L’africaine – Vasco da Gama / Frankfurt (11.3.2018)

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  • March 11, 2018

Ja was denn nun – Afrikanerin oder Vasco da Gama ? Meyerbeer erlebte die Uraufführung seines letzten Werkes nicht mehr, erst ein Jahr nach seinem Tod wurde es unter dem Titel “L’africaine” auf die Bühne gebracht. Knapp 150 Jahre später hatte dann das Theater Chemnitz die Partitur vollumfänglich rekonstruiert und das Werk nach dem portugiesischen Entdecker benannt. Die große französische Oper wird nun seit einigen Jahren in Deutschland wiederentdeckt – merkwürdigerweise ist der sonst so innovative Frankfurter Intendant Bernd Loebe relativ spät auf den frankophilen Zug aufgesprungen. Dafür hat er aber – das soll in aller Deutlichkeit gesagt sein – einen echten Volltreffer gelandet.

Dieser Erfolg beruht einerseits auf einer rundum stimmigen Besetzung, andererseits auf einer intelligenten wie packenden Inszenierung – für letztere zeichnet sich Tobias Kratzer aus. Der hat die eigentlich simple Idee, die Handlung in nicht allzu ferner Zukunft spielen zu lassen – statt Schiffe sind es nunmehr Raumschiffe, Seefahrer mutieren zu Astronauten und die exotischen Wilden zu Außerirdischen, die dem Film “Avatar” entstiegen sein könnten. Das ganze wird mit einigen Anspielungen an das filmische Genre gespickt (zu Beginn des vierten Aktes sehen wir eine Texteinblendung wie man sie aus dem Film “Star Wars” kennt, nur dass es sich hier um ein Auszug aus “Traurige Tropen” von Claude Lévi-Strauss handelt) und augenzwinkernd ironisiert, wenn zum Beispiel die auf der Erde gebliebenen Ehefrauen den Astronauten per Übertragung zugeschaltet werden – was ganz nebenbei das dramaturgische Problem löst, wie um alles  in der Welt ein Frauenchor auf einem Seeschiff zu suchen hat…. Dass das Ganze aber so plausibel wirkt, hatte zwei Gründe: die Inder wirken durch diesen Regiekniff hier tatsächlich nicht  nur fremd und bleiben uns auch fremd, so sehr wir mit ihnen sympathisieren, sondern sie fallen auch nicht einer neokolonialen Romantik zum Opfer, wie man es aus ZDF-Spielfilmen kennt, wo weiße Frauen in Afrika den edlen Wilden finden und zähmen. Aber auch unabhängig davon gibt es viele Kleinigkeiten, die den Abend stimmig machen: so versteckt sich Selika unter dem einzig grünen Gegenstand, der ihr annäherungsweise etwas wie Heimat andeutet (eine Zimmerpflanze) und nimmt somit ihr Ende unter dem ach-so-giftigen  Manzanillabaum bereits vorweg. Dieses zeigt Kratzer bittersüß und brutal zugleich: Selika schwebt in ihrer Todesvision mit Vasco in Weltraumkluft durchs All, dabei kehrt dieser mit seiner Armee zurück, schlachtet Selikas Stamm ab und rammt die Flagge des “Heimatlandes” Erde in den Boden. Für Kratzer ist dieser Vasco kein zwischen den Welten Schwankender, sondern ein Egoist, der selbst in Gefangenschaft seine herrenmenschliche Attitüde nicht ablegt. War das der Grund für die Buhrufe bei der Premiere ?

Ebenfalls rundum glücklich konnte man bei der Besetzung sein, was angesichts der spezifischen Anforderungen kein leichtes Unterfangen dargestellt haben dürfte. Der Bass Andreas Bauer gibt mit kraftvoll-profundem Bass als Don Pedro einen würdigen Gegenspieler da Gamas ab, Brian Mulligans Nelusko empfand ich als ordentlich, auch wenn ich ihn jenseits der großen Arie im dritten Akt als etwas gepresst klingend wahrgenommen habe. Kirsten MacKinnon wird nächste Spielzeit reguläres Ensemblemitglied in Frankfurt – nach dieser Ines darf man sich auf weitere Partien freuen, ist ihr Sopran doch so kraftvoll wie flexibel. Michael Spyres hat als Vasco eine vergleichsweise zurückhaltende Stimme, aber mit welchem Geschmack er in allen Registern strahlt, das ist schon vom Allerfeinsten. Das eigentliche Ereignis ist allerdings Claudia Mahnkes Selika. Mit welcher Energie – stimmlich wie darstellerisch – sie dieses fremde Wesen darstellt ist phänomenal.

Bleibt noch das Orchester unter der Leitung von Antonello Manacorda, das mit unter dessen Leitung etwas zu italienisch, zu sehr an Rossini und Donizetti orientiert spielt und den spezifisch französischen Klang etwas vermissen lässt.  Gleichwohl eine wirklich überzeugende Leistung. Und wirklich traurig ist man nicht, dass eine halbe Stunde dem Rotstift zum Opfer gefallen ist – im direkten Vergleich zu anderen Meyerbeer-Opern wie dem “Propheten” oder gar den “Hugenotten” ist “Vasco da Gama” nicht ganz so effektiv, nicht ganz so packend.

Fazit: mit dieser Besetzung ist der Titel “L’africaine” passender, Tobias Kratzer ist aus meiner Sicht bereits jetzt Regisseur des Jahres und Frankfurt hat die unentschlossene Berliner Produktion um Längen geschlagen. Respekt !

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