble über sich hinauswuchs. Ich würde gerne wissen, wie der Großteil des Publikums der Staatsoper das Werk selber (nicht die Aufführung – die wurde freundlich, mit einigen Bravos und einem Ausnahme-Buh beklatscht) bewerten würde. Denn aus meiner Sicht war die Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger bestenfalls zweckdienlich. In dem sich nach hinten verengenden Bretterverschlag (Bühne: Rainer Sinell) gibt es keine Möglichkeit zu schnellem Szenenwechsel, weshalb vieles im Unkonkreten, Dunklen blieb. Man muss seinen Büchner zum Beispiel schon gelesen haben, um zu verstehen, wann Danton, Camille und Hérault (unscheinbar: Jörg Schneider) bereits inhaftiert sind – und selbst wenn man es weiß, kommt so gar keine Grabesstimmung auf, was auch an der faden Beleuchtung (ebenfalls Herr Köpplinger) liegen könnte. Der Chor, die treibende Masse der Geschichte und des Werkes, bleibt ebenfalls unterbelichtet – die Wankelmütigkeit der Massen, die Blutrünstigkeit des Pöbels, die untereinander konkurrierenden Fraktionen – Fehlanzeige. Die Kostüme von Alfred Mayerhofer orientieren sich stark an den historischen Gegebenheiten, aber genau deshalb irritieren historische Fehler umso mehr – Robespierre ohne weiße Perücke ? Nein, wenn schon, denn schon. Und als besonders problematisch empfand ich die Tribunalsszene, in der ausgerechnet Danton auf erhöhter Position steht, während der Richter dieses Schauprozesses Saint-Just (Ayk Martirossian) eine Etage tiefer umherwuselt als sei nicht er Herr des Verfahrens.

Bei “Dantons Tod” handelt es sich um ein Ensemblestück und die Wiener Staatsoper hat eifrig auf hausinterne Kräfte zurückgegriffen. Thomas Ebensteins Robespierre singt sein Arioso wunderbar, doch wird er zu sehr als lächerlicher Geck dargestellt. Ihm fehlt ihm das Unerbittliche, die fast schon protestantische Härte und Schärfe. Herbert Lippert mag ein verdienter und überaus textverständlicher Tenor sein, aber die Verzweiflung des jungen Camille Desmoulins kann er mit seinen Standard-Gesten nur bedingt glaubhaft machen. Olga Bezsmertna kann angesichts der unbestimmten Regie den Wahnsinn ihrer Figur (Lucille, die Ehefrau Camilles) nicht ganz verdeutlichen, dabei singt sie ihre Wahnsinnsarie, die gleichzeitig die Oper beendet, wirklich anrührend. Ihr letzter Ausruf “Es lebe der König” bleibt nämlcih szenisch folgenlos. In der Titelpartie konnte man Wolfgang Koch hören. Man muss ihm dankbar sein, sich dieser Partie angenommen zu haben – oft wird er diese Partie ja nicht aufführen können. Und wirklich zufrieden war ich auch mit dem erfahrenen Wagnersänger nicht so wirklich: diese Mischung aus Überdruss an der Revolution, die im scharfen Kontrast zur Sittenstrenge Robespierre stehende Lebenslust Dantons verkörpert Koch nur im Ansatz. Auch beim Prozess hören und sehen wir erst an dessen Ende neben einem letzten Aufbäumen auch die Lust am eigenen Untergang. Schade. (Nebenbei: mich würde interessieren, wie ein Michael Volle oder ein Bryn Terfel diese Figur anlegen würden.)

Und so ist es die finnische Dirigentin Susanna Mälkki, die dem Abend ihren Stempel aufdrückt. Natürlich hätten die wie stets grandiosen Philharmoniker etwas leiser spielen dürfen, eigentlich sogar sollen, aber wie Mälkki unter der brutalen Lautstärke der Revolution das swingend-beschwingte Element à la Gershwin sucht, findet und herausarbeitet, das ist schon toll anzuhören und vermittelt das Gefühl jener Doppelbödigkeit, die dem Werk eigentlich zu eigen ist.

Was bleibt, ist die sehr späte Erkenntnis, dass nicht nur “Dantons Tod” trotz korrekter und somit langweiliger Inszenierung ein tolles Werk ist, das  gern häufiger gespielt werden dürfte, sondern dass ich da vor langer Zeit in Karlsruhe eine Inszenierung und eine Besetzung erleben konnte, welche die Wiener bei weitem übertraf. Wer hätte das gedacht ?

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