Parsifal (Premiere) / Baden-Baden (24.3.2018)

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  • March 25, 2018

Es waren weniger Gefühle der Anspannung als des Abschieds, die gestern im Publikum die Premiere der diesjährigen Osterfestspiele in Baden-Baden dominierten. Grund hierfür war jedoch weniger die Wahl des durchaus passenden Musiktheaterwerkes, sondern die Tatsache, dass es sich um die (vorerst ?) letzte Opernproduktion der Berliner Philharmoniker unter ihrem Chef, Sir Simon Rattle an der Oos handeln würde. Nach der letztjährigen „Tosca“ also Wagners opus ultimum – man durfte gespannt sein.

Bedauerlicherweise wollte man nach der kontrovers aufgenommenen Inszenierung letztes Jahr auf Nummer Sicher gehen und engagierte den nunmehr 82-jährigen Dieter Dorn. Der ist aber kein Nikolaus Lehnhoff – sein „Parsifal” vor 14 Jahren an selber Stelle besaß weit mehr Poesie und dramaturgische Dichte – und präsentierte mir die fadeste, abgestandenste meiner bisher 15 „Parsifal“-Inszenierungen, die ich je gesehen habe, so dass ich bereits in der ersten Pause mit einem vorzeitigen Abbruch schwanger ging. Letzten Endes habe ich es durchgehalten, aber ob es die richtige Entscheidung war, das wage ich auch einen Tag später noch zu bezweifeln, denn Dorn ist zu diesem so komplexen Werk so wenig, eigentlich nichts, aber so wirklich nichts eingefallen. Wer sind diese Gralsritter zum Beispiel eigentlich ? Man kann sie unterschiedlich deuten und darstellen, als Endzeitkommune oder als Mönche, aber bei Dorn sehen sie mit ihren verschmutzten Sportklamotten (Wald) und verwaschenen Togas (Abendmahl) undefinierbar aus (Kostüme: Monika Staykova). Die Trennung der Geschlechter spielt bei diesem Werk ja eine zentrale Rolle – aber warum sind dann einige Knappen ausdrücklich als Frauen erkennbar, wenn sie doch als reine Lustwesen abgetan werden ? Warum wird Kundry nahezu bei jedem ihrer Auftritte durch ein Hubpodest von der Unterbühne herauf transportiert ? Warum weckt Gurnemanz, im ersten Akt von der Regie noch als der typische Märchenonkel charakterisiert, zwei Akte später Kundry indem er sie besteigt und Kopulationsbewegungen vollführt ? Was soll Parsifals Samurai-Uniform ? Musste Klingsor wie ein zweidimensionaler Batman-Schurke gezeichnet werden ? Fragen über Fragen, zu denen man keine Antworten erwartet. Nun könnte man darüber hinwegblicken, wenn zumindest die Personenregie überzeugt hätte, aber ein Parsifal, der bei Kundrys „Grausamer“-Anklage mit dem Rücken unbeteiligt zum Publikum steht oder sich nach ihrem Kuss den Mund abwischt als handle es sich um den feuchten Schmatzer der Omma, das wirkt hier noch hilfloser als der eh schon schwierig zu bewältigende Speertausch. Einzig bei der Szene mit den Blumenmädchen zeigt Dorn Gespür für das Libretto: diese trauern anfänglich tatsächlich um die ihre Geliebten, schalten dann aber wie auf Knopfdruck auf Verführungsmodus um, was der den Manipulationsgedanken des Geschehens verdeutlicht.

Vielleicht hätte ein ansprechendes Bühnenbild (Magdalena Gut) Schlimmeres ja verhindern können, aber die „frevelnde Pracht“ des Lustgartens, die Parsifal verflucht, sie ist nirgendwo im Weißgrau auffindbar. Im ersten und dritten Akt dominiert ein Sperrholzambiente à la IKEA, wie wir es von kleinen Bühnen kennen, denen im Produktionsprozess das Geld ausgegangen ist. Statisten schieben bei den Verwandlungsmusiken des ersten und dritten Aktes Podeste und schräge Wände mit blaugrauen Landschaftsskizzen über die Bühne als handle es sich um Schülertheater.

Glücklicherweise gestaltete sich die musikalische Seite weit erfreulicher:

Dass die Berliner herausragend musizieren können, das versteht sich von selbst, dennoch muss es gesagt werden. Es fällt auf, dass die Streicher zu Beginn kraftvoll-schmerzhaft klingen, so gar nicht luizide, wie man es von Rattle erwarten könnte. (Und vielleicht bilde ich mir es nur ein, aber im Vorspiel zum ersten Akt folgt diese Instrumentengruppe den Anweisungen des Dirigenten noch nicht immer ganz synchron.) Rattle stellt das bestens disponierte Blech eher zurück und gewährt den Holzbläsern den Vortritt: so wunderbar berührend, so organisch atmend hat man den Karfreitagszauber selten gehört. Krachen bzw. wirbeln darf eher das Schlagwerk – am Ende des zweiten Aktes klingt die Pauke eine halbe Ewigkeit nach. Dabei verliert Rattle nie den Sinn für die Dramatik des Stücks, bei Bedarf fährt er das Orchester sängerfreundlich zurück und denkt nie ausschließlich sinfonisch.

Außerhalb Bayreuths habe ich keinen Wagner-Chor so gut erlebt wie den den Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh). Die dynamische Palette voll auskostend und rhythmisch präzise scheppert der Klangkörper an gar keiner Stelle – vor allem die Frauenchöre aus der Höhe waren tatsächlich von überirdischer Schönheit. Bravi !

Wie immer sind in Baden-Baden bereits die kleinen Rolle sehr gut besetzt – so sind die beiden Gralsritter mit Guido Jentjens (u.a. Hans Sachs in Karlsruhe) und Neal Cooper (Tristan in Kaiserslautern) besetzt. Robert Lloyd verleiht seinem Titurel einen fast schon sadistischen Tonfall, Evgeny Nikitin hingegen kann als Klingsor angesichts der banal-ratlosen Zeichnung durch die Regie nicht wirklich die Abgründe seines Charakters deutlich machen, zumal sein Timbre relativ neutral klingt. Superb war wiederum der Amfortas von Gerald Finley. Der legt bereits in seine ersten Worte („Recht so, habt Dank, ein wenig Rast“) all den Weltschmerz seiner Figur und kann auch am Ende seine Pein stimmlich wie darstellerisch deutlich machen. Franz-Josef Selig besitzt für den Gurnemanz die richtige Mischung aus Gutmütigkeit und Autorität. Die Textverständlichkeit ist sehr gut, sein Bass strömt frei und mächtig, auch wenn er in der Höhe etwas, aber wirklich nur etwas wabert. Für Stephen Gould, den Tannhäuser, Tristan und Siegfried unserer Tage ist diese Titelpartie natürlich ein walk in the park. Ich präferiere hier zwar leichtgewichtigere Stimmen mit mehr Schmelz und einem etwas weniger kehligem Timbre, aber Gould kann im Gegensatz zu seinem heldentenoralen Kollegen in Zürich (Stefan Vinke) seine Stimme auch zurücknehmen und am Ende mit einem gutem Legato aufwarten. Die größte Unbekannte des Abends war Ruxandra Donose als Kundry. Ursprünglich war ja Evelyn Herlitzius vorgesehen gewesen, die hatte aber neun Monate im Voraus abgesagt. Obgleich ich kein Fan von Frau Herlitzius bin, hätte mich ihre Interpretation durchaus gereizt. Nun wachsen Kundrys ja nicht auf Bäumen und an Ostern schon mal gar nicht – guter Rat (beziehungsweise Ersatz) wäre also teuer gewesen. Die Wahl fiel nun auf einen Mezzosopran, der noch vor zwei Jahren in Karlsruhe Händel („Arminio“) gesungen hatte und zunehmend auch noch ins Sopranfach (von Adalgisa hin zu Norma) vordrängt. Donoses Stimme klingt relativ klein (ähnlich wie die der oben genannten Gralsritter), kann im ersten Akt und der Herzeleide-Erzählung jedoch ordentlich mit den anderen Sängern mithalten. Auch darstellerisch wirft sie sich mit oberflächlicher Leidenschaft in die Rolle. Je dramatischer der zweite Akt verläuft, desto offenkundiger werden jedoch die stimmlichen Klippen dieser Partie: das hohe h („und lachte“) ist da, wenn auch knapp und ohne auch nur annähernd den existentiellen Urschrei-Charakter einer Waltraud Meier zu erreichen. Am Ende („Irre, irre“) muss Donose dann sogar Töne nach unten transponieren, was ich so noch nie erlebt habe. In kleinen (und weniger prestigeträchtigen) Häusern mag das Unternehmen Wagner für diese Stimme funktionieren, für Baden-Baden empfand ich das vielleicht nicht einmal als grenzwertig, aber doch unter den Möglichkeiten bleibend und unter den Anforderungen, die ich ganz persönlich an ein so renommiertes Haus stelle.

Beim Schlussapplaus wurde Donose dann im Vergleich zu den anderen Sängern der Hauptpartien auch relativ mäßig bedacht, bejubelt wurden insbesondere Gould und Selig, allen voran natürlich Simon Rattle und seine Philharmoniker. Beim Auftritt des Regieteams gab es zuerst ein paar kleine Unmutsäußerungen, die dann hörbar anschwollen als einzelne Protest-Bravi durch den Saal hallten. Dorn schien ziemlich konsterniert gewesen zu sein; er und sein Team kamen folglich beim zweiten Durchlauf nicht mehr auf die Bühne, obgleich Nikitin sie erneut auf die Bühne bringen wollte. Besser so. Und irgendwie schade – Simon Rattle (und übrigens auch das Publikum) hätte einen szenisch würdigeren Abschied verdient gehabt.

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