Il trittico / München (27.12.2017)

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  • December 28, 2017

Sozialdrama, Rührstück, Komödie – das Triptychon Puccinis auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Nach ihrem unsagbar dilettantischen “Mosè in Egitto” hatte ich die Erwartungshaltung an die Regisseurin bewusst so tief als nur irgend möglich abgesenkt, um nicht enttäuscht zu werden.  Dabei kamen Lotte de Beer und ihr Bühnenbildner (Bernhard Hammer) sogar unerwartet auf den Trichter. Leider nicht im übertragenen, sondern im allzu wörtlichen Sinne….

So sehen wir den ganzen Abend tatsächlich einen riesigen Trichter, in dem sich die Handlung abspielt. Allerdings schaut diese Konstruktion nicht einmal besonders imposant aus – als er sich am Ende des ersten der drei Einakter (“Il tabarro”) dreht und die Leiche Luigis auf Achterbahn schickt, wirkt das Ganze ungewollt peinlich. Ganz abgesehen davon, dass die räumliche und emotionale Enge in dieser proletarischen Dreiecksgeschichte kaum zur Geltung gebracht wird. Wolfgang Koch verleiht dem gehörnten Michele den Charme eines miesepetrigen Schalterbeamten, wirkliche Eifersucht sieht man nicht. Hören schon eher, aber da gibt sein Nebenbuhler (Yonghoon Lee) mit allzu robustem Vortragsstil auch wenig Anlass. Überrascht war ich schon eher von Eva-Maria Westbroek, die ich zum ersten Mal in einer überzeugenden Puccini-Partie wahrnehmen durfte. Klar, ihre Giorgetta klingt phasenweise etwas überreif, aber die bei Frau Westbroek oft gefährdeten Höhen sind an diesem Abend überzeugend und strahlen bei ihrer Paris-Schilderung tatsächlich so etwas wie Sehnsucht aus. Hier kommt auch das Dirigat von Kirill Petrenko besonders gut zum Tragen, welches die peniblen Partituranweisungen des Komponisten penibelst genau umsetzt und einen veristischen Stadtsoundtrack inklusive Sirene und Autohupe erschafft, unter dessen Oberfläche es stets brodelt. Petrenko und sein Orchester gleichen viel aus, was stimmlich und inszenatorisch versäumt wurde.

Ohne Pause (warum eigentlich ?) folgte “Suor Angelica”. Auch hier spürt man wenig vom konkreten Umfeld eines Klosters, was angesichts einer wirklich beklemmenden Konfrontation zwischen verzweifelter Mutter und eiskalter Tante aber weniger schwer ins Gewicht fällt als im vorausgegangenen Teil. Mit welcher Selbstbeherrschung Michaela Schuster diese Fürstin zeichnet, die am Ende tatsächlich kurz Trost spenden will und dann doch nur noch eine Unterschrift abzwingt, das ist ganz große Oper. Auch in stimmlicher Hinsicht ist diese Fürstin kein üblicher Klytämnestra-Verschnitt. Ermonela Jahos Porträt der Titelpartie überzeugt ebenfalls vollumfänglich – dieses weiche, warme Timbre ist der pure Luxus für die Ohren. Wahrhaftig die packendste Leistung des Abends, die nicht einmal vom ironisierend-geschmacklosen Leuchtkreuz im erneut zum Einsatz kommenden Drehtrichter kaputt gemacht werden konnte. Petrenkos einfühlsame Lesart zeichnet im Graben keine anbiedernde Apotheose, sondern zeigt eine Frau, die am Ende ihres Lebens mit sich im Reinen ist, ganz unabhängig davon, ob sie nun so etwas wie Erlösung erfährt oder nicht.

Nach der Pause schloss der Abend dann mit “Gianni Schicci”, dem vielleicht bekanntesten Teil, zumindest nach der unruhigen Publikumsreaktion auf das einsetzende “O mio babbino caro” zu schließen. Kurioserweise scheuchte Petrenko Rosa Feoloas reizende Lauretta ungewohnt zügig durch diese natürlich beklatschte Hitnummer, ließ es aber klangtechnisch ansonst viel perlen und spritzen, wenig krachen – und lag damit zum ersten Mal auf der gleichen Wellenlänge wie die Regie. Schon zuvor hatte sich der Trichter gedreht und das Totenbett um 180 Grad gedreht – da hatte sich der Effekt aber schon arg abgenützt. Ansonsten lässt de Beer die Handlung “humordosiert” stattfinden, amüsanter empfand ich noch eher die in ihrer überzeichneten Kuriosität an Monty Python erinnernden Renaissancekostüme (Jorine van Beek).  Für den erkrankten Pavol Breslik sprang Galeano Salas aus dem Opernstudio ein und bot eine sehr achtbare Darbietung der Florenz-Arie. Routiniert im besten Sinne des Wortes entledigte sich Ambrogio Maestri der Partie des gerissenen Erbschleichers. In einer weniger nüchternen Inszenierung hätte der Publikumsliebling womöglich mehr von seinem komödiantischen Talent zeigen können.

Fazit: Bayerische Staatsoper as usual. Hochkarätige Sänger, welche die in sie gesetzten Erwartungen nicht immer erfüllen (aber wenn sie es tun, dann sind es jedoch Volltreffer wie Ermonela Jaho), eine repertoiretaugliche Regie, die zu keinem Zeitpunkt den Anspruch hat, Rezeptionsgeschichte schreiben zu wollen und es auch gar nicht versucht, dies hinter einer enormen Bühnenkonstruktion jedoch zu verstecken sucht und natürlich ein GMD, der über all diesen Unpässlichkeiten thront und auch gehobenes Mittelmaß auf der Bühne durch ein packendes Dirigat veredelt. Ob der Nachfolger dazu auch in der Lage sein wird ?

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