Städtebewohner / Stuttgart (16.1.2018)

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  • January 17, 2018

Besser spät als nie. Mit ihrem “Liedkonzert” gab sich Angela Denoke an ihrem ehemaligen Stammhaus – wenn auch im benachbarten Schauspiel – die Ehre mit ihrer aktuellen Zusammenstellung von Liedern Kurt Weils, Walter Kollos, Werner Richard Heymanns, Hanns Eislers, Friedrich Hollaenders und Mischa Spoilanskys. Spät, da der Abend bereits vor zwei Jahren hätte stattfinden, krankheitsbedingt aber verschoben werden musste. Und wenig, da trotz Betitelung eines Liederabends nicht mehr behauptet wurde, als dann eingehalten werden konnte. Die so enge wie haltende dramaturgische Klammer: Städtebewohner. Womit hier zumeist Berliner gemeint sein dürften.

Natürlich ist Denoke keine Chansonsängerin im eigentlichen Sinne. Und einen rauchigen Damenbass à la Marlene Dietrich kann sie als Sopran sowieso nicht bieten. Wer also eine Art Imitation erwartet haben sollte, wäre wohl gestern nicht auf seine Kosten gekommen. Dennoch fühlten sich die meisten Zuschauer bestens unterhalten, bereits zwischen den einzelnen, übrigens klug ausgewählten und mit Texten von Kästern, Brecht und Tucholsky gekoppelten Songs kam nicht nur Applaus auf, sondern immer wieder auch Kommentare. Ein gutes Zeichen, dass dieser Abend nicht nur musikalisch ansprach, sondern eben auch dramaturgisch. Ganz im Gegensatz zur allzu verkopften Mannheimer Produktion von “La reine” im letzten Jahr gelingt es den Verantwortlichen hier, einen Bogen zu schlagen, der durch wenige Gesten und Aktionen, eine sparsame Lichtregie und ein paar historischen Fotografien dem Abend teilweise einen semikonzertanten Charakter verleiht. Und einen tagespolitischen dazu, wenn man an die großkoalitionären Sondierungen denkt: der Song “Raus aus den Männern aus dem Reichstag” und dem Gedicht “Lob der Volksvertreter” passen weitaus besser zusammen als Union und SPD….

Catherine Jankes dunkle, leicht verrauchte Sprechstimme  machte  bereits zuvor, vor allem bei “Wenn die Haifische Menschen wären”, Eindruck. Norbert Nagel entlockt seiner Klarinette die gesamte Bandbreite von der Melancholie im dritten Aktes der “Tosca” bis hin zum Klezmer-Groove.  Tim Park kann sein Cello unheilvolle Töne entlocken, wie man sie aus Horrorfilmen kennt, aber auch hemmungslos schwelgen. Fast schon zurückhaltend am Klavier war da schon Tal Balshai, der Arrangeur der einzelnen Lieder.

Und die Denoke ? Sie braucht ein wenig, um warm zu werden, singt aber von Anfang an überaus textverständlich. Dabei kommt ihrer Interpretation entgegen, dass sie sich nie verstellt: wenn sie mal berlinert, dann ist das nie übertrieben-karikierend, sondern fast schon dezent. In der Mittellage hat sie fast schon den Charme einer jungen Diseuse. Aber welche Diseuse kann die Stimme wie auf Knopfdruck in stratosphärische Höhen führen und somit einen noch größeren Kontrast  zwischen den oft hart besungene Schicksalen und der eingängigen, betäubenden Musik erzeugen ? Mein persönliches Highlight des Abends: das tieftraurig dargebotene “Nannas Lied”. Mit der unvergleichlich humorvollen Darbietung über den Verlust ihres geliebten “Peter” beendete das Quintett einen wunderbaren, nachdenklichen wie unterhaltsamen Abend mit dem bittersüßen Rausschmeißer “Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen”. Ja, ich auch ein bisschen!

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