Franco Fagioli: Händel / Karlsruhe (2.3.2018)

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  • March 2, 2018

Es war ein Coup, mit dem keiner gerechnet hatte: Sébastien Bras aus Laguiole weigerte sich, weiter in seiner Topliga zu spielen und gab seine Auszeichnung ab – in diesem Fall seine drei Michelin-Sterne. Der Starkoch wolle sich, so konnte man es lesen, vom große Druck befreien, der auf ihm laste. Eine ähnliche Aktion hatte der wohl führende Countertenor unserer Tage mit seinem neuen Händel-Album in Angriff genommen, denn auf den ersten Blick schien es sich um einen gewissen Rückschritt zu handeln.

Nur Händel, und dabei ganz ohne Blech und ohne die ganz großen Showstopper wie “Or la tromba” ? Auf den ersten Blick irgendwie enttäuschend. Andererseits – wem hätte Fagioli nach seinem grandiosen Caffarelli-Album noch irgendetwas hinsichtlich stupender (Pyro-)Technik beweisen müssen ? Eben. Und so reduziert der Argentinier auch in seinem Recital, das sich stark an das aktuelle Album anlehnte, nur auf den ersten Blick den vokalen Anspruch – um auf den zweiten Ton umso beeindruckender aufzutrumpfen:

Das “Potesso i sospir miei” aus dem unbekannten “Imeneo” klingt wehmütig, das “Agitato da fiere tempeste” aus dem wohl kaum geläufigeren “Orest” macht deutlich, dass hier kein meteorologischer, sondern vielmehr ein psychologischer Sturm besungen wird. im “Come nembo che fugge col vento”, dem Schluss des ersten Teils, hört das andächtig lauschende Publikum zum ersten Mal jenen Fagioli, den man bisher kannte: quirlig, Koloraturen wirbelnd und großer Effekt, auch nach Außen.

Nach der Pause verweist Fagioli den aktuellen Karlsruher Rollenvertreter der des Ruggiero aus “Alcina” mit “Mi lusinga il dolce affeto” auf die Plätze und brilliert, passend zum Titel der folgenden Arie (“Sento brillar nel sen”). Auch acht Jahre nach seinem Karlsruher “Ariodante” macht Fagioli aus “Scherza infida” eine knapp viertelstündige Mini-Oper, die zutiefst bewegt. Richtig “groovig” wird dann das “Crude furie” – aber auch hier sucht der Sänger weniger den extrovertierten Effekt als zum Beispiel noch in Versailles.

Hervorragende Unterstützung erfuhr Fagioli durch “Il Pomo d’oro” unter der Leitung der Konzertmeisterin Zefira Valova. Vor allem im concerto grosso  (HWV 320) hatten die einzelnen Stimmen der insgesamt bis zu 16 Musikern Gelegenheit zur Entfaltung und solistischen Kurzeinsätzen – und die Gelegenheit wurde überzeugend genutzt. Voller sichtbarer Spielfreude unterstützten sie Fagioli und ließen sich nicht lumpen, gleich drei Zugaben zu präsentieren, darunter zwei aus “Serse”, das 2019 bei den Händelfestspielen szenisch gezeigt werden soll. Die bewegendste der drei Encores war jedoch das “Lascia ch’io piango”, bei dem Fagioli das Publikum zum Mitsummen und -singen aufforderte. Dieses ließ sich nicht zweimal bitten und ermöglichte somit ein intensives Gefühl, an einer wirklichen Sternstunde teilgenommen zu haben. Anstatt eines angesichts dieses beseelten Abends fast schon profanen “Bravo” von meiner Seite daher einfach nur “Gracias”.  Mögen über manchem vorherigen Fagioli-Konzert in Karlsruhe mehr Sterne geschienen haben, so war es heute nur einer – aber der dafür umso heller.

 

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One Comment

  • Soeren Regetzki says:

    Herzlichen Dank fuer diese wunderbare und sehr treffend geschriebebe Kritik. Lassen Sie uns lediglich hoffen, dass bis zum naechsten geminsamen Singen und Summen mit Franco, dem geschaetzten Publikum noch ein wenig Zeit bleibt, um zum repetieren, abgesehen von dem einen oder anderen Sopran, der aetherisch, mit Francos Stimme harmonierend, duch den Raum schwebten. Dies selbstredend mit einem zwinkernden Auge geschrieben und auch zu lesen
    Noch voellig verzaubert und zu dem einen hellen Stern aufblickend.

    Soeren Regetzki