Capriccio (Premiere) / Frankfurt (14.1.2018)

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  • January 15, 2018

“Prima la musica e poi le parole” – der Streit um die Hegemonie im musiktheatralischen Schaffen, er ist längt vorüber. Warum also ausgerechnet “Capriccio”, die letzte Oper von Richard Strauss auf die Bühne bringen ? Nun, vielleicht auch, weil sich in ihr aktuelle Kontroversen des Musiktheater unter der Oberfläche Bahn brechen – nämlich die Frage nach der Kontextualisierung eines Werkes im Entstehungsumfeld. Christian Thielemann kann nach seinem Silvesterkonzert ein Lied, besser: einen UFA-Schlager, davon singen…..

Mit der Schlagzeile “Weg von der Perückenseligkeit” fasste die Presse den Regieansatz von Brigitte Fassbaender im Interview zusammen. Das ist mehr als nachvollziehbar, entstand dieses “Konversationsstück” doch während des Zweiten Weltkriegs. Da ist es schon legitim zu fragen, ob es Strauss mit seinem Eskapismus nicht doch ein wenig zu weit getrieben hat. Allerdings ist die Übertragung in  eine andere Zeit noch längst nicht Ausdruck einer kritischen Hinterfragung. Auch ein Scarpia wird ja nicht böser, nur weil er einen SS-Ledermantel trägt.

Wie geht Fassbaender also vor ? Nun, bereits zum herrlich interpretierten Vorspiel, welches die Ambivalenz des künstlerischen Schaffens in unruhigen Zeiten durch seine melancholischen Heiterkeit weit mehr transportiert als das Geschehen auf der Bühne, sehen wir ein Wintergarten-Foyer in einem französischen Schloss. Die Personen tragen Kostüme der vierziger Jahre. Ein kleiner Junge spielt mit einem Panzer und macht den Hitlergruß nach, wird jedoch ermahnt. Später wird die Gräfin ein Plakat der Resistance zusammenfalten. Aha, denkt man sich. So weit so gut, nur dass zwischen den NS-Bezügen die ganz normale Geschichte erzählt wird. Anfang sehr quirrlig, heiter, später zunehmend ermüdend, da sich die Charaktere stets der gleichen Manierismen bedienen. Ganz zum Ende wird es dann jedoch ärgerlich. Wir sehen die Gräfin – diesesmal jedoch im Rokokokostüm, welches sie zu ihrem Schlussmonolog gleich wieder ablegt, sich einen grauen Mantel und eine Baseknmütze anlegt und den Saal verlässt. Das passt aber hinten und vorne nicht – ausgerechnet die unentschlossenste Person des Stücks geht zur Resistance ? War Madeleine die ganze Zeit über Partisanin ? Wirklich überzeugend ist das nicht, ein brauchbares Konzept konterkariert sich am Ende leider selbst. Schade drum.

Zumal Sebastian Weigle aus dem Graben den Sängern einen wahrhaft idealen Klangteppich flicht. Nie kommen die Sänger in Bedrängnis, der Frankfurter GMD straft den Theaterdirektor La Roche (überaus textverständlich:Alfred Reiter mit profundem Bass) Lügen, der sich unter anderem über die viel zu laute Musik bei Opern beschwert, welche die Textverständlichkeit unmöglich mache. Bei der Mondscheinmusik möchte man, dass sie nie mehr endet.

Tanja Ariane Baumgartnerhatte am Abend zuvor noch im “Trovatore” gesungen, ihre Clairon kam aber mit dem abrupten Wechsel von Verdi zum Parlando-Stil gut zurecht.  Gordon Bintner ist als der um die Schauspielerin werdende Graf der passende eitle Gockel. Nach ihrer furiosen Kaiserin war ich von Camilla Nylund doch eher enttäuscht – ihre Fähigkeit zur Bewältigung der typischen wie anspruchsvollen Strauss-Kantilenen kann sie werkbedingt hier nur ansatzweise ausspielen. Und wenn, dann klingt das Timbre merkwürdig neutral. Die Textverständlichkeit ist ausbaubar – vorsichtig ausgedrückt. Auf welchen derbeiden Werber ihre Wahl wohl fallen dürfte ? AJ Glückert als Komponist Flamand besitzt einen kernigen Tenor, auch wenn er in wenigen Momenten einen etwas greinigen Tonfall annimmt. Daher ein knapper “Sieg”für den Dichter Olivier, dem Daniel Schmutzhard seinen längst gereiften Bariton verleiht und ihn mit exemplarischer Diktion ausstattet.

Und dennoch: der vielleicht einzig magische Moment des Abends ensteht beim Kurzauftritt des mittlerweile 76jährigen Graham Clark. Der gibt den greisen, müden Souffleur Monsieur Taupe mit mehr Witz, Esprit und Prägnanz als alle anderen Beteiligten.

Fazit: eine Regie, die mehr will als sie zeigt und ärgerlichem Schluss, ein tolles Dirigat, passable bis gute Sänger.

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