Der Tempelbrand (Premiere) / Strasbourg (21.3.2018)

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  • March 22, 2018

Als Eva Kleinitz, die designierte Intendantin der Opera National du Rhin, vor zehn Monaten ihre erste Spielzeit vorstellte, da war ich doch ein wenig enttäuscht. Gewollt modern – so war der erste Eindruck. Mit der Oper “Le pavillon d’or” konnte ich so gar nichts anfangen und hatte sie schnell ad acta gelegt. Dann war ich aber im August in Kyoto, wo just jener goldener Tempel (Kinkakuji) steht, den ein fanatischer Mönch 1950 abbrannte – er konnte dessen Schönheit nicht ertragen. Ich hatte nach dem Besuch zwar nicht das Bedürfnis, dem Mönch nachzueifern, aber wenn man diesen Pavillon und seine Spiegelung im anliegenden See einmal gesehen hat, dann kann man ihn gleichwohl gut verstehen.

Ein paar Jahre später legte der demonstrativ schwul lebende, legendäre (sein Leben beendete er mit Seppuku, nachdem sein Putsch in Operettenuniform und Ausrufung der Wiedereinsetzung des Tenno kläglich gescheitert war)  Schriftsteller Mishima Yukio die Ereignisse in Romanform nieder, dessen Übersetzung ins Deutsche dann die Basis für das Libretto der Uraufführung 1976 an der Deutschen Oper Berlin bildete.

Nun muss man sagen, dass das Libretto (vom Komponisten und Claus Henneberg) der Romanvorlage nicht ganz gerecht wird, nicht ganz gerecht werden kann. Viele Gedankengänge des Protagonisten Mizoguchi (Simon Bailey macht mit krafvollem Bariton deutlich, dass sich Kantabilität und Wortdeutlichkeit nicht nur nicht ausschließen müssen, sondern wie hier zwei Seiteneiner Medaille  sein können) sind wenig greifbar, in Handlungen umsetzbar. Seine Beziehungen zu seinem einzig wahren Freund Tsurukawa (Dominic Große mit hellem Bariton) ist viel zu beiläufig erzählt. Umfassender wird da die Bekanntschaft zu Kashiwagi erzählt – dieser ist angemessen schmierig und Paul Kaufmann verleiht ihm einen passenden grellen Tenor. Auch der unterschwellig frauenfeindliche Ton kommt auf der Bühne nur eingeschränkt rüber – viel zu singen haben die Frauen nicht, am meisten noch Mizoguchis keifende Mutter (Michaela Schneider), die den an Tuberkolose erkrankten Vater (Yves Saelens) sexuell betrügt.

Dem Chor kommt folglich eine bedeutende Rolle zu – er kommentiert regelmäßig und tut dies überaus ansprechend. Paul Daniel dirigierte die Partitur Toshiro Mayuzumis mit viel Gespür und Leidenschaft. Eine durch und durch dem europäischen Klangbild verpflichtete Partitur übrigens, die eine angenehme Mischung aus dem Parlandostil des leichten Richard Strauss und des französischem Impressionismus kennzeichnet. Einzig beim Auftreten der amerikanischen Soldaten swingt es bedrohlich.

Regisseur Amon Miyamoto und seinem Bühnenbildner Boris Kudlicka gelingt eine stets plausible Nacherzählung der Handlung, schaffen eindrucksvolle Bilder wie die der gleißende Schönheit des Tempels oder des Atombombenabwurfs.

Was bleibt ? Die Erkenntnis, kein Meisterwerk gehört oder gesehen zu haben. Aber die Gewissheit, einen lohnenswerten Abend in Strasbourg verbracht zu haben.

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