Die Walküre / München (22.1.2018)

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  • January 23, 2018

Mit dem Besuch der “Walküre” schließt sich nun auch für mich persönlich der Münchner “Ring”. Über fünf Jahre sind seit der Premiere vergangen, daher möchte ich mich hinsichtlich der szenischen Bewertung kurz halten: Das Konzept des Regisseurs Andreas Kriegenburg, die Handlung kollektiv zu erzählen, hatte eigentlich zu keinem Zeitpunkt wirkliches Neues ergeben, aber eine solide, für den international reisenden Bühnenzirkus praktikable Inszenierung hervorgebracht. Mag ihm in der “Götterdämmerung”  das Pulver ausgegangen sein, so konnte man im “Rheingold” (Menschenwürfel) oder “Siegfried” (Drache) beeindruckende Bilder erleben, die nicht nur optisch viel her machten. Bei der “Walküre” nun, insbesondere im ersten Teil des ersten Aktes, entpuppte sich die Erzählweise hingegen als wenig sinnstiftend, wenn zum Beispiel die einzelnen Statistinnen den Metbecher von Siegmund zu Sieglinde weiterreichen, als handle es sich um Trümmerfrauen. Da wären die vielen kleinen Gesten vollkommen ausreichend gewesen, wie das Spalten der Wassermelone als Vorwegnahme des morgigen Tages oder das abschätzige Abputzen der Hände Hundings am Kleid seiner Frau. Und schon gar nicht gebraucht habe ich die Tanzeinlage, welche den dritten Akt künstlich verlängert, und den Effekt des leise einsetzenden Walkürenritts aus dem Orchester geradewegs ad absurdum führt.

Und somit fand das größte kollektive Ereignis des gestrigen Abends bereits vor der Aufführung statt: schon lange habe ich jedenfalls keine derart große Menge an Kaufinteressenten auf dem “Kartenstrich” vor dem Nationaltheater mehr erlebt. Musikalisch hat der Griff in die Kriegskasse für einen höherwertigen Platz im ersten Rang allemal gelohnt:

Ain Anger ist mit seinem kräftigen, aber eben nicht wirklich galantem Bass nicht nur in optischer Hinsicht ein furchteinflößender Hunding, Ekaterina Gubanova gibt der Fricka ein etwas pauschales Porträt, dem es in der Tiefe zwar ein wenig an Resonanz, in der Höhe dafür umso weniger an Furor fehlt. Keine gekränkte, sondern eine eiskalte Hüterin der Ehe.

Deren Mann musste relativ kurzfristig umbesetzt werden. Wolfgang Koch war erkrankt und man behalf sich mit dem Alberich des aktuellen “Rheingoldes”. Nach meinem Dafürhalten passen diese beiden Partien nicht wirklich zusammen, daher war ich kritisch-gespannt, wie John Lundgren sich dieser anspruchsvollen Aufgabe entledigen würde. Die Antwort: ganz hervorragend. Zu Beginn seiner beiden Akte klingt die Stimme etwas trocken, wird dann aber immer wärmer und beeindruckt durch eine famose Textgestaltung. An meinen persönlichen Top-Wotan (Bryn Terfel) reicht Lundgren zwar nicht heran, aber das mag nichts bedeuten. Die Partie seiner Wunschmaid übernahm seine Landsmännin Nina Stemme mit einer zu Beginn fast zu elegant-aristokratischer Attitüde – da ist mir zum Beispiel die quirlige Herangehensweise einer Evelyn Herlitzius glatt lieber. Nur dass die eben nicht so perfekte Hojotohos schleudern kann – inklusive eines bei keiner anderen Rollenvertreterin gehörten Trillers – und mit ihrem eher tief timbrierten Sopran sowohl bei der Todesverkündung wie im dritten Akt (“War es so schmählich…”) das Publikum zum andächtigen Lauschen zwingt. Ein perfekt harmonierendes Vater-Tochter-Gespann !

Uneinheitlicher war da das Wälsungenpaar. Ich schätze Simon O’Neill sehr und würde ihm als Siegmund – da werden jetzt manche den Kopf schütteln – jederzeit den Vortritt vor manch anderem führenden Rollenvertreter lassen. Natürlich hat der Neuseeländer nicht eben das einschmeichelndste Timbre, aber er ist mit einer hervorragenden Musikalität im Vortrag gesegnet – man höre nur, wie er das “so blühe denn, Wälsungenblut” auf einen Atem singt. Durch das manchmal etwas Greinende im Vortrag klingen einzelne Passagen dafür umso zarter. Auch bei ihm ist eine wirklich durchdachte Interpretation des Gesungenen zu erleben (übrigens im Gegensatz zu manchmal etwas gleichförmigen Nina Stemme), dass man gerne gewillt ist, über das nicht besonders einnehmende Äußere oder einen kurzen Texthänger im Schwertmonolog hinwegzuhören. (Meine älteren Sitznachbarinnen sahen das dezidiert anders und urteilten: “Der ist kein Siegmund – der ist zu fett.”) Im direkten Vergleich zu Anja Kampes explosiver Sieglinde hätte es aber jeder Siegmund schwer gehabt – denn die macht sich ihre Partie ganz zu eigen. In wenigen Momenten meint man kurz, jetzt kippe die Stimme, jetzt hat sie sich zu sehr in die Phrase reingeworfen – und doch kommt sie unbeschadet aus jeder ihrer Attacken hervor. Das “hehrste Wunder”, das die besingt, es ist somit ein doppeltes: für Sieglinde und das Publikum, das Kampe am enthusiastischsten bejubelt.

Und Petrenko ? Der versucht gar nicht, das Publikum mit Effekten zu überwältigen oder gar zu überrumpeln. Nein, er überzeugt, indem er den Sängern einen Klangteppich webt, der sie nie zum Forcieren zwingt und dennoch nicht die Theatralik, die Emotionalität ausspart. Jede Instrumentengruppe ist individuell vernehmbar, keine spielt sich in den Vordergrund. Man sollte diese “Walküre” unbedingt auf Platte verewigen. Herr Bachler, wäre das vielleicht machbar ?

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