Alcina / Karlsruhe (18.2.2018)

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  • February 18, 2018

Ein langfristiges Ziel der Händel-Festspiele Karlsruhe war es stets, das Opernschaffen des Namensgebers irgendwann vollständig abgebildet zu haben. Und so wurde in den letzten Jahrzehnten so manch abseitiges Werk zu Gehör gebracht. Unter der jetzigen Intendanz wurde – so jedenfalls mein Kenntnisstand – zum ersten Mal mit dieser Regel gebrochen und auf ein bereits gezeigtes Werk zurückgegriffen. Auf “Alcina” fiel die Wahl, eines der populärsten Werke des barocken Musiktheaters überhaupt. Es ist ein Leichtes, sich dem Publikum an den Hals zu schmeißen, Kontinuität zu bewahren hingegen nicht. Nun kann man mit Traditionen durchaus auch brechen, aber diese “Alcina” – so gepflegt-ordentlich sie auch war – sie stellte gewiss keine Berechtigung für diesen Bruch dar.

Auch gesanglich nicht, um das vorweg zu schicken, obgleich auch herausragende Leistungen zu vermelden sind. Allen voran: Aleksandra  Kubas-Kruk, die mit einer glasklaren Tongebung und atemberaubender Höhensicherheit als Morgana begeisterte. Carina Schmieger machte aus der kleinen Rolle des Oberto verdammt viel und Alexey Neklyudov beeindruckte mit biegsam-belkanteskem Tenor in der Rolle des Oronte. Abstriche waren da schon bei Nicholas Brownlee zu machen, der mit überwiegend kernigem, phasenweise aber auch kehligem Bass den Melisso gab. Merkwürdig blass und relativ kleinstimmig klang wiederum die Bradamante von Benedetta Mazzucato. Als Ruggiero hatte man David Hansen gecastet. Ich habe den feschen Australier bereits 2012 bei einem Arienabend in Frankreich gehört – und bereits da bereitete mir die Tongebung bei allem Sturm und Drang in der Interpretation auch Probleme. So auch in der heutigen Vorstellung: die Tiefe ist nicht wirklich kraftvoll (was verschmerzbar ist), in der Höhe kann Hansen jedoch, vor allem bei großen Intervallsprüngen oder im Forte, “quietschig” oder leicht “schief” klingen. Eine rein konzertante Wiedergabe des bekannten „Sta nell’ ircana“ hätte ohne brennendes Schwert deutlich weniger Applaus eingeheimst. Bei den Larghi klingt Hansen hingegen entspannter ohne aber einen wirklichen Klangzauber zu erzeugen. An Layla Claire in der Titelpartie gäbe es eigentlich nichts auszusetzen – hätte sie die Regie nicht so schmählich im Stich gelassen. James Darrah konnte oder wollte bis kurz vor Schluss nicht wirklich Stellung beziehen, wer diese Alcina eigentlich ist. Zauberin, Venus, eine weibliche Harvey Weinstein oder doch eine Frau aus dem Hier und Jetzt ? Die vierte Variante scheint ganz am Schluss noch die plausibelste zu sein, wenn die schwangere Alcina ihr alterndes Porträt sieht, aber da ist es leider zu spät. 2,9 Akte lang ist unklar, wer sie ist, was sie will, worin ihre besungene Magie eigentlich besteht und wer die sie umgarnenden Tänzer eigentlich sind. Dass ausgerechnet ihr Charakter der blasseste, der unklarste bleibt, wirkt sich bedauerlicherweise auch auf die Darstellung aus. Und so hört man einen wirklich tollen Sopran mit einer breiten Farbpalette, der je nach Situation so expressiv wie zurückhaltend-reflektierend klingen kann.

Auch sonst belässt die Regie vieles absichtlich im Unklaren, die an sich im besten Sinne des Wortes routinierte Personenführung trägt über weite Teile des Abends – auch wenn die anbiedernd modernisierten Übertitel unnötig ablenken. Das Publikum erfreute sich am ästhetischen Bühnenbild von Macmoc Design [sic !] in Weiß und Gold, das Assoziationen an eine große Landkarte oder auch bereits zerfallenden Glanz hervorrief.

Andreas Sperings solides, aber manchmal zu sehr nivellierendes Dirigat hätte dann und wann etwas mehr Drive gut vertragen. Gleichwohl ein großes Lob an die Hörner, die Violine und das Cello für die ansprechende Solo-Begleitung bei einzelnen Arien.

Was bleibt ? Ein schön anzuhörender Abend, der musikalisch dennoch unter seinen Möglichkeiten bleibt und szenisch zu wenig fordert, sich bei der entscheidenden Frage neutral verhält. Ein bisschen wenig, bei allem Zuspruch des Publikums zum Trotze.

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