La clemenza di Tito / Paris (18.11.2017)

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  • November 20, 2017

Selten war ich so beeindruckt von einem Opernabend. Und das, obwohl die musikalische Darbietung bestenfalls solide war. Das liegt zum einen am Ort selber – der Opéra Garnier. Ich bin nun in so einigen Opernhäusern gewesen, aber dieses strahlt besitzt auf derart bezwingende Weise eine gemischt aristokratisch-großbürgerliche Aura, dass man aus dem Staunen kaum heraus kommt. Und so habe ich die erste Stunde vor der Ouvertüre genutzt, auf den Spuren des Phantoms der Oper (Loge 5, Kronleuchter) und dessem Schöpfer, Gaston Leroux, zu weilen, so dass es mir dann auch ganz egal war, dass ausgerechnet Dan Ettinger am Pult stand.

Der leitete die Aufführung umsichtig, aber ohne großen Ehrgeiz zur Originalität. Die Trompeten waren zu Beginn zu dominant, dafür wiederum unterstrich die Klarinette in der “Parto”-Arie des Sesto gekonnt das Geschehen auf der Bühne. Und – ganz ungewohnt – half Ettinger Ramon Vargas in der Titelpartie, dessen Darbietung mich etwas hilflos zurück ließ. Das lag zum einen an einem dezenten wie unüberhörbaren Sigmatismus, aber auch an einer dünnen, kurz angebundenen Höhe. Amanda Majeskis Vitellia besitzt rollendeckend einige Schärfen in der Höhe, kann bei Bedarf aber auch einschmeichelnd tönen – allerdings ist auch ihre Höhe nicht ganz unfrei. In der Partie des Sesto konnte man Stéphanie d’Oustrac hören – auch hier alles ohne Fehl und Tadel, aber wirklich bezwingend war das auch nicht. Als sich findendes Liebespaar beeindruckten da Antoinette Dennefeld (Annio) und Servilia (Valentina Narfonita) schon mehr. Marko Mimica vervollständigte mit kräftigem, aber etwas wattigem Bass in der Role des Publio das Sextett.

Was den Abend dann neben der architektonischen Umstände bemerkenswert machte, war die Regie der nunmehr 44. Aufführung dieser Inszenierung durch Willy Decker. Decker zeigt Titus als einen Mann, den das Amt schlicht und ergreifend überfordert. Schon während der Ouvertüre laufen die Personen durcheinander, bis Titus irgendwann die etwas zu große Krone aufgesetzt wird. Die anderen belauern ihn plötzlich, laufen kurz auf ihn zu und gehen dann doch wieder ab, der neue Kaiser bleibt allein zurück vor einem riesigen Steinquader, der sich im Laufe  des Abends dann peu à peu zum riesigen Marmorkopf wandelt. In ihrer großen Arie im zweiten Akt besteigt Vitellia dann einen Thron, der auf zahlreichen verbleibenden Steinresten steht. Dieser Thron ist wackelig und wurde auf jenen “Spänen” errichtet wird, wo in der Politik gehobelt wird. Bereits im ersten Akt findet ein Rosenstrauß immer wieder Verwendung für die zahlreich wechselnden Verlobungen. Wir merken: es ist das Amt, das zählt – nicht die Person, die es ausfüllen muss. Ebenso gekonnt zeigt Decker, wie sehr das Volk Strenge und Regeltreue einfordert, was Titus immer wieder ins Dilemma stürzt. Eine wirklich bezwingende, aber auch unaufdringliche Interpretation, welche den Abend aus dem musikalischen Mittelmaß (das war Karlsruhe in vielerlei Hinsicht besser) zu entreißen vermochte.

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