Don Carlos (Premiere) / Lyon (17.3.2018)

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  • March 18, 2018

Viele von uns kennen dieses Gefühl, wenn man von Freunden oder dem zumeist älteren Bruder erfährt, dass nicht der Weihnachtsmann die Geschenke bringt, sondern die Eltern. Zuerst zweifeln wir diese Aussage resolut an. Doch spätestens beim klammheimlichen Enthüllen der Geschenke irgendwo auf dem Speicher oder im väterlichen Heimwerkerkeller liegen die Beweise schwarz auf weiß da. Und obwohl Weihnachten weiter schön bleiben wird, so sehr hat es doch an Zauber verloren. So ähnlich ging es mir bei der gestrigen Premiere des fünfaktigen, französischen “Don Carlos” in Lyon.

Mittlerweile übt diese Fassung auf mich einen weit größeren Reiz aus als die späteren bzw. italienischen Fassungen. Gewiss, es gibt dort zwar weniger Leerlauf, manche Szenen (Posa/Philippe) sind pointierter, aber in der Summe wirkt das Werk im Original für mich runder, geschlossener. Und auch die französische Sprache passt irgendwie, jedenfalls in meinen Ohren, besser zur Musik Verdis. Es ist übrigens immer wieder schön, einen idiomatischen Chor zu hören – mit Grausen denke ich da an Erfurt (“Robert le Diable”, “Sigurd”) zurück. Dass der Chor gelegentlich etwas auseinander fällt, das dürfte nicht zuletzt den Probebedingungen geschuldet sein, denn Lyon hat im Rahmen eines “Festival Verdi” gleich drei Premieren – am Vortag den “Macbeth”, am Tag darauf einen konzertanten “Attila” – in Angriff genommen und ist dabei zweifelsohne an die Grenzen seiner Belastbarkeit gestoßen. Gleiches gilt auch für das Orchester, bei dem das Blech mehrfach unsauber tönt, ansonsten aber kapellmeisterlich korrekt von Daniele Rustioni geleitet wurde. Dessen Heiligsprechung durch das Publikum erschlossen sich mir jedoch nicht – gewiss, die Einleitung zu “L’hiver est long” hatte eine revolutionäre Dringlichkeit, aber die den zweiten Akt eröffnenden Akkorde klangen matt, beiläufig, so gar nicht markerschütternd, und das Cello-Solo vor dem “Elle ne m’aime pas” arg forciert.

Interessant war in jederlei Hinsicht die Besetzung, denn bei fünf der sechs Hauptpartien handelte es sich (jedenfalls laut Operabase und ohne Gewähr) um Rollendebüts. Auffallend war übrigens, dass sich auch die Nichtmuttersprachler um das französische Idiom bemühten, im Laufe des fünfstündigen Abends sich jedoch die üblichen Fehler (la/le; me/mes; Nasale) einschlichen. Der einzig “rollenerprobte” Sänger war Michele Pertusi als spanischer König Philippe, der die Tiefe jedoch mehr knurrte als sang und in der Höhe immer wieder ins Tremolieren geriet. Seine große Arie lieferte er anständig ab, wurde gleich danach aber vom weitaus profunderen Bass (Roberto Scandiuzzi) deklassiert. Sergey Romanovsky, überwiegend im Rossini-Fach unterwegs, überraschte mit einer für dieses spezielle Stimmfach ja nicht selbstverständlichen kraftvollen, ansprechenden Mittellage. Die Höhe war logischerweise sicher und geschmackvoll, klang nie gepresst. Einzig in den Ensembles verlor sich der Tenor im Raum. Sally Matthews war als Elisabeth ebenfalls keine “logische” Wahl. Freilich drängt die Engländerin zunehmend in dramatischere Partien vor, aber nachdem ich sie erst einmal (in einem Mozart-Arienabend in London – es dürfte mindestens zehn Jahre her sein) gehört hatte, war ich positiv überrascht. Die Tiefe kommt nicht von alleine, sie muss künstlich vergrößert werden, was aber meistens gut gelingt. Die Höhen klingen etwas frostig, aber nie klirrend. Und nach all dem Mozart hat die Stimme ausreichend Flexibilität. Ein gelungener Einstand auch hier. Stéphane Degout geht als Posa im Vortrag noch die Raffinesse seines Landsmannes Ludovic Tézier ab, sein Rodrigo tönt rauer, mehr Kämpfer als Edelmann. Der in allen Lagen sichere Bariton zählte zu den Säulen des Abends. Eine hervorragende Leistung, auch in darstellerischer Hinsicht, die nur von der Eboli der Eve-Maud Hubeaux getoppt wurde. Eine tolle, erotisch vorgetragene Schleierarie und ein packendes “O don fatal et détesté” lassen vergessen, dass diese Partie für die Französin eigentlich eine Grenzpartie darstellt.

Eve-Maud Hubeaux war allerdings auch die Hauptleidtragenede des Regisseurs. Von dem szenischen Debakel war im ersten Akt jedoch noch wenig zu ahnen. Gewiss, eine gewisse Tendenz zur Statik war da schon erkennbar, aber dass der Chor bei der Ernennung Elisabeths zur Königin sie auf gleichem Wege zum Throne trägt wie zu Beginn die Leiche eines verhungerten Kindes, das war schon ein klasse Einfall. Der nächste war jedoch folgenschwerer, denn Christophe Honoré steckt Eboli allen Ernstes in den Rollstuhl ! Was das soll, hat sich mir nicht erschlossen. Nicht nur, weil somit die Verwechslung im dritten Akt unlogisch wird, sondern weil diese machtbewusste wie intrigante Person zu einer schwachen, um Mitleid heischenden Frau degradiert wurde. Nun mag die historische Eboli tatsächlich einäugig gewesen sein, aber weder Schiller noch Verdi ging es bei ihren Werken um die Darstellung einer vermeintlich korrekten Abbildung der historischen Wirklichkeit. Da Ebolis Handicap keine dramaturgische Relevanz hat, ist es vernachlässigbar und nicht bedeutsamer als die Tatsache, dass Philippe (ziemlich sicher) Mundgeruch und Don Carlos (möglicherweise) Schweißfüße hatte. Viel schlimmer ist jedoch, dass Honoré kein Gespür für die langen Szenen hat – spätestens nach drei Minuten ohne offensichtliches Fortschreiten der Handlung verfallen Chor wie die Sänger in spannungsloses Rumstehen beziehungsweise klischeehaft-operntypische Gesten. Immer und immer wieder  singen sie frontal ins Publikum als handle es sich um eine Dekonstruktion à la Marthaler und kein klassisches Drama. Besonders eklatant ist dies beim Autodafé nach der ersten und einzigen Pause, wo ein riesiges, dreigeschössiges, bis zum Orchestergraben vorgefahrenes Holzportal den Bühnenraum füllt. Ganz oben stehen die Mönche, ganz unten das gemeine Volk in Kostümen, die einer “Jesus Christ Superstar”-Produktion entstammen könnten. In der bel étage warten die Adligen, wo eingeklemmt und ohne Spielraum der eskalierende Vater-Sohn-Konflikt letztlich nicht stattfindet – jede konzertante Darbietung hätte mehr szenische Klarheit geschaffen. Zu allem Überdruss zerfasert der Abend durch insgesamt sechs (!) zusätzliche Umbaupause von drei bis fünf Minuten. Das wäre ja verschmerzbar, wenn sich bei jedem neuen Vorhang ein neues, ansprechendes Bühnenbild darböte. Tut es aber nicht. Ein Allzweck-Einheitsgrau (Bühne: Alban Ho Van) dominiert durchgängig und rechtfertigt zu keinem Zeitpunkt den daraus resultierenden episodenhaften Charakter der Handlung. Da mag man vom Einheitsbühnenbild (wie in Paris) halten, was man mag – überzeugender war es in der Hauptstadt allemal. Da ist es fast schon egal, dass Philippe zu Beginn seiner Arie von einem Mönch gewaschen (Geißelung ?) und nicht richtig ausgeleuchtet wird, die einzigen Blumen bei der Gartenszene ein paar elende Topfpflanzen sind, der halbnackte Don Carlos während des Gesprächs mit Rodrigo von der Bühne geht, nur um rechtzeitig für seinen Einsatz mit neuem Hemd zu erscheinen, das Ballett vier spastisch zuckende Tänzer zeigt, die dann später verbrannt werden und der Maskenball eine Art Sexparty ist, dessen Mitglieder dann – warum auch immer – beim Terzett Eboli/Posa/Carlos auf der Bühne sind.

Fazit: jahrelang war ich der Meinung, Lyon sei das französische Äquivalent Stuttgarts. Innovative, unorthodoxe Sichtweisen, keine großen aber gute Namen und auch sonst das Gegenteil zum großbürgerlichen (Selbst-)Repräsentationstheater à la München oder Paris. Denkste. Doch breakdancende Jugendliche vorm Eingang zum Opernhaus machen eben den Kohl nicht fett. Natürlich ist es nicht fair, von einer misslungenen Inszenierung auf die gesamte künstlerische Ausrichtung eines Hauses zu schließen – und der “Macbeth” am Vorabend muss wirklich gut gewesen sein. Allein, was tut’s ? In ihrer Ratlosigkeit erinnert mich diese Inszenierung an den gänzlich missglückten “Lohengrin” in Stuttgart – aber da war schon eine Woche vor der Aufführung klar, dass der Abend szenisch unbefriedigend enden würde. Hier goutierte das Publikum die Regie mit ein, zwei Buhs, zwei, drei Bravos und mehr nicht. Ich hoffe inständig, dass Serge Dorny, der ja nach München wechseln wird, weiß, dass ein derartiger Fehlgriff eine Lawine von Abgesängen im deutschen Feuilleton hervorbringen würde. Man darf gespannt sein, was die französische Presse schreibt.

 

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