Tristan und Isolde / Berlin (3.3.2018)

  • 5
  • March 4, 2018

Nicht wenige Sitze, insbesondere bei den Hörplätzen, blieben bereits nach der ersten Pause unbesetzt. Und das bei einem “Tristan”, der immerhin dritten Neuinszenierung in Daniel Barenboims lebenslanger Amtszeit als Generalmusikdirektor. Was war da passiert ?

Nun, womöglich durfte so manchem Zuschauer nicht klar gewesen sein, was für (sichtlose) Karten er da eigentlich im Vorverkauf erstanden hatte. Der Medienrummel war angesichts der Neueröffnung enorm und es dürfte sich daher auch so manch ahnungsloser Zeitgenosse an die Lindenoper verirrt haben. Ahnungs- bis hilflos war allerdings auch das Einlasspersonal: noch zum Vorspiel wurde Publikum eingelassen und schon zuvor ohne Hilfe auf Platzsuche losgelassen. Platztauschen war angesagt, was dem akustischen Genuss weiß Gott nicht bekam. Apropos Akustik: die ist nicht zuletzt ob der angehobenen Decke wirklich gut, allerdings ist die Sicht von den Seitenplätzen (wurde von mir in der Pause getestet) weiterhin schlecht bis besch….eiden. Da wäre mehr drin gewesen.

Mehr drin gewesen wäre auch in der Inszenierung, für die sich Dmitri Tcherniakov verantwortlich zeichnete. Der erste Akt spielt in einer überaus schicken wie geräumigen Schiffskajüte – das Meer wird lediglich per Bildschirm dazugeschaltet. Im zweite Akt sehen wir dann einen – erneut: edlen – Salon mit holzvertäfelten Wänden, die an Bäume oder Pflanzen erinnern. Im dritten Akt dann ein etwas verkommenes Landhaus mit Ofenrohr, Sofa und Vitrine. Soweit, so altbekannt. Dass Tcherniakov die Handlung nicht im Mittelalter spielen lassen würde, das dürfte niemanden ernsthaft überrascht haben. (Wobei sich in der Pause bereits Leute in meinem Sitzumfeld darüber mokierten.) Die spannendste szenische Frage bei einem “Tristan”, dessen Gretchenfrage wenn man so will, ist ja die nach dem Liebestrank. Die Regie bleibt hier erschreckend unklar – und irritiert, denn kurz nach der Einnahme verfallen die Titelhelden in einen Lachkrampf. Das soll es also gewesen sein ? Auch im zweiten Akt erscheint Tristan erst nur ganz kurz um dann noch die vergessenen Schnittchen samt Sekt herbeizutragen. Sie machen high five – und auch dann passiert eigentlich nichts. Man kann dieses Werk ja unterschiedlichst deuten, aber auch nach langem Nachdenken und Gespräch mit anderen Zuschauern will mir nicht in den Sinn kommen, was das alles sollte. Worin besteht nun diese Liebe, warum grämt sich Marke so und woher kommt Tristans Wunde – weil Melot ih nam Ende des zweiten Aktes gewürgt hat ? Nein, tut mir leid, das ist mir zu doof. Ärgerlich wird es dann, wenn es mit der Bühnenlogik hapert. Warum zum Beispiel fordert Isolde von Brangäne den Schrein mit den Tränke, wenn sie den Todestrank doch selber in ihrer Handtasche bewahrt ? Erst im dritten Akt entsteht dann so etwas wie traditionelle Tristan-Melancholie, als Tcherniakov als Statisten Tristans Eltern auftreten lässt und er den siechen Helden seine Kindheit erinnern lässt. Aber da ist man schon ermüdet ob des Gazevorhangs, der als Projektionsfläche für wenige Filmeinspielungen Verwendung findet und zusätzlich zur Distanzierung beiträgt.

Von ganz anderem Kaliber war da die Staatskapelle Berlin. Natürlich beherrscht sie den Tristan aus dem Effeff. Aber schon lange hat man die vielleicht kühnste Partitur Wagners nicht so energiegeladen, so dramatisch, so impulsiv, so bittersüß gehört. Da rauscht, flirrt und donnert es aus dem Graben, dass man fast, aber auch nur fast, vergessen könnte, welch szenisches Mittelmaß da als Kontrast zu beobachten ist. Dieses Raunen vom “deutschen Klang”, man mag es albern finden, aber hier versteht man sofort, was damit gemeint ist. Es mag sicher dezidiert andere, nicht weniger gültige Lesarten dieser Partitur geben – man denke da zum Beispiel an Kent Naganos kühl-analytische Perspektive – aber keine gefällt oder gefiel mir besser als diese. Allein die Staatskapelle war die Reise nach Berlin wert. Der aufmerksame Leser wird gemerkt haben, dass ich den Dirigenten, Daniel Barenboim, bisher nicht erwähnt habe – und das hat seine Gründe. Natürlich spielt das Orchester so, wie es der GMD einfordert, insofern hat Barenboim da einen wesentlichen Anteil am Erfolg, aber hinsichtlich der Sängerfreundlichkeit lässt es Barenboim mehr als zu wünschen übrig. Nicht selten wünscht man sich, der alte Haudegen würde einfach konstant ei paar Dezibel leiser spielen, dann hätten es die Sänger weiß Gott einfach gehabt.

Der junge niederländische Tenor Linard Vrielink verzaubert mit reinem Klang, auch Stephan Rügamers Melot klingt ungewohnt lyrisch. Stephen Millings König Marke fehlt regiebedingt die dramaturgische Fallhöhe, weshalb sein eigentlich gut vorgetragener Monolog keinen nachhaltigen Eindruck machen kann. Im besten Sinne des Wortes routiniert war Boaz Daniel als lauter, aber nicht polternder Kurwenal, fast schon heldisch die Brangäne von Ekaterina Gubanova (und auf eine zukünftige Isolde hinweisend ?), wenn auch unglücklich besetzt, da ihre Stimme  zu arg der ihrer Heldin ähnelt. Die wurde von einer am Limit singenden und wahrscheinlich auch erkälteten Anja Kampe gegeben. Das ist doppelt schade, denn die profunde Tiefe und die herrliche Mittellage kommen angesichts der dynamischen Dauerattacken aus dem Graben unter Dauerbeschuss. In der Höhe und an exponierten Stellen klingt die Stimme relativ dünn. Schade, zumal die Regie die eigentlich versierte Darstellerin all zu oft mit altmodischen Operngesten abspeist. Gewiss keine schlechte Leistung, aber so kurz nach ihrer Münchner Sieglinde doch eher enttäuschend. Kurzfristig für den erkrankten Andreas Schager eingesprungen war Vincent Wolfsteiner aus Frankfurt. Eigentlich hätte ich Schagers Interpretation  nach seinem Darmstädter Rollendebüt einer genaueren Überprüfung unterzogen, aber so viele griffbereite Tristan-Tenöre gibt es eben nun mal nicht. Ich kannte Wolfsteiner als brauchbaren Ensemble-Heldentenor (Peter Grimes, Luigi, Jung– und Alt-Siegfried) für Opernhäuser mittleren Renommees, aber am gestrigen Abend ist der Tenor wahrhaft über sich hinaus gewachsen und hat sich zudem glaubwürdig ins das Regiekonzept eingefügt. Wolfsteiner spielt und singt um sein Leben und spiegelt somit als einziger Charakter das aufpeitschende Dirigat Barenboims stimmlich wieder. Bereits im ersten Akt fragt man sich angesichts der Intensität, wie er um alles in der Welt den zweiten, geschweige denn den dritten Akt überstehen soll. Das einzige, was Probleme im zweiten Akt bereitet, ist der Text, da gibt es einige Dreher und Aussetzer. Gewiss, eine richtig schöne Stimme ist das nicht, aber sie klingt weitaus angenehmer als die vieler anderer Rollenvertreter (ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Lance Ryan, Christian Franz, Ian Storey wären solche Kandidaten) ohne an die großen Namen (Peter Seiffert, Stephen Gould) heranzureichen. Aber am Ende übersteht Wolfsteiner auch die Fieberphantasien mit Bravour. Wenn das kein Folgeengagement mit sich bringt, dann gibt es in der Opernwelt jedenfalls keine Gerechtigkeit.

Fazit: eine ziemlich blutleere Regie steht einem hochemotionalen Dirigat diametral entgegen, das den Sänger allerdings unnötig viel Mühe bereitet.

Share Button
(Visited 196 times, 1 visits today)

2 Comments

  • Hans-Peter says:

    Muss und kann Deinen Eindruck zu 100% teilen. Ich war in der zweiten Vorstellung. Barenboim hatte nach der Schelte für die langsamen Tempi der Premiere den Taktstock in einem Tempo geschwungen, dass es einem übel werden konnte. Die hervorragende Staatskapelle konnte da zwar mithalten, aber leider das Sängerteam (bei mir noch mit Schager) kaum bis gar nicht. Am schlimmsten war dann aber doch die sinnleere, unbeholfene Bebilderung, in der sich keine Geschichte entfalten konnte (und ich wäre am Ende auch mit einer Neuerzählung zufrieden gewesen). Im ersten Akt war ich noch abwartend milde, der zweite Akt hat mich stark erbost und den dritten Akt (offensichtlich der beste) habe ich dann nicht mehr gesehen.

  • Stefan Kniestedt says:

    Also, ich glaube, der Dritte ist der Beste in dieser Produktion! Das Über-Inszenierte kommt hier zu Ruhe, ebenso etwas die Staatskapelle.