Simon Boccanegra / Karlsruhe (26.1.2018)

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  • January 27, 2018

Da soll mal einer sagen, Barockopern seien schwer verständlich. Verdi hatte bei der Erstaufführung dieser nun wahrhaft verworrenen Handlung keinen Erfolg – erst mit der Zweitfassung konnte er zwei Dekaden später reüssieren. Reüssieren mit Verdi – das konnte nun auch das Badische Staatstheater nach dem spektakulär missglückten “Macbeth” wieder einmal, einer Koproduktion mit Luxemburg und Flandern sei es gedankt.

Regisseur David Hermann lässt das Werk auf mehreren Zeitebenen abspielen: in der Gegenwart und in der Zeit des historischen Vorbildes; Freunde  historisierender Kostüme (Stehkrägen) und eleganter Stadtpaläste kommen also auf ihre Kosten (Bühne und Kostüme: Christof Hetzer). Das passt, denn auch bei diesem Werk hören wir gleich zwei Verdis heraus: einerseits den noch jüngeren mit Cabalettas und dem italienischen Patriotismus der Urfassung, andererseits den älteren Verdi mit seiner düstereren, abgründigeren und pessimistischeren Seite. Dazu passt auch die Pointe zum Schluss: statt der behaupteten Versöhnung sehen wir Gabriele Adorno am Schreibtisch des Dogen sitzen, wie er brav Dokumente wie am Fließband unterzeichnet, die ihm die Gegner Boccanegras vorlegen, Amelia steht verloren im Abseits. Durch die unterschiedliche Kostümierung entsteht auch der Eindruck einer epochenübergreifenden Schicksalhaftigkeit und ein überzeugender Flashback im Prolog. Einzig das Reenactment des “letzen Abendmahls” von da Vinci war dann doch ein wenig zu viel des Guten. Merkwürdigerweise verzichtet die Regie nach der Pause dann auf jegliche Parallelisierung und erzählt die Geschichte solide (wie schon zuvor) nach. Kurzum: keine wirklich runde Angelegenheit, aber auch keine Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen müsste.

Wie so oft musste man sich bei der B-Premiere keinesfalls mit Zweitklassigem zufrieden geben: Die junge Polin Joanna Zawartko bezaubert als Amelia mit einem runden, kraftvollen Klang, der aber seine Flexibilität nicht eingebüßt hat. Karlsruhes Wotan vom Dienst machte als Paolo einen Abstecher ins italienische Fach, der ihm ausgesprochen gut bekam – dieser Intrigant lag Renatus Meszar gut in der Kehle. Nicht weniger imposant tönte Avtandil Kaspeli als Fiesco, sein Bassfundament kam hier weit besser zur Geltung als bei der “Walküre“. Problematischer war da schon der Gabriele von James Edgar Knight. Der Australier klingt hier weit freier als noch in der “Adriana Lecouvreur“, aber ich empfand seinen Tenor immer noch relativ ungeschliffen. Die Höhe bereitete erneut kleinere Mühen. Die allzu große Geste beim Schlussapplaus sollte hoffentlich Ausdruck der Erleichterung, nicht des Übermutes sein. In der Titelpartie konnte man erneut den momentan besten Sänger Karlsruhes hören: Armin Kolarczyk gab einen überaus virilen Dogen mit viel Geschmeidigkeit und Legato. Ganz hervorragend !

Getoppt wurde Kolarczyk einzig und allein durch ein wirklich pechschwarzes, gleichzeitig feinfühliges Dirigat von Johannes Willig, das die Badische Staatskapelle mit viel Gefühl umsetze. Bravissimi !

Fazit: “Simon Boccanegra” wird wohl nie mein Lieblings-Verdi werden. Aber wenn schon dieses Werk, dann gern so.

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