Serse / Versailles (19.11.2017)

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  • November 20, 2017

Kaum zu glauben, aber bei der Uraufführung 1738 war “Serse” tatsächlich ein Flop. Dabei – oder vielleicht: daher ? – hören wir gleich zu Beginn der konzertant dargebotenen Oper eine von Händels bezauberndsten Melodien, das “Ombra mai fu”. Und nein, der Misserfolg rührte wohl auch nicht daher, dass der persische König seine Wertschätzung eines Baumes (!) besingt und damit selbst für Barockopern ein Höchstmaß dramaturgischer Absurdität erreicht, sondern er wurzelt schlicht und ergreifend in der Tatsache, dass der Komponist buffo-Elemente in eine opera seria einarbeitete und auf die konventionelle Form der da capo-Arie verzichtete.

Und so benötigte auch ich erneut ein bisschen, mich in diesen unorthodoxen  Händel einzuhören. Dass das doch relativ schnell gelang, lag auch am jungen Dirigenten Maxim Emelyanychev. Mit jungenhaftem Charm und Schalk balancierte er gekonnt mit seinem neunzehnköpfigen Orchester, dem “Il Pomo d’Oro”, auf einem schmalen Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Boulevard. Nebenbei spielte er im Stehen Cembalo und fing die unerwartet schmeißende, aber mit apartem Sopran singende Francesca Aspromonte (Atalanta) gekonnt und mit Humor wieder ein. Inga Kalna lieh der Romilda ein sehr mütterliches Timbre, Vivica Genaux gurgelte gekonnt als Arsamene das Kabinettsstückchen “Si lo voglio”. In der zweiten Hosenrolle blieb Delphine Galou als Amastre hingegen etwas blass. Bei den Herren konnte man im Bassfach gleich zwei Vertreter hören: Biagio Pizzutis stimmlich zu großen Variationen fähiger Elviro und das prachtvolle Organ von Andrea Mastroni in der Partie des Ariodate.

Unbestrittener Star des Nachmittags in nicht ganz ausverkauften Schlossoper war jedoch wie erwartet Franco Fagioli. Der hat in Interviews immer wieder darauf hingewiesen, nicht aus der Tradition der englischen Oratorien, sondern der italienischen Belcanto-Oper zu kommen. Diesen Mut zu immer halsbrecherischen Koloraturen, noch höher geschraubten Spitzentönen machte erneut sprachlos und wunschlos glücklich. Allein das vehement vorgetragene “Crude furie” kurz vor Schluss war jeden Cent der nicht ganz billigen Eintrittspreise wert. Und dennoch täte man Fagioli unrecht, in ihm nur eine Art Koloraturmaschine zu sehen, wie man es häufig bei asiatischen Koloratursopranen, gerne als Königinnen der Nacht besetzt, beobachten kann. Denn das bereits erwähnte “Ombra mai fu” klingt zwar nicht so ätherisch rein, nicht so schwebend wie noch vor einer Woche bei dessen Kollegen Philippe Jaroussky in Baden-Baden, sondern – im besten Sinne des Wortes – erdig beziehungsweise warm. Oder bildlich gesprochen: Während Jarousskys Gesang Gedanken an einen japanischen Zierbaum mit delikaten Blüten evoziert, klingt das berühmte Largo bei Fagioli nach einer Palme am Sandstrand, die von einer leichten Brise umrauscht wird. So – und ehe das hier zu arg ins Esoterische abdriftet: Bravo Franco !

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