Parsifal / Zürich (25.2.2018)

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  • February 26, 2018

Eine spannende Wiederaufnahme des “Parsifal” gab es gestern in Zürich zu hören.

Ein Großteil der Spannung lässt sich allerdings und in erster Linie mit der packenden wie intelligenten Inszenierung von Claus Guth erklären. Das soll keine Kritik an den einzelnen musikalischen Leistungen darstellen, aber bei den Sängern gab es berechtigten Ansatz zur Kritik, wenn auch eher stilistischer Natur, dazu aber später. Zurück zur Inszenierung selber: Guth zeigt den Konflikt zwischen Amfortas und Klinsgor als ein Duell zweier Brüder um die Gunst des Vaters Titurel. Guth bedient sich dabei historischer Zitate und Anspielungen, ohne dass es in einen Parforce-Ritt durch die deutsche Geschichte à la Stefan Herheim in Bayreuth ausartet. Hier hadern die meisten Gralsritter mit ihren Weltkriegswunden (shell shock, Erblindung durch “Buntschießen”, etc.), die Blumenszene ist eine Gartenparty mit flappers und am Ende wirkt der Erlöser Parsifal in seiner Uniform auf beklemmende Weise militaristisch-faschistoid. Guth möchte uns vor allzu passivem Warten auf den Erlöser warnen, drängt uns, die Erlösung nicht auf “die lange Bank” zu schieben. Dennoch endet der Abend versöhnlich: Amfortas setzt sich zum trauernden (sein Vater ist ja nun gestorben) Klingsor, legt seine Hand auf dessen Schulter, die Klingsor bestätigend berührt. Gänsehaut pur !

Beeindruckend klang das Vorspiel zum ersten Akt: die dunklen Streicher wecken Assoziationen an eine Wolkendecke, das sich dazu gesellende Blech klingt phasenweise grell, als würde es als Licht durch diese Wolkendecke durchdringen, aber mehr blenden als Licht spenden. Generell eher gediegen als aufwühlend empfand ich das restliche Dirigat von Simone Young, die tendenziell eher gedehnte Tempi bevorzugte (für Zeitfetischisten: die Aktlängen beliefen sich auf jeweils 1:45, 1:08 und 1:15 Stunden). Einzig nach dem Liebesmale zieht Young mit dem Tempo hörbar und dramaturgisch sinnvoll an – immerhin wurde die siechende Gralsgemeinschaft nun gestärkt, selbst der zuvor tatterige Titurel (Pavel Daniluk) schlendert nun wieder ganz entspannt über die Bühne, nachdem er seinem Sohn sehr sichtbar größtmögliche Schmerzen zugefügt hat. Die Gralsritter bringt dieses Accelerando allerdings ein wenig aus der Fassung und hinkt daher ein wenig hinterher. Aber auch sonst machte  der Chor nicht den allerbesten Eindruck, denn schon das “zum letzten Liebesmahle” setzt unangenehm laut ein und lässt daher auch kaum Raum für Steigerungen.

Mehrere Umbesetzungen waren schon von langer Hand angekündigt: Lauri Vasar ersetzte Levente Molnar als Amfortas und tat dies wirklich gut. Der Bariton klingt kraftvoll und warm – da verzeiht man die etwas dünne Höhe (“auf, ihr Helden”). Wenwei Zhang fehlt als Klingsor bei aller Kraft jegliche Dämonie. Bar jedes Willens zur Interpretation klingt der Chinese wie ein Navigationsgerät. Schade. Ebenfalls schade für mich war die Umbesetzung der Titelpartie – Brandon Jovanovich war wieder einmal krank und somit kam einer der führenden Siegfriede unserer Tage zum Einsatz. Stefan Vinke legt diese Partie mit der passenden Naivität an und glänzt mit heldischen Amfortas-Rufen im zweiten Akt. Im Schlussakt hätte ich mir dann doch mehr Mut zur stimmlichen Zurücknahme, mehr Schmelz gewünscht. sein “Nur eine Waffe taugt” klingt mehr nach Schmelz- und Schmiedelied aus “Siegfried” und verfehlt das Thema dann für meinen Geschmack zu sehr. Nina Stemme, die Brünnhilde unserer Tage, sang ihre erst zweite szenische Kundry – und hatte ebenfalls Mühe, sich bei der Herzeleide-Erzählung im zweiten Akt zurückzunehmen. Die “Irre, Irre”-Rufe waren wiederum imposant, aber wer wie ich (fälschlicherweise) gedacht hatte, dass die Kundry für die Schwedin ein Leichtes sein würde, der wurde eines besseren belehrt. Darstellerisch ist Stemmes Kundry eher introvertiert: sie leidet nicht demonstrativ (wie Angela Denoke) oder agiert exaltiert-hysterisch (wie einst phasenweise Waltraud Meier). Das geht deshalb gut, weil die Schwedin ihre Partie mit einem bemerkenswerten musikalischen Rollen- und Textverständnis angeht. Ein, wahrscheinlich der, Hauptgrund für meinen erneuten “Parsifal”-Besuch in Zürich war jedoch die Besetzung des Gurnemanz mit meinem Lieblingsbass, Christof Fischesser. Sein Rollendebüt war es wohl nicht (das war laut Operabase 2013 in Stockholm), aber auch so für eine fünfjährige Auszeit von der Partie war die Leistung bemerkenswert. Fischesser singt mit frei strömendem Bass und überaus plastisch – wie er zum Beispiel das Wort “Atzung” verächtlich ausspeit oder den Tod Titurels (“ein Mensch wie alle”) betrauert, dass es wirklich unter die Haut geht – grandios ! Einzig für den großen Ausbruch beim Karfreitagszauber (“Entnimm nun seinem Haupt”) fehlt (noch ?) ein wenig die Kraft, aber das kann angesichts dieser intensiven Leistung, obgleich zu Beginn die Nervosität spürbar war, kein ernsthafter Kritikpunkt sein. Selten hat man einen Gurnemanz mit so viel Mut zum Piano gehört – große Klasse.

Fazit: allen Einwänden zum Trotze auch zum zweiten Mal ein lohnenswerter “Parsifal”, der die weitere Anreise lohnte

Abschließend jedoch noch zwei Bitten an das Opernhaus

  1. Dass während der Vorstellung ein Handy klingelt, dafür könnt ihr nichts. Aber ein quengelnder Säugling lässt sich vermeiden.
  2. Ursprünglich war die Vorstellungsdauer mit fünf Stunden angegeben – am Ende waren es zwanzig zusätzliche Minuten. Ich hätte das Ensemble gerne länger beklatscht, wie es sich gehört hätte und angesichts der Leistung auch verdient war, aber den letzten Zug will man als Auswärtiger dennoch nicht verpassen. Es wäre schön, wenn da etwas genauere Angaben gemacht werden könnten, fünf Minuten hin oder her.
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One Comment

  • Tom Hase says:

    Ärgerlich auch, dass auch der Website 5 Stunden als Spielzeit angegeben werden, obwohl im Programmheft die korrekten 5 Stunden 20 angegeben sind. Da muss wohl etwas in der Kommunikation schwer schiefgelaufen sein.

    Für mich was übrigens Herr Fischesser neben Wewei “Was-singe-ich-da-eigentlich-gerade” Zhang der Schwachpunkt der Vorstellung. So sehr ich einzelne plastisch geformte Worte (“Atzung” war in der Tat grandios) bewundern konnte, insgesamt war die Stimm- und Atemführung doch sehr unruhig und die Höhe ein Glücksspiel. Für mich klang das teilweise nach Indisposition – was zumindest erklären würde, warum sich Herr Fischesser dauernd an die Nase fasste, wenn das Teil des Rollenporträts sein sollte, dann hätte ihm das jemand austreiben müssen.